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Chaos beim G-20-Gipfel : Die Sünden von Hamburg

  • -Aktualisiert am

Polizisten am Hamburger Millerntor-Stadion Bild: EPA

Selbst der größte Polizeieinsatz in der Geschichte Hamburgs kann die Bürger nicht vor Randale schützen. Wie hätte die verhindert werden können?

          Ganz Hamburg hasst die Polizei“ – es ist dieser Schlachtruf, den die Demonstranten an der Elbe wieder und wieder skandieren, vielfach verstärkt durch tausende Mitläufer und Zuschauer. Es ist aber auch genau dieser Schlachtruf, der die Hybris der Gewalttäter und Chaoten zeigt, die in der vergangenen Nacht wieder Stadtteile von Hamburg verwüstet haben. Wer aus seiner eigenen beschränkten Weltsicht plötzlich das große Ganze macht, leidet unter chronischem Größenwahn. Es gibt da allerhand Vorbilder in der Geschichte.

          Genau diese selbstbezogene Überheblichkeit, diese grenzenlose Rücksichtslosigkeit gegenüber allem, was nur entfernt mit der eigenen Weltsicht kollidiert, hat in den vergangenen Tagen und in der Nacht auf Samstag hunderte Vermummte dazu gebracht, eine Orgie der Gewalt anzuzetteln, die selbst in der Krawall gewohnten Hansestadt ihresgleichen sucht. Auf schlimmste Art und Weise demonstriert hier eine Szene genau die Egomanie, die sie selbst an ihren Gegnern rügt, den vermeintlichen Raubtierkapitalisten.

          Eine Zone der Besserwisser

          Bereits am Freitagnachmittag blockierten die Vermummten Straßen und Kreuzungen am Hafen, gegen Abend ging es im Schanzenviertel erst richtig los. Samstagmorgen bietet die Gegend ein Bild der Verwüstung: Chaoten hatten bis tief in die Nacht gewütet, Barrikaden errichtet und angezündet, Schaufenster von dutzenden Geschäften zerstört, eine Bank verwüstet, Lebensmittelmärkte, Computer- und Klamottenläden geplündert. Es dauerte Stunden, bis es der Polizei gelang, die Situation zu beruhigen.

          Hunderte, angefeuert und gedeckt von tausenden Sympathisanten, haben ausgerechnet das Viertel auseinandergenommen, das in Hamburg wie kaum ein anderes alternative Lebensformen beherbergt und pflegt. Und etliche der Gewalttäter obendrein in den Nächten auch noch eine Matratze zum Schlafen bietet. Wie kann man – es ist nicht anders zu beschreiben – so dumm sein und sein eigenes Viertel auseinandernehmen?

          Es traf wie immer die Sparkasse im Schulterblatt und den Rewe-Markt – ein Wunder, dass die Unternehmen an ihren Außenposten dort festhalten. Aber es traf vor allem die vielen kleinen Geschäfte, etwa das Flying Tiger, einen Laden für Bastelbedarf (!), der komplett zerstört wurde. Wie sich Plünderer im und vor dem Comspot-Laden in der Schanzenstraße um Handys, Hüllen und anderes Zubehör rangelten, eröffnet einen beschämenden Einblick in die Niederungen einer sogenannten politischen Bewegung. 

          Hätte irgendjemand diese Explosion der Gewalt verhindern können? Seit der vergangenen Nacht ist das Internet einmal mehr zu einer Zone der Besserwisser geworden, wo viele alles verhindert hätten, wenn man nur auf sie gehört hätte. Es stellen sich vor allem zwei Fragen: Hätte die Polizei die Gewaltexplosion unterbinden oder zumindest früher beenden können? Und ist der Preis, eine politische Großveranstaltung wie den G-20-Gipfel in Hamburg abzuhalten, nicht zu hoch, sind die Zumutungen für die Bürger nicht mehr zu rechtfertigen?

          Was in der Nacht im Hamburger Schanzenviertel ablief, waren Riots im klassischen Sinne: Es sind ungesteuerte Ausbrüche ziviler Gewalt, die durch Unzufriedenheit mit Ereignissen oder Verhältnissen ausgelöst werden und sich dann mit einer fatalen Eigendynamik oft explosionsartig entfalten. Die Gewalt richtet sich gegen alles, was zerstört werden kann: Geschäfte, Häuser, Autos, Verkehrsschilder, Objekte, die nur ansatzweise, oder aber gar nichts, mit den Ursachen der Unzufriedenheit zu tun haben. Diese Riots sind vor allem im fortgeschrittenen Stadium ziellos und werden von unkoordinierten Gruppen und Einzelpersonen vorangetrieben. Für Außenstehende bieten sie das Bild sinnloser Gewalt.

          Das Schanzenviertel hat viele dieser Gewaltausbrüche erlebt. Es ist ein nicht einfach zu kontrollierendes Terrain. Neben den Hauptadern Schanzenstraße und Schulterblatt gibt es zahlreiche Seitenstraßen, die von vier- bis sechsstöckigen Häusern dicht flankiert sind. Die Straßen sind eng, die Dächer der Häuser miteinander verbunden, wer als Ordnungsmacht hier eindringt, muss von oben mit dem Schlimmsten rechnen.

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