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Krawall-Nacht in Hamburg : Wie die Schanze im Chaos versank

  • -Aktualisiert am

Nur ein paar Meter weiter dasselbe Spiel an einem Supermarkt. Erst wurde das Gitter abgerissen, dann wurden die Schaufenster eingeschlagen. Wenig später stürmten die ersten Vermummten den Laden, stahlen vor allem Alkohol, aber auch Toast, Schokoriegel, Gemüse. Nach einer guten Stunde war der Markt im Eingangsbereich fast leergeplündert. Überall lagen Scherben, Müll, zerstörte Regale. Vermummte schmissen die Beute aus dem Fenster in die Menge. 

Einige rissen unterdessen Steine aus der Straße, zerschmetterten sie und zogen in Richtung der Wasserwerfer. Andere schnappten sich einen Feuerlöscher, schlugen damit auf Schaufenster ein. Die Anarchie, von der viele Autonome träumen, war für ein paar Stunden Wirklichkeit. 

Unter die Täter mischten sich auch viele Schaulustige, junge Männer schossen Selfies vor zerstörten Ladenfassaden. Zwei Männer koksten auf offener Straße. Sowohl Vermummte als auch Nicht-Vermummte schmissen immer wieder Gegenstände, darunter Straßenschilder, Computer und Absperrzäune, in die Feuer, deren Qualm die Luft zum Atmen knapp machte. Auch Böller wurden geworfen und Feuerwerk gezündet.

Das Gegenteil von friedlichem Protest: Brennende Barrikaden im Schanzenviertel nahe der roten Flora.

An den Fenstern saßen fassungslose Anwohner. „Wir haben wirklich Angst“, sagte ein junger Mann. „Wir sind einiges gewohnt, aber so etwas haben wir noch nie erlebt.“ Da lag schon so viel Tränengas in der Luft, dass man kaum noch atmen konnte – viele Schaulustige zogen sich deswegen in die Kneipen am Straßenrand zurück.

Gegen Mitternacht rückt die Polizei vor

Es war dann etwa zwölf Uhr, als die Polizei ihre Strategie änderte: Plötzlich rollten hunderte Polizeiautos und Räumfahrzeuge in Richtung Rote Flora. Wasserwerfer löschten brennende Barrikaden und trieben die Menschen von der Straße. Ein Hubschrauber mit Suchscheinwerfern kreiste über dem Viertel. Schwer bewaffnete Spezialkräfte kletterten auf Baugerüste und drangen auch in Wohnungen ein.

Im Schanzenviertel verfolgt ein Polizist einen Demonstranten.

Als die ersten Wasserwerfer der Polizei in die Straße vorrückten, begannen Vermummte, aus dem Bordsteinpflaster große Platten herauszubrechen und zu kleineren Steinen zu zertrümmern. Vor dem ersten Wasserstrahl flogen die Steine bereits Richtung Polizei.

Die Polizei teilte noch in der Nacht mit, es seien 83 Personen festgenommen und 19 in Gewahrsam genommen worden. Man sei auf Angriffe durch Molotow-Cocktails, Zwillen und Steinewerfer vorbereitet gewesen. Ein Beamter habe einen Unterschenkelbruch erlitten. Insgesamt sind auf dem G-20-Gipfel demnach schon an die 200 Polizisten verletzt worden.

Polizisten führen im Schanzenviertel Festgenommene ab.

Kurz nach Mitternacht zogen Schwaden von Tränengas durch die Straßen. Nach etwa einer halben Stunde kamen die Wasserwerfer an der Roten Flora an, durch die Nebenstraßen flüchteten die Autonomen. Direkt an der Sternschanze sammelten sich vor allem die Menschen, die zwar keine Steine geworfen, aber doch Gefallen an den Ausschreitungen gefunden hatten. 

Ibrahim aus Guinea lebt seit 18 Jahren in Hamburg, er war um halb drei immer noch im „Le Fonque“. Vor der Tür standen da weiter die Wasserwerfer. Warum Ibrahim vorhin bei der Demonstration dabei war? „Ich will, dass meine Enkel in einer besseren Welt leben.“ Und deswegen muss man Barrikaden anzünden und Steine auf Polizisten werfen? „Nein. Die Polizei macht ihre Arbeit. Eigentlich sind das unsere Brüder, sie werden auch vom Staat benutzt. Putin und Merkel liegen im Bett, während die Polizisten mit uns kämpfen müssen. Vielleicht hätten wir den Gipfel lieber ignorieren sollen.“

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