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Burschenschaften : Zu Jena auf der Tanne

Burschen heraus: „Grüne Tanne“ (rechts) am Ufer der Saale Bild: Look

Vor 200 Jahren gründeten Studenten die „Burschenschaft“. Ohne sie hätte es kein Wartburgfest gegeben und auch nicht die Farben Schwarz-Rot-Gold. Doch heute ist das Ansehen der Verbindungen beschädigt.

          Die Enttäuschung war groß: Die Befreiungskriege gegen Napoleon hatten nicht zu einem geeinten Vaterland geführt. Im 1815 gegründeten Deutschen Bund waren weiterhin 34 Fürstentümer und vier freie Städte versammelt, alle durch Grenzen und oft auch Gesinnungen voneinander getrennt. Die regionalen Unterschiede spiegelten sich in den landsmannschaftlichen Vereinigungen an den Universitäten wider, in Jena zum Beispiel hatten sich Franken zur Franconia, Thüringer zur Thuringia, Sachsen zur Saxonia zusammengeschlossen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Am 12. Juni vor 200 Jahren zogen Jenaer Studenten zum Gasthaus „Grüne Tanne“, legten ihre landsmannschaftlichen Fahnen nieder und gründeten die „Burschenschaft“, womit sie die „Gesamtheit der Burschen“ meinten. Jeder Student, nichts anderes war ein „Bursche“, der sich von „Bursarius“, dem Bewohner einer studentischen Burse ableitete, sollte sich ohne Rücksicht auf seine regionale Herkunft für einen Einheitsstaat aller Deutschen einsetzen. Maßgeblich beeinflusst wurden sie von den Ideen so namhafter Gelehrter wie Ernst Moritz Arndt, Friedrich Ludwig Jahn („Turnvater Jahn“) und Johann Gottlieb Fichte, der schon 1807/1808 seine „Reden an die deutsche Nation“ in Berlin gehalten hatte.

          Noch heute beziehen sich in Deutschland fast alle Burschenschaften auf diese „Urburschenschaft“, ohne die es kein Wartburgfest am 18. Oktober 1817 gegeben hätte und auch nicht die Farben Schwarz-Rot-Gold, die erstmals von den Studenten auf der Wartburg bei Eisenach getragen wurden. Ihr Wahlspruch lautete „Ehre, Freiheit, Vaterland“. Ihre Forderungen, formuliert in den „Grundsätzen und Beschlüssen des achtzehnten Oktobers“ (darunter Freiheit der Person, Gleichheit vor dem Gesetz, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Meinungs- und Pressefreiheit) fanden Eingang in alle künftigen Verfassungen der Deutschen – von der Paulskirche über Weimar bis zum Grundgesetz.

          Goethe: Zeitzeuge der frühen Jenaischen Burschenschaften

          Für die Herrschenden waren Burschenschafter „Demagogen“, die verfolgt und schon bald verboten wurden. Die Verbote betrafen auch jene drei Jenaer Burschenschaften, die an diesem Wochenende als „Urburschenschaften“ ihr 200. Stiftungsfest feiern können: Germania, Teutonia und Arminia auf dem Burgkeller. Die Jenaer Arminen fanden nach der Wende 1994 im wiederhergestellten Gasthaus „Grüne Tanne“ sogar ihre Bleibe. Sie besonders stehen für die Tradition der historischen Brau- und Schankstätte an der Camsdorfer Brücke, die schon seit dem frühen Mittelalter besteht und lange vor der Gründung der Burschenschaften Ausflugslokal für die Studenten der 1558 gegründeten Friedrich-Schiller-Universität war.

          Unter anderen Goethe zählt zu den Zeitzeugen der frühen Jenaischen Burschenschaften in der „Tanne“. Er hatte sich 1817 im Erker des Hauses eingemietet, das, wie er an seinen Weimarer Ministerkollegen Christian Gottlob von Voigt schrieb, „mit allen schönsten Aussichten um Jena wetteifert“. Zwar entstand hier nicht der „Erlkönig“, wie in Jena bis heute erzählt wird, aber Goethe arbeitete in der „Zinne über dem rauschenden Brückenbogen“ am „West-östlichen Divan“. Und er ließ sich über die Studenten aus und den „garstigen Wartburger Feuerstank, den ganz Deutschland übel empfindet“. Offenbar fürchtete der „Fürstendiener“ um seine Position im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. In der „Tanne“ traf Goethe auch auf einen der Rädelsführer der burschenschaftlichen Bewegung, den Studenten Heinrich von Gagern, der 1848 als Präsident der Frankfurter Nationalversammlung in die Geschichtsbücher einging.

          Zahlreiche Burschenschaften nach rechts gedriftet

          Die Verdienste vieler Burschenschafter um das deutsche Vaterland sind unbestritten. Ihr einst großer Verband aber, die Deutsche Burschenschaft (DB), hat allein in den vergangenen acht Jahren noch einmal fast die Hälfte seiner Mitglieder verloren (von mehr als 120 auf 66), weil zahlreiche Burschenschaften politisch nach rechts drifteten. Damit haben sie nicht nur ihren eigenen Traditionen, sondern auch dem Ansehen aller anderen, meist unpolitischen Verbindungen geschadet – die Burschenschaften machen nur etwa 15 Prozent der mehr als 1000 Korporationen im deutschsprachigen Raum aus.

          Auch die 200 Jahre alten Jenaischen Burschenschaften haben bereits 2007/2008 die DB verlassen, weil der Verband, wie es heißt, nicht mehr der Männer des 20. Juli und ihres Widerstandes gegen Hitler und die Nationalsozialisten gedenken wollte. Die Burgkeller-Burschenschaft Arminia hat sich inzwischen der wachsenden Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ) angeschlossen und will im Geiste der Urburschenschaft und auf Basis der freiheitlich-demokratischen Grundordnung im nächsten Jahr mit anderen liberal gesinnten Burschenschaften einen neuen Verband gründen.

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