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Gravierende Folgen : Wie gefährlich ist Mikroplastik?

Mikroplastik wird unter anderem industriell in Peelings und Cremes eingesetzt. Bilderstrecke
Mikroplastik : Der Weg in die Umwelt

Fath erklärt, dass die Forschung einen kritischen Grenzwert sieht, wenn in einem Liter Wasser zehn Partikel auftauchen. „Im Tennessee River haben wir 18 Partikel pro Liter gefunden.“ Eine 2017 veröffentlichte Studie im Scientific Report hat bei solchen Mengen einen Einfluss auf das aquatische Leben festgestellt. Darin heißt es, dass die Reproduktionsfähigkeit von Planktonkrustentieren, die in Süßgewässern der nördlichen Hemisphäre vorkommen, stark zurückgeht, wenn sie Kunststoffen in ihrem Ökosystem ausgesetzt sind. Mikroplastik hat negative Folgen auch für Meerestiere: In der Nordsee hat man bei fünf von sieben Fischarten Mikroplastik nachgewiesen.

Magnet für Schadstoffe

Analysen, die Mikroplastik nachweisen, sind sehr kostenintensiv und zeitaufwendig. Großangelegte Studien gibt es einige, dazu zählt etwa das Forschungsprojekt „Plastrat“, das Lösungsstrategien zur Verminderung von Einträgen von urbanem Plastik in Binnengewässer zu entwickeln versucht (siehe Video), oder die umfassende bundesländerübergreifende Untersuchung in Süd- und Westdeutschland (LUBW) aus diesem Jahr, hat an 25 Binnengewässern die Vorkommnisse von Mikroplastik gemessen. Die Proben wurden mit einem Schleppnetz an der Oberfläche der Gewässer genommen. „Das ist nur die Spitze des Eisberges“, mahnt der Wissenschaftler Fath. „Über die Sedimente gibt es noch gar keine Ergebnisse.“

Mikroplastik hat eine größere Dichte als Wasser oder wird von Mikroorganismen bewohnt und sinkt letztlich ab. „Ich bin der Überzeugung, dass wir noch nicht einmal ein Zehntel von dem Mikroplastik gefunden haben“, so Fath. In den Proben, die der Wissenschaftler im Rhein und Tennessee River genommen hat, müsse zudem eine Fehlerquote von 20 Prozent eingerechnet werden. Störfaktoren wie Sand und Beifang schwimmen mit, die getrennt und gefiltert werden müssen. Nicht alle Partikel würden entdeckt. Mit seinem Verfahren jedoch, das mit bis zu 10 Mikrometer wesentlich feiner als das der LUBW-Studie mit 300 Mikrometer gemessen hat, hat er das Zehnfache an Mikroplastik gemessen.

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Die gesundheitlichen Folgen von Mikroplastik für den Menschen lassen sich noch nicht abschätzen, da es keine belastbaren Zahlen gibt. Einzelne Studien haben beispielsweise die Effekte auf Miesmuscheln untersucht und festgestellt, dass Kunststoffe Entzündungen hervorgerufen haben. Die Forschung macht vor allem zwei Faktoren aus, die das Gefahrenpotential von Plastik belegen: erstens sogenannte Additive, sprich Inhaltsstoffe wie Weichmacher, UV-Stabilisatoren, Flammschutzmittel und Pigmente; zweitens das Absorptionsvermögen von Kunststoffen. „Mikroplastik ist ein Magnet für Schadstoffe“, sagt Fath. Im Magendarmtrakt seien die Partikel viel gefährlicher als im Wasser, weil Schadstoffe, die Mikroplastik in tausendfach höherer Konzentration bindet, möglicherweise an den Körper abgegeben werden. „Es kommt immer auf die Konkurrenz an, wo der Schadstoff lieber sein möchte, am Kunststoff oder im Magendarmtrakt.“ Lipophile Substanzen werden im Fettdepot eines Fisches eingebaut und vergiften das Tier, das schließlich bei den Menschen auf dem Teller landet. Fath spricht daher von einem „trojanischen Pferd-Effekt“.

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