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G-20-Gipfel : „Wir sind im Auge des Orkans“

Bild: F.A.Z.

Der G-20-Gipfel ist eine Belastungsprobe – für die Behörden und die Polizei, aber auch für die Anwohner und Geschäftsleute in den Sicherheitszonen. Das erträgt nicht jeder mit hanseatischer Gelassenheit.

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          Holger Redlich steht vor der Boutique seiner Frau im Karolinenviertel in Hamburg und schraubt ein riesiges Holzbrett vor das Fenster. Knapp hundert Meter weiter liegt das Messegelände, in dem sich von Freitag an die Vertreter der führenden Wirtschaftsnationen der Welt zum G-20-Gipfel treffen werden. Das Karolinenviertel ist ein Treffpunkt der linken Szene, die Polizei hat Demonstrationen dort verboten – wie fast überall in der Innenstadt.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Warum Redlich das Fenster verrammelt? „Wir haben lange überlegt. Aber wir sind das Wochenende nicht da – und sicher ist sicher.“ Ein Passant widerspricht ihm: „Ihr bedient doch nur das Klischee, dass hier alle nur Krawall machen wollen.“ Redlich sagt: „Darüber werde ich jetzt nicht diskutieren.“ Dann schraubt er weiter.

          Die linke Szene hat es als Provokation verstanden, dass der Gipfel mitten in „ihrem“ Hamburg stattfindet – darunter zu leiden haben aber vor allem die Einzelhändler. Sebastian Poll arbeitet in einem Laden in St. Pauli, in dem man Fahrräder leihen und Radtouren buchen kann. Von Donnerstag bis Samstag wird „Hamburg City Cycles“ geschlossen sein.

          „Für uns ist das extrem ärgerlich, es ist jetzt Hauptsaison, uns fällt ein ganzes Wochenende weg.“ Ein paar seiner Räder hat er zwar über die gesamten vier Tage vermieten können – wie viele zurückkommen, weiß er aber nicht. „Normalerweise bieten wir eine Diebstahlversicherung für zwei Euro an. Das gibt es für dieses Wochenende nicht, die Lage ist zu unsicher. Die Leute sollten die Räder nachts nicht draußen stehen lassen.“ Genau vor der Tür seines Geschäfts werden am Donnerstag die Autonomen in der „Welcome to hell“-Demo vorbeiziehen. Poll sagt: „Normalerweise gilt auch bei den Autonomen: Respect your neighbourhood. Hoffentlich halten sich daran auch die Aktivisten von außerhalb.“

          Szene aus dem Hamburger Karolinenviertel Bilderstrecke

          Genervt vom Gipfel ist Cüneyt Keskin. Er fährt gerade mit seinem Taxi durch Hamburg, als im Radio ein Kollege interviewt wird. Der sagt: „Ich hoffe, unsere Kunden haben Verständnis dafür, dass wir sie nicht überall hinbringen können und alles länger dauert.“ Man wisse ja selbst nicht, wann welche Straßen gesperrt seien. „Genauso ist es“, schimpft Keskin im Taxi. „Aber wir bekommen sowieso kaum Aufträge, die ganzen Delegationen haben eigene Fahrdienste, und sonst passt ja keiner mehr in die Hotels.“

          „Hier kann gar nichts passieren“

          Etwas besser gelaunt blickt Christoph Scheffler auf die Gipfel-Hysterie. Er sitzt wenige hundert Meter vom Messegelände entfernt vor seinem Geschäft, über dem Viertel kreisen Hubschrauber. Wasserwerfer stehen am Straßenrand, Häuser liegen hinter Stacheldrahtzäunen, die Polizei fährt gerade mit Blaulicht vorbei. Ob Scheffler sein Musikgeschäft am Wochenende schließen wird? „Auf keinen Fall. Wenn Donald Trump eine Gitarre braucht, ich bin für ihn da.“ Sein Musikgeschäft „Schalloch“ habe er erst ein einziges Mal geschlossen, obwohl es nicht nötig gewesen wäre. „Das war Anfang der Achtziger, da war ich in Bonn demonstrieren. Ich entscheide selbst, wann ich zumache und wann nicht.“

          Ob er Angst vor Krawallen hat? „Angst? Hier ist so viel Polizei, dass gar nichts passieren kann. Wir sind im Auge des Orkans.“

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