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G-20-Gipfel : Die große Angst vor Afrika

Afrikanische Flüchtlinge stechen von Libyen aus in See. Ihr Ziel: Italien. Bild: Reuters

Kein Kontinent ist ärmer, nirgendwo wächst die Bevölkerung schneller. Aus Furcht vor Flüchtlingen wollen die G-20-Staaten die Wirtschaft Afrikas auf die Beine bringen. Wenn das so einfach wäre.

          Darüber, wie nah Afrika an Europa liegt, kann sich auch die Kanzlerin manchmal täuschen. Als sie vor kurzem von Kairo nach Tunis flog, führte der kürzeste Weg keinesfalls über einen zerfallenen Staat namens Libyen hinweg, sondern ziemlich dicht an Kreta und vor allem an Sizilien vorbei.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Gebannt schaute Angela Merkel minutenlang aus dem Flugzeugfenster, auf den unheimlich nahen Ätna und seine Rauchfahne hinab. Ihr ging es wie den mitgereisten Journalisten: So oft man schon Landkarten des Mittelmeers studiert hat – dass der Weg von der einen nordafrikanischen Hauptstadt in die andere quasi über Europa führt, diese Erkenntnis muss man sich erst erfliegen.

          Aus europäischer Sicht ist die Nähe in diesen Tagen vor allem ein Problem. Kein Tag vergeht, an dem nicht Hunderte von Bootsflüchtlingen aus Afrika in italienischen Häfen anlanden, meist von Rettungsschiffen auf offener See eingesammelt, aus den maroden Kähnen irgendwelcher Schleuserbanden. Bis Jahresende werden es wohl 230.000 Neuankömmlinge sein, mehr als je zuvor. Auf offener See starben mehr Menschen als im Krieg um die Ukraine.

          Italien verstärkt Druck auf Europa

          Die italienische Regierung schlägt Alarm und droht schon damit, die Schiffe internationaler Hilfsorganisationen mitsamt ihrer Schützlinge nicht mehr an Land zu lassen. Bei einem G-20-Vorbereitungstreffen am Donnerstag in Berlin, das eigentlich Harmonie ausstrahlen sollte, stritt sich Ministerpräsident Paolo Gentiloni öffentlich mit dem französischen Staatschef Emmanuel Macron. Es ging um die Frage, ob der nordwestliche Nachbar den Italienern nun Flüchtlinge abnimmt oder nicht. Der Konflikt droht die neue Harmonie der Europäer zu zerstören, im Extremfall kann er die Gemeinschaft sogar zerreißen. Das zumindest befürchtet auch die Regierung in Berlin.

          Eine einfache Lösung, analog zum Flüchtlingsabkommen mit der Türkei, steht im Fall der Mittelmeer-Route nicht zu Gebote. Einen Diktator wie Recep Tayyip Erdogan, der das Schleppergeschäft mit harter Hand kontrollieren könnte, gibt es im südlichen Nachbarland nicht mehr. Früher erledigte Muammar al-Gaddafi für die Europäer diesen Job, auch deshalb hofierte ihn der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi so sehr. Erst seit er 2011 in der arabischen Revolution stürzte, mit tätiger Mithilfe des Westens, steigen die Flüchtlingszahlen so stark an. Und eine neue Zentralgewalt, ob nun demokratisch oder nicht, ist in dem Land weit und breit nicht in Sicht.

          Bevölkerungswachstum verschärft Afrikas Probleme

          Die beiden Nachbarländer, Ägypten und Tunesien, haben den Flüchtlings-transit weitgehend unterbunden. Sie sind deshalb auch nicht bereit, sich an der Rückführung fremder Staatsbürger zu beteiligen, die aus Staaten südlich der Sahara stammen – so oft europäische Politiker auch nach Flüchtlingslagern in der Wüste rufen mögen. Und in Libyen selbst ist der Bau solcher Camps in der jetzigen Lage schwer vorstellbar. Schon jetzt hausen die Flüchtlinge dort im Elend.

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