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Fußball-Krawalle in Brasilien : Ein Klub in Angst

Voller Leidenschaft: Die Anhänger der Corinthians stehen fest zu ihrem Verein – doch sie sind auch für Auswüchse berüchtigt Bild: AP

Fans gehen auf die Profis von Corinthians los, würgen den ehemaligen HSV-Profi Guerrero. Die Spieler protestieren in einem offenen Brief gegen die grassierende Gewalt im Fußball.

          Die Profis des brasilianischen Fußballklubs Corinthians aus São Paulo haben Angst. Weniger vor dem Gegner auf dem Platz als vor den eigenen Fans. Schon zum Spiel am vergangenen Sonntag wollten die meisten Spieler nicht antreten, ließen sich aber von der Vereinsführung wegen der dem Klub drohenden Konzessionsstrafen überzeugen, schließlich doch noch aufzulaufen. Erwartungsgemäß lief es nicht gut: Die Corinthians, im Dezember 2012 noch Fifa-Klub-Weltmeister nach einem Sieg gegen Chelsea, verloren in Campinas gegen die Zweitliga-Kicker von Ponte Preta 1:2. Es war die dritte Niederlage in Serie, zuvor hatte es gegen den Erzrivalen aus Santos eine historische Schlappe (1:5) gegeben. Den Corinthians droht nun das vorzeitige Aus in der traditionsreichen Meisterschaft im Bundesstaat São Paulo, einer Art Aufwärmturnier vor dem Beginn des „Campeonato Brasileiro“ im April.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Am Mittwoch berichteten brasilianische Medien von einem möglichen Generalstreik der Profis im Bundesstaat São Paulo schon an diesem Wochenende. In einem Schreiben der Spielergewerkschaft an den Fußballverband und die zuständigen Behörden des bevölkerungsreichsten brasilianischen Bundesstaates wird die beispiellose Drohung mit jenem skandalösen Vorfall vom Samstag begründet, über den seither ganz Brasilien spricht. Eine Gruppe von etwa hundert erzürnten Fans hatte sich durch ein Loch im Maschendraht Zugang auf das Trainingsgelände der Corinthians im Norden von São Paulo verschafft, um Spielern und Betreuern ihr Missfallen über die zuletzt miserable Leistung der Mannschaft zum Ausdruck zu bringen.

          Dabei ging es vor allem den Stürmern Alexandre Pato, Emerson Sheik und Paolo Guerrero an die Gurgel. Und zwar buchstäblich: Der peruanische Nationalspieler und ehemalige HSV-Profi Guerrero, nach seinem Siegtor gegen Chelsea vom Dezember 2012 noch als Held gefeiert, wurde schwer gewürgt. Andere Spieler sowie medizinisches Personal wurden „lediglich“ umhergeschubst, beschimpft und mit Stockhieben bedroht. Als der Spuk nach etwa einer Viertelstunde vorüber war, fehlten aus den Umkleidekabinen mehrere Mobiltelefone, Radios und Wertgegenstände; Autos von Spielern und Betreuern waren beschädigt.

          Wäre er doch in Hamburg geblieben: Paolo Guerrero wurde schwer gewürgt

          Die Behörden verlangen nun die Herausgabe der Aufzeichnungen von Überwachungskameras, um die Eindringlinge zu identifizieren und wegen Körperverletzung, Diebstahls, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch zur Rechenschaft ziehen zu können. Doch auf wundersame Weise fielen die Kameras zum Zeitpunkt des Überfalls aus. Rätselhaft ist auch, warum die Fans trotz der Präsenz von Polizei und privaten Sicherheitsdiensten überhaupt auf das Gelände vordringen konnten. In einem offenen Brief vom Dienstag haben die Corinthians-Spieler gegen die grassierenden Gewaltakte im brasilianischen Fußball protestiert, die viel zu oft ungestraft blieben. „Wir Spieler von Corinthians fordern Sicherheit, damit wir in Ruhe für neue Siege arbeiten können. Niemand ärgert sich mehr über Niederlagen als wir selbst“, heißt es in dem Schreiben.

          Der reichsts Klub Lateinamerikas

          Die Corinthians sind nicht irgendein brasilianischer Klub, sie haben sich in den vergangenen Jahren dank sprudelnden Einnahmen aus Fernsehrechten und Fanartikelverkäufen zum reichsten Verein Lateinamerikas gemausert: Der Underdog-Club der Arbeiterschicht wurde zum Krösus. Die Anhänger der Corinthians, besonders der Fanclub „Gaviões da Fiel“ (Falken der Treue), sind für ihre geradezu religiöse Loyalität bekannt – aber eben auch wegen ihrer Gewaltbereitschaft berüchtigt. Beim Spiel der Corinthians in der „Copa Libertadores“ in Bolivien im Februar 2013 feuerten Randalierer aus São Paulo Feuerwerkskörper in den Fanblock der Gastgeber. Ein 14 Jahre alter Junge wurde dabei tödlich verletzt. Der Tod des Jugendlichen und die anschließende monatelange Inhaftierung eines Dutzend verdächtiger Corinthians-Fans durch die bolivianischen Behörden lösten eine diplomatische Krise zwischen den Nachbarländern aus.

          Pech oder Pfusch am Bau: Im November hatte es bei Bauarbeiten zwei Tote gegeben, als ein Kran auf das Dach des Stadions stürzte

          Zu den bekanntesten Anhängern der Corinthians gehört der frühere Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Seinem Einfluss ist es wesentlich zu verdanken, dass im Stadtteil Itaquera – einer Corinthians-Hochburg – das neue WM-Stadion von São Paulo gebaut wird, in dem am 12. Juni das Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien ausgetragen wird. Im November hatte es dort bei Bauarbeiten zwei Tote gegeben, als ein Kran auf das Dach des Stadions stürzte.

          Nach der Weltmeisterschaft wird die „Arena Corinthians“, mit Millionen Steuergeldern finanziert, als eine Art postpräsidiales Geschenk Lulas an seinen Stammverein übergeben. Vielleicht fühlen sich Profis und gewöhnliche Zuschauer bis dahin wieder sicher genug, um dort Fußball zu spielen und anzusehen.

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