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G-20-Proteste in Hamburg : „Ich will, dass es vorbei ist“

Das Schanzenviertel am Freitagabend Bild: Getty

Drei Tage, drei Nächte in Hamburg: Die Polizisten sind freundlich, die G-20-Gegner sanft. Dann läuft alles aus dem Ruder. Ein Annäherungsversuch.

          Das ist kein Körper mehr, kein Mensch, ich fühle nichts. Wie einen Ball schmeißen sie mich nach links, nach rechts. Es sind vermummte Polizisten, Riesen in breiten Uniformen, mit dicken Helmen. An diesem Abend sind sie auch keine Menschen mehr. Sie sind Maschinen.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Am Tag davor war alles anders, alles zahm. Es gab Gewalt, doch nur Gewalt an Ohren. Das war im Zug nach Hamburg. Im Wagen saßen lauter Journalisten, zu laute Journalisten. Ihr Thema: „GeSa“, die neue Gefangenensammelstelle. Sie wollten unbedingt zu den Containern, die Hamburg hergerichtet hat für den Protest, um die Gewalttäter zu sammeln. Ein breiter Mann brüllte zu den zwei Sitzen gegenüber: „Da geht es ganz gut her. Das werden gute Bilder.“ Die Sitze gegenüber, ein Mann und eine Frau, sagten darauf im schiefen Chor: „Ja, aber da ist viel umzäunt.“

          Alles nicht neu, nicht falsch

          „Wir schaffen das“, brüllte der Brüllende zurück. Die drei lauten Menschen wollten Gewalt, um ihre Kameras zu füttern. Das, was sie sagten, machte klar: Hamburgs Protest wird zu einem Ritual. Abläufe und Akteure stehen fest. Die Polizei, die Politik, die Demonstranten, die Reporter, der sogenannte Schwarze Block – sie alle haben ihre festen Rollen, befolgen feste Riten. Im Zug traten als Erste die Reporter auf. Das, was sie suchten, bekamen sie am Donnerstag, auf dem „Welcome to hell“-Marsch, der Menschen zu Maschinen machte.

          Doch noch ist Mittwoch, noch ist Hamburg zahm. Die großen Zwanzig sind noch nicht in der Stadt. In Altona: ein Women’s March. Es reden Frauen, reden Männer, sie sagen Feministensachen auf. Alles nicht neu, nicht falsch. Sie sprechen von Gewalt, Gehältern und werfen das Wort „Gendergap“ umher, so oft, so unpräzise, dass es nichts trifft und langweilt. Deshalb Smalltalk mit Sarah. Sie, 19, Auszubildende, trägt einen rosafarbenen Choker, ein enges Band um ihren Hals. Mit manikürten Fingern hält sie ein Poster fest. „Fuck Kapitalismus“, steht darauf.

          Die eine Seite macht es sich einfach, die andere auch

          Warum sie dieses Poster hält?

          „Die neoliberale Ordnung ...“, sagt Sarah, stoppt. Nach einer Kunstpause sagt sie: „Dieses System zwingt Frauen, sich genderkonform zu benehmen. Wir optimieren uns andauernd, im Job, im Aussehen. Nur so haben wir die Chance, im Patriarchat zu überleben. Und deshalb Fuck Kapitalismus!“ Das, was sie sagt, klingt nach bekannten Feminismus-Büchern der Britin Laurie Penny. Deshalb Nachfragen zu Deutschland, zum Kapitalismus. Hat der nicht dazu beigetragen, dass Traditionen zerstört, beschädigt wurden? Und wünscht sich Sarah für Deutschland etwa Sozialismus? „Ja!“, schießt sie aus ihren Lippen und danach Slogans gegen das „amoralische, verdorbene“ System. Sie macht aus der komplexen Welt mit ihren Worten eine einfache. Es gibt das Böse, „das System“, das muss man stürzen, und dann wird alles gut. So machen es sehr viele Demonstranten.

          Es ist realitätsfern, ja. Aber auch die, die auf der anderen Seite stehen, machen es sich einfach. Der Bürgermeister Olaf Scholz zum Beispiel. Auch seine Worte: Ritus, nicht mal verwandt mit der Realität. „Die Bundeskanzlerin hat mich gefragt, ob der Gipfel in Hamburg stattfinden kann – und ich habe Ja gesagt“, sagte er, Tage vor dem Treffen, und auch, dass man sich keine Sorgen machen sollte, dass Hamburg sicher bleiben würde.

          Ein internes Erkennungszeichen

          Wenn man sich Sarah ansieht, den Marsch, der jetzt in einen anderen läuft, den Tanz gegen G 20, sieht man noch nicht, wie Olaf Scholz sich irrte. Denn dort nur harte Bässe, Techno, der durch die Körper schlägt, und Seifenblasen. Ein Mann im grau verwaschenen Pullover schenkt mir ein Tuch, auf dem steht „Tötet Putin“ groß, und kleiner, dass man es nicht ernst nehmen sollte.

          Etwas ernst nehmen, ernst reden – geht nicht im Techno, in den Seifenblasen. Deshalb Flucht auf die Treppe, dort sitzt ein Mann in Schwarz, der seine Schuhsohlen bemalt, schwarz anmalt.

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