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Protestforscher im Gespräch : Was will der Schwarze Block?

Schadet die Gewalt den Zielen der G-20-Gegner?

Die Situation ist paradox: Auf der einen Seite besteht die Gefahr, dass in der öffentlichen Meinung alle Proteste gegen den Gipfel verurteilt werden, weil brennende Autos alles überschatten und nicht mehr zwischen den verschiedenen Protestgruppen unterschieden wird. Zum anderen liegt allein durch die Gefahr der Eskalation eine so große Aufmerksamkeit auf den Protesten, dass über die Medien auch viele Anliegen der Gipfelgegner eine Öffentlichkeit bekommen und nicht nur über die Ausschreitungen berichtet wird.

Schwarzer Block in Hamburg : Busfahrgäste in Angst

Wie blicken Sie auf die eskalierte Demonstration am Donnerstagabend?

Ich bin nicht wirklich überrascht, aber trotzdem schockiert vom Vorgehen der Polizei. Es ist klar, dass unter den Demonstranten auch Leute sind, für die Sachbeschädigungen oder Angriffe auf die Polizei zum Kalkül gehören. Aber das ist, wenn man das ganze Demonstrationsgeschehen betrachtet, eine Zahl im einstelligen Prozentbereich. Da stellt sich schon die Frage, was man damit erreicht, wenn man eine Demonstration ohne Not zerschlägt und alle Versammelten daran hindert, ihre Meinung auszudrücken. Das führt letztlich dazu, dass sich die Haltung aller Demonstranten verhärtet und dass dann vielleicht auch Leute die Polizei attackieren, die das unter anderen Umständen nicht gemacht hätten, weil sie Polizisten bisher nicht als ihre Feinde gesehen haben.

Hamburg hat eine starke linke Szene – welche Rolle spielt das für die Proteste?

Es gibt dort eine lange Geschichte der Konfrontationen zwischen Polizei und Demonstrierenden. Das hat man am Donnerstagabend gesehen. Für viele Leute aus dem Hamburger Raum ist deshalb klar: Es geht bei den Protesten auch um ein Kräftemessen mit der Polizei. Aus dieser Dynamik kommt man schwer wieder heraus. Mit jedem Einsatz, der mit der sogenannten Hamburger Linie gefahren wird, wird das Feindbild Polizei neu belebt.

Welche Folgen hat das für den G-20-Gipfel?

Durch die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen ist der Druck auf die Einsatzkräfte noch größer. Dazu kommt, dass es unter den Demonstranten eine viel größere internationale Beteiligung gibt. Diese Aktivisten bringen teilweise eine ganz anderer Protestkultur mit, etwa aus Griechenland oder Frankreich, wo Konfrontationen mit der Polizei ganz anders ablaufen. Und sie fühlen sich auch nicht unbedingt an Absprachen gebunden, die im Vorhinein gemacht wurden.

Was erwarten Sie von den weiteren Demonstrationen, die für die Gipfeltage geplant sind?

Ich erhoffe mir, dass es ein politisches Signal gibt, dass Protest erwünscht ist und dass er stattfinden kann; dass klargestellt wird, dass dieser Polizeieinsatz nicht vereinbar ist mit der Ankündigung, das Versammlungsrecht würde während des G-20-Gipfels nach wie vor gelten. Es wäre gut, wenn die Demonstrationen, besonders die große am Samstag, ungehindert laufen könnte, aber ich gehe von beidem nicht aus.

Dr. Simon Teune ist Soziologe an der Technischen Universität Berlin und forscht zu sozialen Bewegungen und Protesten. Er ist außerdem Vorstandsmitglied des Berliner Instituts für Protest- und Bewegungsforschung.

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