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Nach G-20-Gipfel : Krawalltouristen feiern eine Orgie der Gewalt

  • -Aktualisiert am

Ein Randalierer wirft ein Fahrrad in Richtung von Wasserwerfern. Bild: dpa

Die Polizei ist in der Nacht auf Sonntag kompromisslos gegen aggressive Demonstranten vorgegangen. Doch einige Randalierer leisten Widerstand – und verwüsten zum Spaß ganze Straßenabschnitte. Ihr Ideal? „China vor 1976“, sagt einer.

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          Junge Menschen tanzen über die Reeperbahn, von mehreren Bühnen schallt Musik, es wird gelacht. Auch vor der Roten Flora, dem linken Zentrum mitten im Schanzenviertel, herrscht Volksfeststimmung: Nach der großen Samstagsdemonstration in Hamburg sieht es ganz danach aus, als ob Protest tatsächlich auch Happening sein kann. Doch schon bald erweist sich, dass die Einsatzleitung der Polizei recht behalten sollte. Die hatte bereits den ganzen Nachmittag vor neuen Krawallen gewarnt.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Nach dem Ende des G20-Gipfels spitzte sich die Lage im Hamburger Schanzenviertel in der Nacht auf Sonntag wieder zu – genau an der Stelle, wo es schon vergangene Nacht heftige Krawalle gegeben hatte. In der dritten Nacht in Folge ist es am Samstagabend zu schweren Ausschreitungen in der Hansestadt gekommen. Mehrere Beamte wurden bei den Krawallen verletzt, die genaue Zahl ist noch nicht bekannt. Am heutigen Sonntag will Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den betroffenen Stadtteil besuchen.

          Beamte mit Böllern und Flaschen beworfen

          Die Polizei erklärte am frühen Sonntagmorgen, seit Beginn der Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg seien 144 Personen festgenommen und 144 weitere in Gewahrsam genommen worden.In der Gefangenensammelstelle in Hamburg-Harburg befanden sich nach Angaben der Rechtsanwältin Gabriele Heinecke am Samstagabend 290 Personen. Im wesentlichen seien die Anträge auf Haftbefehle von den Gerichten zurückgewiesen worden, dafür sei Gewahrsam bis Sonntag zwischen 15.00 und 18.00 Uhr ausgesprochen worden, sagte sie.

          Die Polizei sprach von etwa 600 Menschen, die sich auf dem Neuen Pferdemarkt und in der Straße Schulterblatt aufhielten. Die Einsatzkräfte gingen diesmal nicht so zögerlich wie am Vorabend vor, um die Menschenmenge auseinander zu treiben.

          Bereits am frühen Abend stürmte die Polizei immer wieder auf das Schulterblatt, nachdem mehrere Wohnungen im Viertel durchsucht worden waren. Die Autonomen verstanden das als Provokation, sie suchten wieder die Konfrontation mit der Polizei. Die Beamten positionierten sich am Rande der Menschenmenge, die Helme aufgesetzt. Daraufhin bewarfen einige Personen die Polizisten mit Glasflaschen. Langsam schaukelte sich die Anspannung wieder hoch. Als die Polizei dann begann, eine Kreuzung am Pferdemarkt zu räumen, eskalierte die Situation.

          Vor der Roten Flora trieben sich da schon lange viele der Gestalten herum, die Hamburg seit Tagen terrorisieren. Die schwarzen Regenjacken, die sie sich überstülpen, sobald sie Steine werfen, hatten sie lässig um die Schultern gelegt – dabei erzählten sie sich ihre „Heldengeschichten“ der Vortage. Hinter den Masken versteckten sich oft schmächtige Jugendliche, darunter junge Pärchen. Aber auch erfahrene Krawalltouristen aus ganz Europa mischten sich unter die Leute.

          Viele vor der Roten Flora vermummten sich schließlich – und strömten in Richtung der Wasserwerfer. Ganz vorne rissen Randalierer Steine aus der Straße, schmissen sie auf die Polizisten, bevor sie wieder davonrannten. Die Polizei räumte die Hälfte der Straße in wenigen Minuten, und kesselte den Rest der Vermummten vor der Roten Flora ein.

          „So hätte ich mir das gestern auch gewünscht“, sagte Sokratis Apostolidis, der seit 40 Jahren ein Geschäft auf der Schanze hat. „Gestern wurden wir hier alleine gelassen mit diesen Verrückten, weil Olaf Scholz lieber die Leute in der Elbphilharmonie geschützt hat. Ich habe meine Frau zum ersten Mal aus Angst weinen gesehen.“

          Aber auch wenn die Polizei energischer als in der Nacht zuvor vorrückt – sie trifft immer wieder auf Gegenwehr. Zudem brannten in mehreren Straßen wieder Fahrzeuge. Die Beamten reagieren mit Tränengas, Wasser und später auch Knüppeleinsatz. Doch wer ihnen da entgegentritt, ist kein geschlossener schwarzer Block wie am Vortag. Hier stehen Randale-Touristen, die sich und anderen etwas beweisen wollen. Zum Beispiel mit einem Bier in der Hand einem Wasserwerfer standhalten zu können.

          Die Randalierer sind sehr jung, oft gerade nicht mehr im Schüleralter. Ihr Verhalten ist der Pubertät nicht entwachsen: Sie rennen den Wasserwerfern entgegen, bauen sich breitbeinig vor ihnen auf, einer zieht die Hose herunter und zeigt der anfahrenden Polizei seine Genitalien. Und es sind erstaunlich viele junge Frauen darunter, mittendrin in der Zerstörungsorgie. Sie schleifen Müllcontainer auf die Straße und helfen beim Anzünden, sie zerren Fahrräder auf das Pflaster, gern auch die beliebten Stadträder, für die es mehrere Leihstationen im Viertel gibt. Sinnloser kann Zerstörung kaum sein.

          Und sie treibt die Wut auf den Staat und seine Politik, die sie als Agenda der schreienden Ungerechtigkeit wahrnehmen, gegen die nur die Totalopposition hilft. „Ich kann es verstehen, wenn in Spanien 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit herrscht, dass sich die Gewalt hier entlädt“, sagt ein Student am Straßenrand, bevor die Randale wieder begann. Was sein Ideal sei? „China vor 1976“. Wirklich, das China Mao Tse-tungs, das China der mörderischen Kulturrevolution? „Die Zahlen, die uns über die Kulturrevolution vermittelt werden, sind falsch“, argumentiert der Mann weiter in frappierender Ähnlichkeit zu seinen Gegnern auf der Rechten.

          Die Zahlen der Opfer von Maos Politik etwa seien maßlos übertrieben. „Es gab allenfalls 20 Millionen Tote – und was ist das schon angesichts von damals 600 Millionen Chinesen.“ Zudem gebe es gerade auf dem Land in China noch große Sympathien mit Maos Politik. Das wichtigste sei, dass die Gesellschaftsform gestimmt habe. „Der Kapitalismus zerfrisst die Welt, er korrumpiert uns alle.“ Wer so redet, ist mit Argumenten für die gegenwärtige Verfasstheit der westlichen Welt nicht mehr zu erreichen.

          Polizeieinsatz in Hamburg nach dem G-20-Gipfel Bilderstrecke
          Polizeieinsatz in Hamburg nach dem G-20-Gipfel :

          Die Anwohner reagieren auf den Mob, sind zunehmend genervt. Aus ihren Fenstern rufen einige den Randalieren zu: „Aufhören, haut ab.“ Daraufhin schleudert eine junge Frau von der Straße aus eine Flasche auf das geöffnete Fenster. Randale duldet keine Vernunft.

          Als sich die Lage am frühen Morgen in der Schanze wieder beruhigt, ist Amerikas Präsident Donald Trump, Lieblingsgegner der  G-20-Protestler, bereits wieder in Washington. Von den Krawallen hat er offenbar nicht viel mitbekommen. Auf Twitter resümiert er: „Alle fühlten sich sicher, trotz der Anarchisten.“

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