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76 Polizisten verletzt : Nacht der Gewalt in Hamburg

  • Aktualisiert am

Die Nacht in Hamburg endet mit Gewalt: Hier ein Demonstrant im Schanzenviertel Bild: EPA

Es kommt wie befürchtet: Die Demonstration von G-20-Gegnern unter dem Motto „Welcome to Hell“ eskaliert. Flaschen fliegen, Wasserwerfer der Polizei sind im Großeinsatz. Es sind hässliche Bilder, die von Hamburg in die Welt gesendet werden.

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          Bei den gewalttätigen Ausschreitungen zum G-20-Gipfel in Hamburg sind am Donnerstagabend mindestens 76 Polizisten verletzt worden. Fünf von ihnen seien ins Krankenhaus eingeliefert worden, sagte ein Polizeisprecher am Abend der Nachrichtenagentur AFP. Die meisten Beamten seien nur leicht verletzt. Der Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Steffen Seibert, machte deutlich, dass es keine Rechtfertigung für gewalttätigen Protest gebe.

          Nach dem Ende des Aufmarsches unter dem Motto „Welcome to hell“ (Willkommen in der Hölle), bei dem es zu massiven Angriffen gegen die Polizei mit Flaschen und Feuerwerkskörpern gekommen war, waren bis spät in die Nacht etwa 6000 Menschen in verschiedenen Gruppen in der Stadt unterwegs, wie der Polizeisprecher weiter sagte. Bis in den frühen Morgen wurden immer wieder Polizisten angegriffen und Barrikaden angezündet. Inzwischen hat sich die Lage Polizeiangaben zufolge beruhigt.

          Schon zuvor hatte es an verschiedenen Stellen in den Stadtteilen Altona und St. Pauli Angriffe auf Einsatzkräfte sowie Sachbeschädigungen an Geschäften, Banken und Autos gegeben. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Pfefferspray ein. Sie hatte zuvor versucht, einen sogenannten schwarzen Block von vermummten Linksautonomen aus der angemeldeten Demonstration „Welcome to hell“ herauszuholen.

          Über den Onlinedienst Twitter berichtete die Hamburger Polizei, dass auch ein Polizeihubschrauber durch einen Laserpointer ins Visier genommen worden sei. Die Piloten seien geblendet worden und hätten Augenverletzungen erlitten.

          Merkels Sprecher verwies am späten Abend im Onlinedienst Twitter auf ein Interview der Kanzlerin vor dem G20-Gipfel. Daraus zitierte er: „Vor den friedlichen Demonstranten habe ich Respekt, sie nehmen ihr demokratisches Grundrecht war. Wer gewalttätig wird, der verhöhnt die Demokratie.“

          Es sind beängstigende Szenen, die am Vorabend des G20-Gipfels Hunderte Kamerateams aus der Hansestadt in alle Welt senden. Die Krawallmacher reißen Pflastersteine aus den Straßen, um sie auf Beamte zu werfen. Im Minutentakt fliegen Flaschen, Böller werden gezündet, Verkehrsschilder aus ihrer Verankerung gerissen.

          Immer wieder gibt es Verfolgungsjagden zwischen Linksextremisten und der Polizei, die mit dem Einsatz von Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray antwortet. Und immer wieder knallt es an einer anderen Ecke. „Ganz Hamburg hasst die Polizei“, so schallt es immer wieder durch die Straßen.

          Mit Härte gegen Gewalt

          Eine halbe Stunde vor Mitternacht brennen vor dem linksautonomen Kulturzentrum „Rote Flora“ zahlreiche Mülltonnen. Demonstranten blockieren Straßen. Die Polizei geht wie angekündigt mit Härte gegen die Protestierer vor. Die Randale geht weit über das hinaus, was die von den jährlichen 1.-Mai-Demos krawallerprobte Hamburger Polizei gewohnt ist.

          Und so nimmt das Unheil seinen Lauf: Gerade einmal rund 100 Meter weit kommt der Demonstrationszug, den Linksautonome rund um die „Rote Flora“ angemeldet hatten. Dann ist Schluss für rund 12.000 Menschen, die eigentlich gegen den G-20-Gipfel am Freitag und Samstag protestieren wollten. Wegen der zahlreichen Vermummten im Schwarzen Block versperren Wasserwerfer, Räumpanzer und Hunderte Polizisten den Weg vom Hamburger Fischmarkt Richtung Reeperbahn.

          Mit Wasserwerfern drängt die Polizei die Demonstranten zurück.

          Knapp eine Stunde stehen sich Demonstranten und Polizei gegenüber, ehe der Veranstalter die Kundgebung für beendet erklärt. Sofort beginnen Ausschreitungen. Die Polizisten setzen sofort Wasserwerfer ein, treiben die vornehmlich dem Schwarzen Block zugerechneten Demonstranten vor sich her, räumen auch den Fischmarkt.

          Kurz vor Mitternacht zählt die Polizei in ihren Reihen mindestens 76 Verletzte. Genaue Zahlen über verletzte Demonstranten gibt es zunächst nicht.

          Die Ausschreitungen am Hafen selbst dauern nur knapp eine halbe Stunde. Auf der Straße bleiben Scherben, verlorene Schuhe und schwarze Mützen zurück. Vorbei ist die Auseinandersetzung zwischen Linksautonomen und Polizei jedoch noch lange nicht. Zahlreiche Demonstranten flüchten in Richtung Reeperbahn oder Altona. Wenig später meldet die Polizei dort ein brennendes Auto, außerdem bei einem schwedischen Möbelhaus und einer Sparkasse zerstörte Scheiben.

          „Entsetzt über Gewaltbereitschaft“

          „Wir sind entsetzt über die offensichtliche Gewaltbereitschaft“, twittert die Polizei. Auch ihr Sprecher Timo Zill bekommt das zu spüren. Als er unweit des Aufmarschs ein Interview gibt, wird er beworfen und kann sich nur in einen nahe stehenden Rettungswagen flüchten, der ebenfalls angegriffen wird. Die Demonstranten wiederum sehen die Sache anders, sprechen von einem Polizeistaat und willkürlicher Repression durch die Staatsorgane.

          Dabei hatte es eigentlich friedlich begonnen. Die Polizei ist in den Straßen rund um Fischmarkt, Hafenstraße und Reeperbahn zwar mit zahlreichen Beamten, Wasserwerfern und Räumpanzern präsent, und auch ein Hubschrauber knattert in der Luft. Am Boden stehen und sitzen derweil friedlich Tausende Menschen, hören sich an einer Bühne am Hafenrand die Punkband Goldene Zitronen oder die Rapper Captain Gips und Johnny Mauser an. Zu diesem Zeitpunkt ist es ausgesprochen friedlich auf dem Fischmarkt, wo sonst Marktschreier für Touristen jeden Sonntag Aale, Palmen, Obst oder Gurkenhobel anpreisen. Doch der Tag endet anders.

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