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Entwicklungsminister Müller : „Deutschland ist ein Entwicklungsland“

Ständig unterwegs: Müller im April in der von Dürre geplagten Somali-Region in Äthiopien Bild: dpa

Entwicklungsminister Gerd Müller spricht im FAZ.NET-Interview über seine Erwartungen an den G-20-Gipfel, die Schattenseiten der Globalisierung und die Ausbeutung der Dritten Welt durch die Erste.

          Herr Minister, in Kürze beginnt der G-20-Gipfel in Hamburg. Was erwarten Sie sich von dem Treffen der Staats- und Regierungschefs?

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Dieser Gipfel ist eine große Chance. Afrika steht erstmals auf der Tagesordnung. Wir wollen neue Formen der Unterstützung finden und eine Welt ohne Armut schaffen. Die G-7-Staaten haben das ehrgeizige Ziel vorgegeben, 500 Millionen Menschen bis 2030 aus der Armut zu holen.

          Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen fordert derzeit verzweifelt mehr Geld für den Kampf gegen den Hunger. In vielen Krisenregionen müssen die Nahrungsmittelrationen schon halbiert werden. Doch der amerikanische Präsident Trump will die Mittel drastisch kürzen. Können Sie ihn davon abbringen?

          Es ist beschämend, wenn die Weltgemeinschaft die fünf Milliarden Dollar, die UN-Generalsekretär Guterres für die Dürreregionen eingefordert hat, nicht zur Verfügung stellt. Das muss ein Thema in Hamburg sein. Ich habe einen Weltkrisenfonds vorgeschlagen, aus dem sich die internationalen Hilfsorganisationen bedienen können, wenn Not am Mann ist. Wir wollen sie nicht auf die Bilder sterbender Kinder warten lassen, um dann mit dem Klingelbeutel durch die Länder zu laufen. Wir wollen eine vorausschauende Krisenprävention.

          Aber die Vereinigten Staaten sind der mit Abstand größte Geldgeber – ohne sie läuft wenig im Welternährungsprogramm.

          Wir bauen darauf, dass das so bleibt. Nach einem Gespräch mit dem neuen WFP-Direktor David Beasley bin ich verhalten optimistisch, dass Amerika seiner humanitären Verpflichtung weiterhin nachkommen wird. Wir brauchen die Amerikaner. Hunger und Elend vorausschauend zu verhindern ist nicht nur humanitär, sondern auch klug, weil so Kriege verhindert werden können.

          Bei dem Gipfel soll es auch um die Schattenseiten der Globalisierung gehen. Von denen handelt auch Ihr vor wenigen Tagen erschienenes Buch „Unfair!“. Gleich zu Beginn sprechen Sie darin von den Grenzen des Wachstums – das ist der Titel der weltberühmten Studie für den Club of Rome von 1972. Ist diese Botschaft 45 Jahre später endlich auch in der CSU angekommen?

          Die ist bei uns schon lange angekommen. Christen in der Politik fühlen sich grundsätzlich dem Solidaritätsprinzip verbunden. Es muss auch zwischen den Staaten gelten. Wir Reichen tragen eine herausgehobene Verantwortung für die Armen, und ich nenne es unfair, dass ein erheblicher Teil unseres Wohlstands auf der Ausbeutung von Mensch und Natur in den Entwicklungsländern beruht.

          Aber durch Konsumkritik ist die CSU bisher nicht gerade aufgefallen.

          Es geht nicht um Konsumkritik. Es geht darum, wie es möglich ist, eine wachsende Weltbevölkerung von bald zehn Milliarden Menschen satt zu machen. Welches Wirtschaftsmodell ist zielführend für die Entwicklungsländer? Wir haben heute ein Gerechtigkeitsproblem: Zwanzig Prozent der Menschen, nämlich wir in den Industrieländern, verbrauchen 65 Prozent der Ressourcen. Unser Wachstums- und Wirtschaftsmodell auf die ganze Welt zu übertragen, ist also unmöglich. So stoßen wir Deutschen etwa zehn Tonnen Treibhausgase pro Kopf aus. Die Zeche dafür zahlen die Menschen in Ländern, die von Dürren heimgesucht werden, zum Beispiel Mauretanien oder Äthiopien. Das zeigt: An der Stelle ist Deutschland noch ein Entwicklungsland. Wir können und müssen aber Technologieführer sein und unseren Ausstoß reduzieren.

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