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Krawalle in Hamburg : War es Staatsversagen?

„Mit einer anderen Taktik hätte die Polizei die Lage besser im Griff gehabt“

Die Hamburger Polizei habe kapitale taktische Fehler gemacht, als die Gewalt an der Schanze am Freitagabend eskalierte, sagen Kritiker. Erst nach Stunden sei sie im Schanzenviertel vorgerückt und habe die Gewalttäter dadurch nicht nur lange ungestört gewähren lassen, sondern ihnen auch die Möglichkeit zur Flucht eröffnet. Auch, dass die Zahl der Fest- und Ingewahrsamnahmen lange so gering blieb, dass es in der linken autonomen Szene regelrecht gefeiert wurde, werten Kritiker als Versagen. Anwohner der vom Krawall betroffenen Hamburger Stadtteile kritisieren zudem, die Polizei habe vor allem den Tagungsort des Gipfels, die Messehallen und die Elbphilharmonie, geschützt, andere Teile der Stadt dafür aber fahrlässig preisgegeben.

Die Polizei rechtfertigt ihr Zögern jedoch mit der großen und unberechenbaren Brutalität der Randalierer, die damit gedroht hätten, Gehwegplatten und Molotowcocktails von Hausdächern auf Beamte zu werfen. Für sie bestand offenkundig eine konkrete Gefahr für Leib und Leben – wer wollte sie da zwingen, sich ihr auszusetzen? Auch steckten die Beamten, das gestehen ihr selbst ihre schärfsten Kritiker zu, in Hamburg in einer Zwickmühle: Sie mussten auf der einen Seite den politischen Gipfel und seine hochkarätigen Teilnehmer schützen und auf der anderen Seite die Krawalle auf der Straße eindämmen, die teilweise unüberschaubar waren. Jetzt beides gegeneinander auszuspielen, macht wenig Sinn – der Schaden, der für Deutschland entstanden wäre, wenn alle Kräfte an der Schanze gebündelt worden wären, dafür aber ein Gipfelgast verletzt oder gar ums Leben gekommen wäre, wäre nicht minder fatal gewesen. Zumal dann genau das eingetreten wäre, was die Randalierer mit ihrer Gewalt erreichen wollten: Sie wollten den Gipfel sprengen, ihn mit brutalstmöglichen Mitteln verhindern. 

Abseits von allem: Beim G-8-Gipfel in Heiligendamm 2008 sitzt Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den damaligen Staats- und Regierungschefs George W. Bush, Tony Blair und Romano Prodi zum Aperitif auf der Terrasse des Kempinski Grand Hotels

Trotzdem bleiben Fragen, die sich die Polizei und die Behörden nach Hamburg gefallen lassen müssen. Etwa die, warum Innensenator Andy Grote (SPD) am Freitag noch auf eine entsprechende Frage, warum die Polizei nicht schneller eingreife, erklärte: „Wir laufen jetzt nicht jedem einzelnen Vermummten hinterher.“ Warum die Polizeibeamten angesichts des zu erwartenden riesigen Schwarzen Blocks nicht von vorneherein so gut ausgestattet und gesichert waren, dass sie an der Schanze schneller hätten vorrücken können – und sich dann nicht entschiedener wehrten. Warum zahlreiche Polizisten nicht nur aus Berlin eine chaotische Planung und Organisation des Einsatzes in Hamburg beklagen – etwa die Tatsache, dass viele Beamte unter „unzumutbaren Zuständen“ im 70 Kilometer entfernten Bad Segeberg stationiert waren und jeden Tag erst nach Hamburg anreisen mussten. Oder ob die Beamten die Situation zu Beginn der „Welcome to hell“-Demonstration – bewusst oder nicht – eskalierten, weil sie den Zug wegen zahlreicher vermummter Autonomer schon nach wenigen Metern stoppten und ihn dadurch womöglich erst radikalisierten. Und ja, auch ob Hamburg viel zu lange viel zu zögerlich gegen  eine gewaltbereite linksradikale Szene vorgegangen ist, deren gefährliches Potential sich am Wochenende so radikal entladen hat. Was die Krawalle am Wochenende angeht, hätte aber selbst ein deeskalierenderes Auftreten wenig an der Aggressivität der Randalierer geändert, die marodierend durch die Straßen zogen. Schließlich entstanden die schlimmsten Schäden gerade in den Stunden, als der Mob im Viertel ganz sich selbst überlassen war. 

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