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Geschichte des Plastiks : Die lange Entdeckung von Kunststoff

Weil Elfenbein im New York des 19. Jahrhunderts knapp wurde, musste für Billardkugeln ein Ersatzstoff gefunden werden. Bild: imago

Bis Plastik zu dem Material wurde, das es heute ist, vergingen viele Hunderte Jahre. Der erste Entdecker kunststoffartigen Materials war Ötzi. Und auch die Billardkugel lieferte einen wichtigen Beitrag.

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          War Ötzi der Erfinder von Kunststoff? Der Gletschermann, der vor über 5000 Jahren lebte, hatte seine Pfeilspitzen mit Birkenpech, einer Art Steinzeit-Allzweckkleber, hergestellt. Diesen Stoff gewann er aus Baumrinde. Von dem Plastik, wie wir es heute kennen, war es dennoch noch Jahrtausende entfernt.

          Martin Franke

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Die Entdeckung des Werkstoffs reicht bis zum frühen Mittelalter zurück. 1531 fand der Augsburger Benediktinerpater Wolfgang Seidel heraus, dass aus Magerkäse ein im warmen Zustand formbares und nach dem Erkalten äußerst festes Material hergestellt werden konnte, sogenanntes Kunsthorn oder Kasein. Dafür musste der Käse immer wieder erhitzt und abgekühlt werden. Der Benediktinerpater sagte über seinen Stoff: Es ist „hart wie Knochen und wunderbar durchscheinend“. Kasein wurde für jegliche Formen, Trinkbecher oder Schmuck benutzt. Farbe hauchte den Gegenständen sogar etwas Leben ein.

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          Bis zum „Durchbruch“ von Kunststoffen, also der Nachbau makromolekularer Naturstoffe, dauerte es noch bis ins frühe 20. Jahrhundert. Der Engländer Alexander Parkes entwickelte 1856 mit dem von ihm patentierten Parkes-Prozess das sogenannte Parkesine, den ersten thermoplastischen Kunststoff. Thermoplaste lassen sich bei einer bestimmten Temperatur verformen. Es war der erste und ursprünglichste Kunststoff, der dann Stammhalter einer großen Familie von Polymeren wurde. Damals steckte es jedoch noch in den Kinderschuhen.

          Der Zufall half auf die Sprünge

          Mit den Hyatt-Brüdern aus New Yorker stritt sich Parkes später um das Patent. Die Hyatts hatten 1869 auf eine Zeitungsanzeige eines Händlers, der einen Ersatz zu Elfenbein suchte, Zelluloid entwickelt. Die Brüder gewannen 10.000 Dollar in Gold. Elfenbein wurde zu jener Zeit in Billardkugeln verbaut und wurde knapp. Das Zelluloid der Hyatt-Brüder taugte jedoch nicht sehr für die Billardkugeln, weil sie beim Zusammenstoß wie eine Schrotflintenladung knallten. Dafür war der Werkstoff eine bahnbrechende Entwicklung für die Filmindustrie.

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          Zum wahren Plastik-Pionier ist der belgisch-amerikanische Chemiker Leo Hendrik Baekeland 1907 geworden. Er hatte wochenlang mit Substanzen experimentiert, Stoffe zusammengeschüttet und wieder aus seiner Rezeptur genommen. Herausgekommen war sogenanntes Bakelit, der erste wirklich synthetische Kunststoff. Er entdeckte PVC (Polyvinylchlorid), weil er eine Probe in der Sonne stehen ließ. Ähnlich wurde 1949 Styropor von Fritz Stastny, Ingenieur der Ludwigshafener Basf, entdeckt. Er hatte in einer Schuhcremedose eine Muster-Mischung im Trockenschrank vergessen. Daraus entwickelte sich ein „Schaummonster“, wie es in dem Laborprotokoll hieß.

          Baekeland hatte zwar herausgefunden, wie Kunststoff in Massen produziert werden konnte. Aber erst 1922 hatte der deutsche Chemiker Hermann Staudinger das Grundprinzip der Makromoleküle postuliert. Von seinen Kollegen wurde er zunächst verspottet; 1953 erhielt Staudinger dann den Nobelpreis für Chemie. Durch seine Arbeit wissen wir, dass Polymere aus langen Molekülketten bestehen. Für die Entwicklung von Kunststoffen, die aus synthetischen Polymeren bestehen, war diese Erkenntnis bis heute prägend.

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