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11. September : Das Ende der Gemeinsamkeit

  • -Aktualisiert am

Stille Trauer: Jack Lynch hat seinen Sohn am 11.September verloren. Bild: AP

Ground Zero sieben Monate nach den Anschlägen: Die Normalität vor Ort hält mit dem erwarteten Schrecken nicht Schritt. Eine Bilderstrecke.

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          Trotz der Bretter und Maschendrahtzäune ist Ground Zero, der Ort, an dem das World Trade Center einstürzte, wieder ein öffentlicher Platz. Jedenfalls für die Blicke neugieriger Touristen. Hunderte recken ihre Hälse, heben ihre Videokameras über den Kopf, um einen Blick auf New Yorks größte Baustelle werfen zu können.

          Viele stehen mit verschränkten Armen vor den Beileidsbekundungen und Blumen, die an den Zäunen hängen, und lassen sich fotografieren. Auf den Gesichtern der Menschen liegt kein Entsetzen und keine Trauer - lediglich ein junges Mädchen versucht mit Tränen in den Augen ihr Foto zu schießen. Die Normalität vor Ort scheint mit dem erwarteten Schrecken nicht Schritt halten zu können.

          Individuelles Grauen

          Um so erschreckender ist die Fahrt mit der U-Bahn vorbei am Unglücksort: Die Haltestelle unmittelbar neben dem World Trade Center ist seit dem 11. September geschlossen. Kein New Yorker und kein Tourist hat sie seitdem betreten. Die Halle und der Bahnsteig sind voll ausgeleuchtet und aufgeräumt. Die U-Bahn fährt im Schritttempo an der Geisterstation vorbei und schafft Raum für das individuelle Grauen. In der Bahn sagt keiner ein Wort.

          Bagger beseitigen die letzten Reste Schutthaufen an Ground Zero
          Bagger beseitigen die letzten Reste Schutthaufen an Ground Zero : Bild: AP

          Ein Professor der New Yorker Columbia University erzählt von den Stimmungswechseln innerhalb der letzten sieben Monate: „In den ersten Wochen nach den Anschlägen wurde es bei jedem Flugzeug über der Stadt so ruhig, dass man eine Stecknadel fallen hören konnte. Die Leute sind abrupt stehen geblieben, haben sich in die Arme genommen und sich Mut zugesprochen. Wenn man heute selbst auf der Straße zusammenbricht, kann man froh sein, wenn überhaupt einer Notiz davon nimmt.“

          Kitsch und Kommerz

          Auf der Straße spricht niemand mehr von den Anschlägen, den Terroristen und den Folgen. Auch aus den Nachrichten ist der 11. September verschwunden. Lediglich in den Niederungen der täglichen Talkshows wird weiter geweint, verdammt und nach Antworten gesucht. Für die New Yorker Künstler und Intellektuellen Grund genug, den Schulterschluss mit der breiten Bevölkerung zu kündigen. „Die Stadt hat die Anschläge verarbeitet“, sagt Carrie Demiculangan, eine New Yorker Opernsängerin. „Wir haben zusammen gestanden und geweint und sind nun fertig mit dem 11. September. Was geblieben ist, ist Kommerz und Kitsch.“

          Der Kitsch ist aus den Köpfen der Menschen direkt in die Schaufenster der New Yorker Läden gewandert. In den Souvenierläden in Downtown stehen kleine Knetfiguren von Feuerwehrmännern und Polizisten, Hand in Hand um ein Knet-World-Trade-Center. Auf dem Plastik-Marmor-Sockel darunter steht: „United we stand“. Ein Albtraum aus Fimo - fast eine Beleidigung für die Opfer, so empfinden das viele hier.

          Back to normal

          Die vielbeschworene „Unity“, das Zusammengehörigkeitsgefühl nach den Anschlägen, liegt nicht nur weltweit, sondern insbesondere in New York in engen geographischen Grenzen. Zeugt an der 85. Straße West noch ein Engel, der unter seinen Flügeln je einen Feuerwehrmann und einen Polizisten hält, von Respekt vor den „local authorities“, sucht man weiter nördlich im armen Harlem oder in der Bronx vergeblich nach solchen Zeichen für gemeinsame Werte. Viele Menschen hier sind ebenso selten im Süden der Stadt, in der Gegend um das ehemalige WTC, wie ein Europäer oder ein Japaner.

          New York hat nach den Anschlägen wieder zu sich selbst gefunden. Noch immer ist es eine der offensten, schnellsten und faszinierendsten Städte der Welt, die den Verlust eines Integrationspunktes mit amerikanischem Pragmatismus zu meistern versucht. Die Stimmen derer, denen das alles viel zu schnell geht, werden in der hektischen Betriebsamkeit nicht mehr gehört. Denn: „New York is back to normal“.

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