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G-20-Proteste in Hamburg : „Ich will, dass es vorbei ist“

Wozu denn das?

„Für Sicherheit“, sagt er, erkennt dann Fragen in meinen Augen. „Damit man uns nicht identifizieren kann“, er spricht wie ein Computer, ohne Regung, „die schwarze Sohle ist internes Erkennungszeichen.“

„Ich versteh’ schon, warum die Leute wütend sind“

Geht’s um den Schwarzen Block? Passiert noch was? Wie sind die Pläne?, sage ich, zu hungrig. Es ist dieser Reporterritus.

Der Schuhanmaler faucht: „Ich kenne dich nicht, solche Informationen gebe ich nur Leuten, die ich kenne. Wer bist du überhaupt?“ Er folgt, anders als die Tanzenden, als Sarah, als die Reporter, anderen Regeln. Der Schwarze Block ist eine Welt, zu der Misstrauen so gehört wie schwarze Kleidung. Mit Journalisten redet man da selten. Tschüss.

Auf Straßen thronen Wasserwerfer. Sie sehen aus wie Apparate aus der fernen Zukunft. Vor den Maschinen stehen schöne Männer, junge Männer, Polizisten. Mit einer falschen Feuerfrage, dem Deuten auf die Zigarette, ziehe ich zwei Männer ins Gespräch. Entspanntes Reden, Rauchen.

Ist es nicht heiß unter der dicken Uniform?

„Ja, doch morgen wird es schlimmer, weil’s Wetter besser wird“, sagt einer der Dunkelblaugekleideten.

Schon harte Tage, oder?

Es antwortet der andere, der wie ein Teenager aussieht: „Ich will nur, dass es Sonntag ist, dass es vorbei ist.“

„Es kommen so viele Arschlöcher nach Hamburg, um in der Elbphilharmonie zu sitzen und teuren Wein zu trinken. Ich versteh’ schon, warum die Leute wütend sind“, sagt der, der etwas älter aussieht.

Kirche ist wie Protest, Protest wie Kirche

Der Satz ist eine Überraschung, denn dieser Schöne meint Erdogan und Trump und Putin und die anderen. Ein Polizist, der den Protest versteht, ist Sicherheit, Erleichterung.

Wie weit weg von der Realität dieser Gedanke ist, das weiß ich nicht, noch nicht. Vielleicht vergisst in dem Protest in Hamburg jeder die Wirklichkeit für eine Weile. Vielleicht, weil jeder seine Rolle hat – seinen Platz.

Auch Gott. Sagt ein Pastor. Die Christianskirche. Dort fünfzig Menschen, die zum „politischen“ Gebet gekommen sind. Es klingt, sieht aus wie ein Theaterstück. Der Pastor predigt, und eine Frau spricht in die Predigt Zitate aus Zeitungen hinein: Es geht um China, um Hühnerfleischexporte. Alles sehr wirr. Klar ist nur der Gesang. „Imagine“ von John Lennon. Und dann Wolf Biermann, klar!

Appelle an Gefühle, das Wort Moral statt Analyse: Die Kirche ist wie der Protest. Doch vielleicht ist es andersrum, und der Protest ist christlich wie die Kirche. Denn auch der Weg zur Hölle, der Marsch des Donnerstags, beginnt mit Reden von Barmherzigkeit, von Gleichheit, von Moral. Während in einem Hinterhof sich Menschen – vielleicht dreißig – umziehen und schwarz anziehen, hat sich der Himmel schon verkleidet. Zu blau ist er, zu klar, um Hamburg zu gehören. Er spielt einen Himmel aus dem Süden.

Sie sind da für Gewalt

Auf einer Bühne spricht eine Menschenrechtlerin, ich setze mich auf den Asphalt, daneben Frauen, die ihre Jacken falten. „Hey, setz dich bitte weiter weg, ich kenne dich nicht“, sagt eine Rundliche im Tanktop. Ihre schwarzen Schuhe sagen den Rest. Es ist dieses bekannte Misstrauen, ist dieser Schwarze Block.

Der Fischmarkt füllt sich und wird dunkler. Extremisten ziehen ihre Jacken an, es werden immer mehr. Sie sehen aus wie Aliens. Schwarze Sturmhauben, Sonnenbrillen und Kapuzen. Die Außerirdischen sind zärtlich miteinander. Um sich nicht zu verlieren, halten sie sich an ihren Schultern fest. Der Marsch beginnt. Drei hübsche junge Hamburger, auf keinen Fall vom Block, reden über richtige Bekleidung. Der große Blonde sagt, dass man kein T-Shirt tragen kann, auf dem irgendeine große Marke steht. „Mit Sicherheit stirbt Freiheit“, steht auf dem T-Shirt seines Freundes. Sie sprechen über Menschen, die in Somalia verhungern. „Dass Arme arm sind, Reiche reich, das ist Realität“, sagt der im Freiheits-Shirt. Doch diese Wirklichkeit, sie spielt jetzt keine Rolle. Der Schwarze Block schiebt sich zu dicht zu uns, es sind zu viele. Und ihr Benehmen, ihre Kleidung zeigen die Realität in Hamburg: Sie sind nicht da, um zu marschieren, protestieren. Sie sind da für Gewalt. Der Marsch stoppt. Die Polizei fordert Vermummte auf, ihre Vermummung abzulegen.

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