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100 Jahre Edersee : Ein Feriensee taucht wieder auf

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Der Idealverlauf ist das Ziel aller Mühen

Die Flutgipfel beider Flüsse sollen nach langen Regenfällen oder der Schneeschmelze möglichst nicht gleichzeitig in Hannoversch Münden zusammenfließen, sondern zeitversetzt. Schwer zu kalkulieren sind Regenfälle, die zwischen dem Ablassen von Zuschusswasser aus dem Edersee im weiten Einzugsgebiet der Oberweser niedergehen und die Welle in Hannoversch Münden höher anschwellen lassen, als es nötig wäre.

Die Behörde in Hannoversch Münden orientiert sich an Erfahrungswerten seit 1915. Im Mai, wenn der Schnee geschmolzen und eine häufig niederschlagsreiche Phase vorüber ist, sollte die Talsperre ihren Vollstau von knapp 200 Millionen Kubikmetern erreicht haben. Dann sinkt der Wasserstand stetig bis Ende Oktober auf etwa 75 Millionen Kubikmeter. Denn vor Beginn des niederschlagsreichen Herbstes, einem eventuell schneereichen Winter und einem vielleicht verregneten Frühjahr muss genügend „Hochwasserschutzraum“ in der Talsperre geschaffen werden. Die tatsächlich gefahrene Ganglinie hat freilich niemals den idealtypischen Verlauf; den Idealverlauf zu erreichen ist jedoch das Ziel aller Mühen.

Die Mauer ist aus Grauwacke, einem Gestein aus Steinbrüchen der Region. Sie ist eine Schwergewichtsmauer, die aufgrund des hohen Eigengewichts dem Wasser standhält, in das sie sich zur Seeseite kreisförmig wölbt. Scheinbar unverrückbar fest steht sie da. Doch auch ein solches Monument bewegt sich. Bis zu 1,5 Zentimeter neigt sich die Mauer mit dem Wasserdruck, und ihre Sohle ist von Sickerwasser durchdrungen. Im unteren Kontrollgang tropft Wasser von der Decke, und es rinnt die Wände herab. Permanent wird es abgepumpt. Veränderungen im Bauwerk werden mit Hilfe von Extensiometern und Loten gemessen, die in die Mauer eingelassen sind. An der Luftseite gibt die Überwachung von 21 Messpunkten Hinweise auf mögliche Bewegungen.

Krieg zerstörte Teile der Talsperre

Von 1991 bis 1994 wurde die Mauer auf ein tausendjähriges Hochwasser ausgelegt. 104 Stahlanker, jeder 70 Meter lang, durchziehen die Mauer von der Krone bis 30 Meter tief in den Fels unterhalb des Bauwerks. Kleine Öffnungen, am Boden des oberen Kontrollgangs unterhalb der Fahrbahn auf der Mauerkrone, erlauben die Injektion von dichtendem Beton. Im Abstand von etwa einem Meter reihen sich die Abdeckungen der Schächte über den gesamten Kontrollgang aneinander.

Doch das Bauwerk ist nicht unverletzlich. In der Nacht auf den 17. Mai 1943 flogen 19 britische Langstreckenbomber mit jeweils einer Rotationsbombe an Bord einen Angriff auf die Möhnetalsperre, ein Ablenkungsmanöver auf die Sorpetalsperre und einen Angriff auf die Edertalsperre. Eine der Bomben riss ein Loch von 60 Metern Breite und 22 Metern Tiefe in die Mauer. Eine neun Meter hohe Flutwelle rauschte zu Tal. 68 Personen kamen ums Leben, und mehr als 200 Gebäude und Brücken wurden zerstört. Die Größe der Zerstörung ist an der Luftseite der Mauer bis heute zu erkennen. Die Grauwacke, mit der das Loch gleich nach dem Angriff wieder verschlossen wurde, ist anders gefärbt als der ursprünglich verbaute Stein. Es fehlen Mittelabflüsse, und die oben liegenden Überläufe der Mauer sind, wo das Loch war, mit rotem statt grauem Stein gefasst.

Auf der Seeseite der Mauer lässt der Wasserstand im See schon den Herbst erahnen, bevor der Hochsommer begonnen hat. Das Wasser steht etwa fünf Meter unter Vollstau in diesem trockenen Jahr, in dem kaum Schnee schmolz und wenig Regen fiel. Bis zum Herbst könnte das Wasser bis auf 25 Meter unter Vollstau fallen. Dann gibt der See seine Geheimnisse frei. Bei zehn Meter unter Vollstau taucht die alte Brücke bei Asel aus dem See auf. Zieht sich das Wasser um fünf weitere Meter zurück, liegen die Grundmauern jener Häuser auf, die einmal die Dörfer Berich, Bringhausen und Asel bildeten, sofern sie das Auf und Ab des Ederwassers in hundert Jahren nicht fortgewaschen hat. Auch die Gräber kommen wieder ans Licht, die vor dem Anstau des Sees mit Betonplatten gesichert wurden. Die Lebenden zogen um. Die Toten blieben.

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