https://www.faz.net/-gpc-7zwup

Die von Ihnen angeforderte Seite kann leider nicht ausgeliefert werden. Das tut uns leid. Interessiert Sie eine andere Geschichte von der aktuellen FAZ.NET-Homepage?

Gedenken in Kopenhagen : „Wir bestehen auf unserer Freiheit“

  • -Aktualisiert am

In Kopenhagen gedachten die Menschen am Abend der Anschlagsopfer. Bild: dpa

Eine Stadt unter Schock trauert. 40.000 Menschen haben in Kopenhagen der Terroropfer gedacht. Die Menschen eint in ihrem Schmerz eine Hoffnung: dass sich ihr Land nach den Anschlägen nicht zu sehr verändert.

          Aus allen Himmelsrichtungen strömen tausende von Menschen zum Kopenhagener Fælledparken. Sie alle lassen sich von Temperaturen um den Gefrierpunkt und eisigem Wind nicht abhalten, sondern wollen der Opfer der Anschläge vom Wochenende gedenken. Der erste Tatort, das Kulturhaus Krudttønden, liegt direkt um die Ecke.

          „Wir wohnen nicht weit von hier und sind am Samstag durch die viele Polizei aufgeschreckt worden, als wir gerade Christians Geburtstag feierten“, sagt Jørgen Rostgaard und nickt seinem 14 Jahre alten Sohn zu, der neben ihm steht. Beide halten wie auch Mutter Mette Fackeln in der Hand. „Jetzt wollen wir ein Zeichen gegen den Terror setzen,“ sagt sie. Ein paar Minuten später, ziemlich genau um 20 Uhr, wird das Lied „Imagine“ von John Lennon gespielt und die Gedenkfeier, zu der sich auch der Kronprinz und zahlreiche Politiker angemeldet haben, beginnt.

          „Wir bestehen auf unserer Freiheit“, sagte die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt und weiter: „Wir passen aufeinander auf.“ Sie forderte ihre Landsleute auf, ihrem Alltagsleben wieder nachzugehen.

          „Ich finde es gut, dass sie das machen,“ sagt der Muslim Ishaq Mohammed, der an diesem Abend ganz in der Nähe arbeiten muss. Er ist Mitte der neunziger Jahre als junger Mann nach Dänemark eingewandert und entsetzt über die Tat. Durch die Mohammed-Karikaturen hat er sich nicht verletzt gefühlt - warum auch, fragt er. Vor ihm strömen weiter Menschenmassen vorbei, ein paar tragen Plakate auf denen steht „Flüchtlinge und Muslime willkommen“. Mittendrin immer wieder schwer bewaffnete Polizisten.  

          Betroffen stehen dieser Tage die Kopenhagener auch vor der Hauptsynagoge im Stadtzentrum. Dort wurde der Jude Dan Uzan erschossen, der die Eingänge bei einer Bat-Mizwa-Feier im Gemeindesaal kontrolliert hatte.

          Der Gehweg vor dem jüdischen Gotteshaus ist mit Blumen bedeckt. Schweigend oder flüsternd stehen Menschen davor, es riecht nach Räucherstäbchen, Friedhofskerzen flackern in der kalten Kopenhagener Winterdämmerung. Immer wieder legt jemand einen weiteren Strauß nieder. Manche umarmen sich. Papierherzen und Zettel mit kurzen Texte erinnern an die Toten, vor allem an Gemeindemitglied Uzan.

          Die Religionen rücken zusammen

          „Es ist schrecklich“, hatte der Sprecher der jüdischen Gemeinde, Dan Rosenberg Asmussen, am Wochenende dem dänischen Fernsehen gesagt. „Alle sind schockiert“, so Asmussen mit brüchiger Stimme. „Das ist eine Wiederholung dessen, was wir vor drei Wochen in Paris gesehen haben. Es ist, was wir immer befürchtet haben und vor dem wir immer gewarnt haben.“ Die Polizei, so Asmussen, habe richtig gehandelt. In Zeitungen wird aber gefragt, ob die Synagoge nicht unmittelbar nach den ersten Schüssen im Osten der Stadt viel besser hätte gesichtet werden müssen. Schließlich war schon in Paris als zweites eine jüdische Einrichtung angegriffen worden.

          Die dänische Premierministerin und Kronprinz Frederik (in der Mitte) auf der Trauerfeier in Kopenhagen. Bilderstrecke

          Vor der Synagoge legt am Montagabend eine mittelalte Frau mit langen grauen Haaren einen Strauß ab und nimmt dann ihre Begleiterin in den Arm. „Ich habe Blumen im Namen der Organisation Glauben in Harmonie mitgebracht. Bei uns sind Vertreter von fünf Religionen Mitglied, und wir meinen, es ist wichtig, dass man miteinander spricht“, sagt Anna Eskelund. Am späteren Abend wird sie zu jüdischen Freunden essen gehen und dort der Opfer gedenken, erzählt sie.

          Eskelund hofft, das sich Dänemark nach dem Attentat nicht stark ändern wird. „Bisher haben sich selbst die rechten Politiker relativ moderat geäußert. Ich hoffe das Beste, und dass die Politiker vernünftig bleiben,“ sagt sie. Spätestens im Herbst muss in Dänemark ein neues Parlament gewählt werden. Umfragen der vergangenen Monate zu Folge hat die rechtspopulistische, aber israelfreundliche Dänische Volkspartei gute Chancen, stärkste Fraktion zu werden.

          Mindestens zwei Kandidaten der Partei haben die Linke und die Linksliberalen für die Attentate vom Wochenende mitverantwortlich gemacht, weil deren Politik den Islamismus nach Dänemark gebracht habe. Einer der beiden hat seine Aussage bald danach wieder zurückgenommen. Eine Sympathisantin schrieb in sozialen Netzwerken, dass sie auf weitere Attentate hoffe, weil das der Rechten Stimmen bringe.

          Während etliche Muslime vom Terror Abstand genommen haben, zitierten dänische Medien aus einem internen Schreiben der radikalen islamischen Organisation Hizb ut-Tahrir, die ihren Mitgliedern riet, sich nicht zu distanzieren.

          Asmussen von der örtlichen jüdischen Gemeinde sieht in dem Angriff eine Bedrohung des jüdischen Lebens in Dänemark. Aber, so sagt er, „wir werden uns nicht beugen, sondern noch hartnäckiger daran arbeiten, jüdisches Leben in Dänemark zu halten und zu entwickeln.“  Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat nach den Anschlägen von Kopenhagen alle Juden aufgefordert, nach Israel umzusiedeln. Asmussen ist dagegen: „Wir sind doch dänische Staatsbürger.“

          Weitere Themen

          Riesenkalmar in der Tiefsee gefilmt Video-Seite öffnen

          Seltene Unterwasseraufnahmen : Riesenkalmar in der Tiefsee gefilmt

          Forschern der amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) ist ein sensationelles Video in der Tiefsee gelungen. Aus der Dunkelheit des 760 Meter tiefen Wassers tauchen die riesigen Arme des Riesenkalmars auf.

          Wahlkampf im Nebel

          Ein Däne regiert Rostock : Wahlkampf im Nebel

          Nach der Schule ist der Däne Claus Ruhe Madsen für eine Auszeit nach Deutschland gekommen. Heute ist er der erste Bürgermeister ohne deutschen Pass. Beim Wahlkampf hat er sich auf sein Gefühl verlassen.

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.
          Der Hedgefonds Elliott hat seinen Einstieg bei Bayer publik gemacht.

          Wegen seiner Mischstruktur : Elliott macht Bayer jetzt richtig Druck

          Der amerikanische Hedge-Fonds lässt Andeutungen fallen, die als Aufforderung zur Aufspaltung interpretiert werden können. Ganz nebenbei bestätigt er: Man ist mit einem 2-Prozent-Paket am Mischkonzern beteiligt.

          Trumps neue Sprecherin : Schroff und höchst loyal

          Donald Trump macht Stephanie Grisham, die Stimme der First Lady, zu seiner Sprecherin. Sie wird auch Chefin für strategische Kommunikation – eine machtvolle Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.