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Linke Szene : Rote Hölle, selbstorganisiert

Als 2015, nachdem die Stadt die Flora von einem privaten Eigentümer zurückerworben hatte, die Räume und die Fassade renoviert wurden, gewann die Flora gleich mehr Anziehungskraft für alle möglichen Gruppen, auch ganz friedliche. Inzwischen allerdings sieht es dort wieder aus wie eh und je, die Fassade ist mit Graffiti übersät. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die Autonomen darin eine Art gesellschaftliches Idealbild sehen, gleichsam Verwahrlosung als Auflösung festgefügter Formen.

Dass Gewalt in diesem Umfeld dazugehört, zeigt immer wieder die hauseigene Zeitschrift „Zeck“, die es seit 25 Jahren gibt und bei der Herausgeber und Redaktion ungenannt bleiben. In „Zeck“ bezichtigen sich die Autonomen ihrer Straftaten. Sie liefern auch Bauanleitungen für Brandsätze, Hakenkrallen oder andere Waffen. Einmal zeigten mehrere Skizzen, wie ein Waschbecken aus seiner Arretierung gelöst werden kann. Das war eine Anspielung auf einen Polizeieinsatz in einem besetzten Haus, bei dem Waschbeckenteile auf die Beamten geworfen wurden.

Rund um die Rote Flora glich Hamburg während der Gipfeltage teilweise einem Kriegsgebiet

„Für einen bleibenden Eindruck sorgen“

Völlig selbstverständlich ist es für die „Floristen“, dass ihre Strukturen geheim bleiben sollen. Sie schürten Empörung, als bekannt wurde, dass die Polizei eine Zeitlang verdeckte Ermittler in der Flora hatte – und die Hamburger Öffentlichkeit empörte sich tatsächlich mit. Umgekehrt nennen die „Floristen“ ohne Bedenken ihre Feinde mit Namen und Adresse, und wenn es nur ein irgendwo in der Stadt neueröffnetes „Thor Steinar“-Geschäft ist, zu dessen „sportlichem Besuch“ aufgefordert wird. Wenn der Verfassungsschutz in seinen Berichten „Floristen“ mit Namen nennt, vor allem Blechschmidt, dann reagiert die Szene allerdings empört.

Vor dem G-20-Gipfel kündigten die Autonomen an, der Gipfel solle „auf die Straße gesetzt“ werden. Und es wurde gedroht: „Wir sind sicher, dass viele Freund_innen aus nah und fern uns unterstützen werden, die Stadt Hamburg lahmzulegen und für einen bleibenden Eindruck zu sorgen.“ Wenn andere Gipfelgegner weniger martialisch ihre Forderungen aufmachten, wurden sie von den Autonomen belächelt. Es müssten „Ideen radikaler Gesellschaftsveränderungen sichtbar“ gemacht werden. „Im Gegensatz zur bürgerlichen Opposition werden wir den Herrschenden keine Alternativen vorschlagen, um das kapitalistische System am Leben zu erhalten, wir werden selbst bestimmen, welche Aktionsformen für uns politisch angemessen und vermittelbar sind.“ Die G-20-Proteste gegen Trump, Erdogan und Putin „werden ihre Wirkung verfehlen, da sie keine wirklichen Umbrüche herbeiführen und keine nachhaltigen Effekte beinhalten“.

Von nachhaltigen Effekten verstehen die Flora-Sympathisanten etwas. Dabei wussten sie sehr wohl, dass „im Nachklapp eine Kampagne gegen die Rote Flora und ihre politischen Inhalte inszeniert“ werden würde. Für die CDU ist die Flora ein „Biotop und Keimzelle des Linksextremismus der Stadt“. Selbst dem rot-grünen Senat ist es seit G20 unheimlich geworden. Man prüfe, was aus der Flora werden solle, hieß es. Innensenator Andy Grote (SPD) jedenfalls schließt nicht mehr aus, dem Treiben der Flora ein Ende zu setzen. Die Flora hat auch darauf schon eine Antwort in der typisch autonomen Selbstgefälligkeit, die sich eine Schuldfrage nie stellen würde. Blechschmidt sagte: „Es ist offensichtlich, dass durch die Debatte all die Eskalation der Polizei und Grundrechtsverletzungen vergessen gemacht werden sollen.“

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