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11. September : Das lange Ende der Liste

Die Schritte einer DNA-Analyse Bild: F.A.Z.

Mehr als ein Drittel der Opfer vom World Trade Center können nie identifiziert werden. Die Untersuchungen von DNA-Spuren sind kompliziert und vor allem auf Vergleichsproben angewiesen.

          Auch in der Leichenhalle der New Yorker Gerichtsmedizin ist der 11. September 2001 noch nicht vergangen. Die Kühllastwagen im provisorischen Zelt an der First Avenue bergen Tausende von Knochen und Gewebeteilen.Die Rechtsmediziner arbeiten weiter daran, diese Überreste Opfern zuzuordnen. Aber es dauert. "Vielleicht werden wir den Fall nächstes Jahr im September abschließen", sagt die Deutsche Mechthild Prinz, die seit 1994 beim Office of the Chief Medical Examiner (OCME) arbeitet. Daß es lange dauern würde, wußte man sofort: In den ersten Tagen sprach man von mehr als 6000 Toten, und die erste Vermißtenliste umfaßte gar mehr als 20 000 Namen. Die Arbeit der Rechtsmediziner und Kriminaltechniker besteht, wenn man so will, seit zwei Jahren darin, durch Identifizierung und Ausschließung diese Liste immer weiter zu verkürzen: Zur Zeit liegt die offizielle Zahl der Opfer in New York bei 2792. Viele Familien werden noch einen Totenschein zugestellt bekommen. Aber zahlreiche Hinterbliebene werden nie letzte Gewißheit über den Tod ihres Angehörigen erlangen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Arbeit begann für die Rechtsmediziner schon am Morgen des 11. September 2001. Charles S. Hirsch, der Chief Medical Examiner, machte sich, kaum daß die beiden Flugzeuge um 8.46 Uhr und 9.03 Uhr in die Türme gerast waren, mit sechs Mitarbeitern auf den Weg. Am World Trade Center wollten sie eine provisorische Leichenhalle aufbauen. Als um 9.59 Uhr der Südturm in sich zusammenstürzte, wurden Hirsch und einige seiner Leute verletzt. Aber sie arbeiteten weiter. Einige Stunden später wurde der erste Leichnam gebracht: Mychal Judge, der Kaplan der New Yorker Feuerwehr, dessen Todesumstände im Dokumentarfilm der Brüder Jules und Gédéon Naudet gezeigt werden, bekam die Nummer DM-01-00001 - "DM" für "Disaster Manhattan". 291 vollständige Leichen und mit der Zeit immer mehr Leichenteile wurden ins Zelt der Forensiker an Ground Zero gebracht. In den ersten Wochen bargen Polizisten, Feuerwehrleute und Rechtsmediziner die Toten aus dem gigantischen Trümmerhaufen. Dann brachte man die Trümmer mit Lastwagen und Schleppkähnen auf die ehemalige Mülldeponie Fresh Kills in Staten Island. Dort begann ein Prozeß von makabrer Logik: Wegen der 1,6 Millionen Tonnen Trümmer mußte man das Aussortieren der Leichenteile gewissermaßen industrialisieren. Hunderte Polizisten des New York Police Department (NYPD) und Freiwillige von D-Mort (Disaster Mortuary Operational Response Team) saßen an Fließbändern und suchten aus den kleinen Trümmerteilen alles heraus, was wie ein Überrest eines Menschen aussah.

          Kleinstteile von Menschen

          Sie konnten nur grob sortieren. In Kriminalfällen bearbeiten Rechtsmediziner oft stecknadelkopfgroße Blutspuren. In der graubraunen Masse auf dem Fließband fand man so kleine Gewebeteile gar nicht. "Die kleinste Einheit, die vom Fließband kam, waren Zähne", sagt Mechthild Prinz. Knochen in der Größe von Zähnen erkannten die Polizisten schon nicht mehr. Von den meisten Opfern fand man keine größeren Körperteile: Als sich selbst Schreibtische, Büroschränke und Computer in Staub auflösten, wurden erst recht die Menschen zum Verschwinden gebracht. Viele aber eben nicht ganz: Von manchen Opfern fand man nur ein kleines Knochenstückchen, von einem Opfer fast 200 Teile.

          Insgesamt wurden 19 936 Leichen und Leichenteile in die Rechtsmedizin gebracht. Dort inspizierten ein Mediziner, ein Fotograf und ein Mitarbeiter des DNA-Labors die Überreste äußerlich, fotografierten, numerierten, versahen die Tüten mit Strichcodes, leiteten sie weiter zur Röntgenaufnahme, zur Fingerabdruckstation oder zu den DNA-Fachleuten. Mit konventionellen Methoden - meist über den Zahnstatus, aber auch über Fingerabdrücke, Röntgenabgleiche, Tätowierungen - wurden 726 Leichen identifiziert. Diese Methoden jedoch waren im Mai 2002 erschöpft. Seitdem wird nur noch per DNA untersucht. Und das geht langsam: Waren zum ersten Jahrestag 1402 Opfer identifiziert, so sind es ein Jahr später nur 122 mehr.

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