https://www.faz.net/-ijb-8zlgy

G-20-Proteste in Hamburg : „Ich will, dass es vorbei ist“

Jetzt schau nach Fluchtwegen

Der große Blonde, der morgen Abiturball hat, erklärt: „Die Polizei versucht, den Block zu trennen.“ Der Block, das sind vielleicht tausend Menschen. Der Rest sind acht-, neuntausend in diesem Augenblick. Im nächsten rennen alle. Der Abiturient und ich, wir haben keine Chance. Im Rücken eine Wand, kein Ausweg rechts, kein Ausweg links. Die Polizisten, vollvermummt, rennen der Wand entgegen, uns entgegen. Wie ferngelenkt erheben sich die Hände, alle, die nicht zum Schwarzen Block gehören, erheben ihre Hände. Die Polizisten, die gestern menschlich waren, mir Sicherheit versprachen, sind jetzt Maschinen. Sie wissen selbst nicht, in welche Richtung sie mich schmeißen sollen, der eine schubst nach links, der andere schubst nach rechts. Dann laufe ich. Die Hände immerzu erhoben. Der Marsch ist eine Falle. Überall stehen die Helmmaschinen und ihre Wasserautomaten. Etwas abseits ein Stromkasten, er wird zum Schutzschild. Die Hände trauen sich nicht runter, die Tränen rollen über das Gesicht, während mehr Polizeibusse anrollen. So hockend, heulend vergehen die Minuten. Der Fluchtinstinkt schreit laut im Kopf, doch Fliehen geht nicht. Überall Maschinen, Wasserwerfer. Auf einmal schreien vor dem Schutzschild, dem Stromkasten, die Schwarzgekleideten, sie schreien: „Die ganze Welt hasst die Polizei.“

„Haut bitte ab“, schreie ich ihnen entgegen, denn wo sie sind, ist die Gefahr. Doch sie verstehen nichts, skandieren auch: „Haut ab!“

Mehr Tränen. Dann hält mich eine Frau in ihren Armen, auch sie trägt eine schwarze Sonnenbrille, drückt mir einen Riegel in den Mund. „Das hilft gegen den Schock“, sagt sie und dann: „Jetzt schau dich um und schau nach Fluchtwegen.“ Sie zeigt auf einen Abhang voller Brennnesseln. Beruhigend ist das nicht. Die Helmmaschinen laufen wieder, sie jagen Aliens. Es ist ein Film, jeder spielt seine Rolle.

Dasselbe Rituel, nur mehr Gewalt

„Wenn Polizisten vor dir sind, dann darfst du niemals rennen“, erklärt die Riegel-Frau. Doch ich will rennen, weg. Das Zeitgefühl ist jetzt verloren. Minuten sind wie Stunden. Es ist ein bisschen ruhiger irgendwann. Wir gehen. An der Bushaltestelle auf dem Weg zu der Bahn sitzt einer, der apathisch ist, Blut läuft ihm aus dem Kopf, läuft über seine Brauen. Die Helferin mit Riegeln hilft. Ich fühle nichts und mache nichts. Dann ist er weg. Wie? Keine Ahnung. Zum Abschied sagt die Riegel-Frau, dass ich die kleinen Straßen gehen muss. Okay. Vor dem Eingang zur Bahn schon wieder die Maschinen, schon wieder erheben sich die Hände automatisch. „Bitte! Ich bin nur Journalistin!“ Sie lassen mich zur Bahn, und einer ruft hinterher: „Schreiben Sie was Gutes über uns!“

Die digitale F.A.Z. PLUS
F.A.Z. Edition

Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

Mehr erfahren

Im Hotel, in Sicherheit, vergeht der Schock, und der Hunger kommt. Es gibt kein Restaurant, und Rausgehen geht nicht. Dort sind die Demonstranten, die Maschinen, der Block, die Jagd, direkt unter den Fenstern. Dann Schlafen gegen Hunger.

Am Morgen spielt die Stadt dasselbe Spiel, es läuft dasselbe Ritual, aber mit mehr Gewalt als gestern. Vor dem Hotel schlafen die Wasserwerfer, erwachen manchmal, werfen Wasser. Jeder ist immer noch in seiner Rolle. So geht der Tag. Am Abend meldet sich der Körper, den gestern die Maschinen pressten, schubsten. Alles tut weh. Ich will raus aus dem Ritual, das diese Stadt durchzieht – zurück in die Realität.

Weitere Themen

Die Garzweiler Gratwanderung

Kohleproteste in NRW : Die Garzweiler Gratwanderung

Klimabewegte Jugendliche demonstrieren neben radikalen Aktivisten im Braunkohlerevier. Die Polizei warnt die Schüler von Fridays for Future eindringlich vor einer Instrumentalisierung und Straftaten, doch die wollen davon nichts wissen.

Topmeldungen

Aktuell gibt es in Deutschland nur einen Bruchteil der bis 2020 anvisierten 100.000 Ladestellen.

Elektromobilität : Strom-Tankstellen auf Staatskosten

Im Kanzleramt findet gerade ein Autogipfel statt. Ein Thema: Elektro-Autos. Sie sind für die Industrie das nächste Milliardengeschäft. Doch die Ladesäulen soll der Staat bezahlen – mit bis zu einer Milliarde Euro. Aber muss das sein?
Demonstranten in Cottbus im Mai 2018

Sicherheitsbehörden und AfD : Ist Frust die Ursache?

Es gilt, alle rechtsstaatlichen Mittel anzuwenden, um Reichsbürger aus dem Sicherheitsapparat auszuschließen. Es hilft aber nicht, allen Mitgliedern der Sicherheitsbehörden pauschal ein blindes rechtes Auge zu unterstellen. Eine Analyse.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.