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Linke Szene : Rote Hölle, selbstorganisiert

Zentrum der Krawalle: die Rote Flora im Hamburger Schanzenviertel Bild: dpa

Eine Prise Anarchismus, ein wenig Kommunismus, dazu Antifaschismus, Feminismus, Hedonismus, und immer den „Arschlöchern“ und „Schweinen“ in die „Fresse“: Wie die Hamburger Autonomen im Schanzenviertel die Welt sehen.

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          Wer sich mit der Roten Flora, dem Zentrum der sogenannten Autonomen in Hamburg, beschäftigt, versteht schnell, dass die Ausbrüche von Hass und Brutalität, das Marodieren und Prügeln, die Angriffe auf Polizisten und ganz Unbeteiligte während der G-20-Gipfel-Proteste nicht einfach nur kriminell oder zufällig waren. Sie hatten eine ideologische Basis: Autonomie. Autonome sind Linksextremisten, welche die bestehende politische und gesellschaftliche Ordnung nicht nur ablehnen, sondern auch bekämpfen und dabei Gewalt ausdrücklich zu ihren Mitteln zählen. Der G-20-Gipfel war für sie ein ideales Ziel, denn „der Gipfel in Hamburg steht symbolisch und praktisch für vieles, was wir fundamental ablehnen“.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Ideologie der Autonomen, wenn man angesichts ihrer erklärten Theoriefeindlichkeit überhaupt von einer solchen sprechen kann, ist eine Mischung aus allem, was irgendwie als links gilt. Hier eine Prise Anarchismus, dort eine Prise Kommunismus. Dazu ein bisschen Antifaschismus, etwas Feminismus, gern auch Hedonismus. In jedem Fall aber geht es gegen den Kapitalismus oder, wie es die „Floristen“ selbst sagen: „Make capitalism history.“ Autonome wollen eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Das unterscheidet sie von vielen anderen linksextremistischen Gruppen und macht sie etwa für marxistisch-leninistische Gruppierungen unverträglich, die auf strenge Hierarchien setzen. In staatlichen Strukturen sehen die Autonomen vor allem „Repressionsorgane“. Sie meinen damit die Polizei, aber auch die Verwaltung, die Justiz, sogar die Feuerwehr. Sich selbst sehen sie als legitime Gegenöffentlichkeit, die das Recht hat, selbst über die von ihr eingesetzten Mittel zu entscheiden. Für sie gilt: „Keine Kooperation mit Polizei und Justiz, für Selbstorganisation und Rebellion.“

          Sah nach den Krawallen eine „rote Linie überschritten“:Flora-Sprecher Andreas Blechschmidt

          Das heißt auch: Keine Kooperation mit der Stadt, obwohl eine stadteigene Stiftung Eigentümerin der Flora ist. Ihnen sei es egal, wem die Flora gehöre, sagen die Autonomen, sie ließen sich nichts vorschreiben. „Flora bleibt unverträglich“ lautet ihre Losung. Die Aktivisten, wie sie sich selbst nennen, berufen sich dabei auch auf die Entstehungsgeschichte der Flora vor nunmehr fast drei Jahrzehnten. Andreas Blechschmidt, einer der Protagonisten der Flora, der auch Anmelder der Autonomen-Demonstration „Welcome to hell“ war, sagte dazu 2011: „Es gäbe keine Flora, wenn man sich im Sommer 1989 auf Unterschriftenaktionen und symbolische Blockaden beschränkt hätte.“ Blechschmidt folgerte daraus, dass es „politisch wichtig ist, den Rahmen des Legalen zu überschreiten“. Gewalt sei kein Selbstzweck, man strebe schließlich gewaltfreie Zustände an. „Aber leider sind diese Ziele nun einmal nicht gewaltfrei zu erreichen.“

          Godzilla, das Maskottchen der Hölle

          Die Schriften der Autonomen zeichnen sich durch eine ruppige, oft vulgäre Sprache aus: „Scheiße“, „Arschlöcher“, „Bullen“, „Fresse“, „Schweine“ sind völlig selbstverständlich verwendete Wörter. Es ist viel von „Revolten und Revolutionen“ die Rede; mit „Selbstdomestizierungen im politischen Konsens“ ist offenbar die Parteiendemokratie als solche gemeint. Geht es um das eigene Haus und seine Wirkung, wird von der „roten Hölle“ gesprochen. Zu einer Art Maskottchen für die autonomen G-20-Proteste wurde das Monster Godzilla erklärt. Und es wurden Einladungen auch an Autonome aus anderen Ländern ausgesprochen. Sozusagen offiziell hieß es dabei: „Mit den geplanten Aktionen wollen wir unmissverständlich klarmachen, dass wir ihre Politik von Krieg, Terror und Ausbeutung bekämpfen. Wir wollen den praktischen Bruch mit der herrschenden Ordnung.“ Auf den Plakaten stand dann noch deutlicher: „Hamburg sehen, solange es noch steht.“ Die autonome Szene grenzt sich ausdrücklich „inhaltlich von breiten Konsensveranstaltungen“ ab. Damit ist dann etwa die „Interventionistische Linke“ gemeint, gleichfalls eine nicht gerade friedfertige linksradikale Gruppe.

          Als 2015, nachdem die Stadt die Flora von einem privaten Eigentümer zurückerworben hatte, die Räume und die Fassade renoviert wurden, gewann die Flora gleich mehr Anziehungskraft für alle möglichen Gruppen, auch ganz friedliche. Inzwischen allerdings sieht es dort wieder aus wie eh und je, die Fassade ist mit Graffiti übersät. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die Autonomen darin eine Art gesellschaftliches Idealbild sehen, gleichsam Verwahrlosung als Auflösung festgefügter Formen.

          Dass Gewalt in diesem Umfeld dazugehört, zeigt immer wieder die hauseigene Zeitschrift „Zeck“, die es seit 25 Jahren gibt und bei der Herausgeber und Redaktion ungenannt bleiben. In „Zeck“ bezichtigen sich die Autonomen ihrer Straftaten. Sie liefern auch Bauanleitungen für Brandsätze, Hakenkrallen oder andere Waffen. Einmal zeigten mehrere Skizzen, wie ein Waschbecken aus seiner Arretierung gelöst werden kann. Das war eine Anspielung auf einen Polizeieinsatz in einem besetzten Haus, bei dem Waschbeckenteile auf die Beamten geworfen wurden.

          Rund um die Rote Flora glich Hamburg während der Gipfeltage teilweise einem Kriegsgebiet

          „Für einen bleibenden Eindruck sorgen“

          Völlig selbstverständlich ist es für die „Floristen“, dass ihre Strukturen geheim bleiben sollen. Sie schürten Empörung, als bekannt wurde, dass die Polizei eine Zeitlang verdeckte Ermittler in der Flora hatte – und die Hamburger Öffentlichkeit empörte sich tatsächlich mit. Umgekehrt nennen die „Floristen“ ohne Bedenken ihre Feinde mit Namen und Adresse, und wenn es nur ein irgendwo in der Stadt neueröffnetes „Thor Steinar“-Geschäft ist, zu dessen „sportlichem Besuch“ aufgefordert wird. Wenn der Verfassungsschutz in seinen Berichten „Floristen“ mit Namen nennt, vor allem Blechschmidt, dann reagiert die Szene allerdings empört.

          Vor dem G-20-Gipfel kündigten die Autonomen an, der Gipfel solle „auf die Straße gesetzt“ werden. Und es wurde gedroht: „Wir sind sicher, dass viele Freund_innen aus nah und fern uns unterstützen werden, die Stadt Hamburg lahmzulegen und für einen bleibenden Eindruck zu sorgen.“ Wenn andere Gipfelgegner weniger martialisch ihre Forderungen aufmachten, wurden sie von den Autonomen belächelt. Es müssten „Ideen radikaler Gesellschaftsveränderungen sichtbar“ gemacht werden. „Im Gegensatz zur bürgerlichen Opposition werden wir den Herrschenden keine Alternativen vorschlagen, um das kapitalistische System am Leben zu erhalten, wir werden selbst bestimmen, welche Aktionsformen für uns politisch angemessen und vermittelbar sind.“ Die G-20-Proteste gegen Trump, Erdogan und Putin „werden ihre Wirkung verfehlen, da sie keine wirklichen Umbrüche herbeiführen und keine nachhaltigen Effekte beinhalten“.

          Von nachhaltigen Effekten verstehen die Flora-Sympathisanten etwas. Dabei wussten sie sehr wohl, dass „im Nachklapp eine Kampagne gegen die Rote Flora und ihre politischen Inhalte inszeniert“ werden würde. Für die CDU ist die Flora ein „Biotop und Keimzelle des Linksextremismus der Stadt“. Selbst dem rot-grünen Senat ist es seit G20 unheimlich geworden. Man prüfe, was aus der Flora werden solle, hieß es. Innensenator Andy Grote (SPD) jedenfalls schließt nicht mehr aus, dem Treiben der Flora ein Ende zu setzen. Die Flora hat auch darauf schon eine Antwort in der typisch autonomen Selbstgefälligkeit, die sich eine Schuldfrage nie stellen würde. Blechschmidt sagte: „Es ist offensichtlich, dass durch die Debatte all die Eskalation der Polizei und Grundrechtsverletzungen vergessen gemacht werden sollen.“

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