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G-20-Randale in Hamburg : Eine Stadt wird geopfert

  • -Aktualisiert am

Auch mit Wasserwerfern ist die Polizei nicht mehr Herr der Lage in Hamburg Bild: EPA

An der Elbe wütet der schwarze Mob. Er nutzt die Offenheit der Hamburger, um seine ganz eigenen politischen Gewaltphantasien auszutoben.

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          Autos brennen in Altona und auf der Elbchaussee, gleich im Dutzend. Die Scheiben etlicher Geschäfte und Büros zwischen Elbe und Schanzenviertel liegen in Scherben, überall kokeln Barrikaden. Die Bilder eines randalierenden Mobs verbreiten sich im Netz, der in den Straßen Altonas ungestört Autos der Anwohner zertrümmert und abfackelt. Über hundert Polizisten werden verletzt und auch eine unbekannte Zahl von Demonstranten. Hamburg hat eine Nacht, aber besonders einen Morgen im Ausnahmezustand erlebt. Am späten Vormittag ruft die Einsatzleitung bundesweit um Hilfe: „Wir brauchen mehr Polizei.“

          Es war eine Eskalation mit Ansage. Eine Gruppe der Demonstranten hatte es von vornherein darauf angelegt, deutlichere Signale gegen den Gipfel zu setzen, als nur friedlich zu marschieren und dies auch in Foren und Interviews angekündigt.

          So einen Morgen hat Hamburg lange nicht erlebt

          Es ist beileibe kein neues Phänomen, sondern Begleiterscheinung aller wesentlichen Protestaktionen der Nachkriegsgeschichte. Wann immer eine Causa genügend Zündstoff für politische Aktionstage liefert, werden friedliche Demonstranten von Randalierern begleitet, die ihrer persönlichen Aggression und Gewaltbereitschaft einen politischen Deckmantel geben. Einen solchen Ausnahmemorgen allerdings hat die Hansestadt Hamburg, die wahrhaftig Demonstrationen aller Art gewohnt ist, in den vergangenen Jahrzehnten nicht erlebt.

          Dabei ist es völlig unerheblich, wer nun die erste Rangelei am Donnerstagabend bei der „Welcome to Hell“-Demonstration auf der Hafenstraße begonnen und damit den Ausgangspunkt für eine Orgie der Gewalt gesetzt hat. Hunderte von Demonstranten waren vermummt – trotz Verbots. Warum? Dass die Polizei einen solchen Aufmarsch nicht ungehindert durch die Stadt ziehen lassen konnte, war (fast) jedem klar. Und selbst wenn – es hätte in der Nacht Scherben gegeben und gebrannt, weil etliche der Marschierer es leider genau so wollten. Es sind die immer gleichen Rituale der Straßengewalt, zu beobachten beim Schanzenfest, um den ersten Mai in Kreuzberg oder auch bei Großereignissen wie der EZB-Einweihung in Frankfurt.

          Eine große Gruppe von Unzufriedenen

          Es gibt in der deutschen Gesellschaft eine Gruppe der Unzufriedenen, trotz Wohlstandsgewinn, Fortschritten in der sozialen Absicherung, trotz Rekordbeschäftigung, revolutionären Entwicklungen in Medizin und Technik und einer dramatischen Reduktion der weltweiten Armut. Es gibt sie auf der rechten wie auf der linken Seite des politischen Spektrums. In Hamburg versammelt sich die linke Sehnsucht nach der Utopie, der perfekten und gerechten Gesellschaft. „Ich war in der halben Welt unterwegs, in Europa, in Asien, in Neuseeland“, deklamierte ein Demonstrant im nächtlichen Marsch über die Max-Brauer-Allee in Altona. „Es ist überall die gleiche Scheiße: Der Kapitalismus korrumpiert die Menschen.“ Seine Alternative? „Anarchismus – und weil das wohl nicht funktioniert, besser Sozialismus.“

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