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11. September 2001 : Erschütternde Notrufe aus dem World Trade Center veröffentlicht

  • Aktualisiert am

Journalisten durchforsten die Abschriften der WTC-Telefonate Bild: AP

Letzte Notrufe von verzweifelten Menschen, die am 11. September 2001 im World Trade Center eingeschlossen waren, sind am Freitag nach einem langen Rechtsstreit mit Angehörigen veröffentlicht worden.

          Die New Yorker Behörden haben in der Nacht zum Freitag Aufzeichnungen von Anrufen verzweifelter Menschen veröffentlicht, die vor ihrem Tod im World Trade Center noch die Polizei um Hilfe angerufen hatten. Die umfangreichen Tonbandmitschnitte vom 11. September 2001 offenbaren bereits nach einer ersten Durchsicht unermeßliches Leid, aber auch ein großes Maß an menschlicher Würde und Stärke im Angesicht des Todes.

          In der rund 2.000 Seiten umfassenden Ausschrift wird auch die Kommunikation zwischen Rettungskräften und ihren Einsatzzentralen wiedergegeben. Der Herausgabe der Tonbandaufzeichnungen war ein Monate langer Rechtsstreit vorausgegangen, den die Zeitung „New York Times“ am Ende gewann.

          „Wir brauchen Hilfe“

          „Wir brauchen Hilfe“, ist immer wieder zu lesen. „Wir arbeiten uns nach oben, es wird aber immer rauchiger, wir tun unser bestes“, heißt es an anderer Stelle. „Im Allgemeinen wird deutlich, wie Menschen versuchten, auf heldenhafte und professionelle Art, einen Tag des Horrors zu überleben“, sagte Greg Trevor, Sprecher der Port Authority, der bundesstaatlichen Eigentümerin der WTC-Türme sowie des Grund und Bodens, auf dem sie standen.

          Die Dokumentensammlung offenbart erneut das unermessliche Leid der Opfer sowie von Angehörigen, die sich verzweifelt in der Hoffnung auf Hilfe an die Behörden wandten. Sie verdeutlicht zudem einmal mehr die Hilflosigkeit der New Yorker Polizei und Feuerwehr, die auf einen Anschlag wie den Angriff auf das World Trade Center mit zwei entführten Passagierflugzeugen nicht vorbereitet war. Und sie zeigt auch, daß viele der Rettungskräfte und der in den WTC-Türmen eingeschlossenen Opfer ein hohes Maß an menschlicher Würde und Stärke im Angesicht des Todes bewahrten.

          Zugleich rufe die Veröffentlichung überall in den Vereinigten Staaten das schreckliche Geschehen am 11. September und die nach wie vor bestehende Gefährdung durch den internationalen Terrorismus wieder ins Bewußtsein, hieß es in Kommentaren von amerikanischen Medien.

          Reaktionen im Angesicht des Unfaßbaren

          Aus den Abschriften der Notrufe und Funksprüche geht unter anderem hervor, daß die Polizei Anrufer aus den obersten Etagen des Turms, der zunächst nicht von einem Flugzeug getroffenen wurde, aufforderte, das Gebäude nicht zu verlassen. Viele Anrufer sind auch nicht zu verstehen, Horror und Hysterie an diesem Tag werden aber deutlich. „Wir müssen wissen, ob wir hier raus müssen, weil wir wissen, daß es eine Explosion gegeben hat“, sagte ein Anrufer aus dem zweiten Turm telefonisch einem Polizisten. Dieser fragte zurück, ob auf dem Stockwerk Rauch zu sehen sei; der Anrufer vereinte. „Sollen wir gehen oder nicht?“, fragte er. „Ich würde zunächst warten“, bekommt er zur Antwort.

          Niemand in den oberen Stockwerken des Turms überlebte, nachdem das zweite Flugzeug kurz nach 09.00 Uhr in der Höhe des 80. Stockwerks eingeschlagen war. Die Evakuierung des zweiten Turms wurde von Angehörigen der Opfer als zu spät kritisiert. Die Abschriften verdeutlichten jedoch die schwierigen Entscheidungen, vor denen sowohl die Anrufer als auch die Mitarbeiter der verantwortlichen Hafenbehörde standen. „Sie zeigen, daß Menschen an einem Tag des Schreckens ihre Pflicht heroisch und professionell erfüllt haben“, sagte der Sprecher der Hafenbehörde, Greg Trevor. Insgesamt 47 Mitarbeiter der Hafenbehörde, die Eigentümerin des World Trade Centers war, wurden bei dem Angriff getötet.

          Andere Anrufer erreichten die Polizei vom Dach des World Trade Centers. Unter ihnen waren auch Mitarbeiter des Restaurants „Windows of the World“ im 106. Stockwerk. „Wir brauchen Anweisungen, wohin wir unsere Gäste und Mitarbeiter bringen sollen“, sagte eine Restaurant-Leiterin und berichtete von starkem Rauch. „Wir tun unser Bestes. Wir versuchen, zu ihnen heraufzukommen“, antwortete ein Mitarbeiter der Hafenbehörde. „Rufen Sie in zwei oder drei Minuten zurück, und ich werde herausfinden, wohin Sie gehen müssen.“ Einige Anrufer berichteten auch von Menschen, die in Panik vom Dach der Wolkenkratzer sprangen. „Ja, ich habe hier Dutzende Leichen, Menschen springen einfach vom Dach des Gebäudes auf ... vor das Gebäude 1“, sagt eine männliche Stimme. „Menschen, Leichen fallen einfach vom Himmel ... vom Dach des Gebäudes.“ „Leichen?“ fragt eine weibliche Stimme in der Vermittlung. Die für die Tonbandabschriften verantwortliche Verwaltungs- und Protokollchefin der Hafenbehörde, Catherine Pavalec, sagte: „Die Bänder zeigen, wie viele Menschen damals Hilfe brauchten, und wie knapp die Zeitspanne war, die uns zur Hilfe blieb.“

          Berechtigtes Interesse an dem genauen Hergang

          Die „New York Times“ hatte geltend gemacht, daß die Öffentlichkeit ein berechtigtes Interesse daran habe, über das Geschehen nach dem terroristischen Anschlag genau informiert zu werden. Einige Angehörige der 2.792 Opfer des Terroranschlags hatten sich gegen die Veröffentlichung gewehrt. Sie hatten argumentiert, daß auf den Mitschnitten ganz private letzte Worte zu hören seien.

          Vertreter zahlreicher Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehstationen aus aller Welt standen am Donnerstagabend Schlange, um für einen Unkostenbeitrag von 500 Dollar (460 Euro) die Mitschriften sowie Kopien der insgesamt rund 260 Stunden umfassenden Tonbandaufzeichnungen abzuholen.

          Auszüge der Kommunikation zwischen vom Tode bedrohten Menschen und weitgehend hilflosen Polizisten veröffentlichten amerikanische Medien bereits kurz nach Freigabe der Dokumente im Wortlaut.

          Amerikaner rechnen mit weiteren Anschlägen

          Knapp zwei Jahre nach den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten rechnen die meisten Amerikaner mit weiteren Attentaten in ihrem Land. Nach einer Umfrage des Instituts Gallup glauben vier von fünf amerikanische Staatsbürger, daß Terroristen sich bereits in den Vereinigten Staaten aufhalten und Anschläge vorbereiten. Zwei Drittel erwarten einen chemischen oder biologischen Angriff und ein Drittel sogar einen atomaren Anschlag.

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