https://www.faz.net/aktuell/friedensnobelpreis-memorial-gruenderin-wird-kluger-kopf-der-faz-18522173.html

Die von Ihnen angeforderte Seite kann leider nicht ausgeliefert werden. Das tut uns leid. Interessiert Sie eine andere Geschichte von der aktuellen FAZ.NET-Homepage?

Zum Friedensnobelpreis : Memorial-Gründerin Irina Scherbakowa wird kluger Kopf der F.A.Z.

Bild: F.A.Z.

An diesem Wochenende erhält die Menschenrechtsorganisation Memorial den Friedensnobelpreis. Zeitgleich macht die Frankfurter Allgemeine Zeitung Mitgründerin Irina Scherbakowa zur neuen Protagonistin der Kluge-Köpfe-Kampagne.

          2 Min.

          Am Anfang von „Memorial“ stand ein Friedensnobelpreisträger: Andrej Sacharow, der die Auszeichnung 1975 wegen seines Einsatzes für die Menschenrechte in der Sowjetunion erhalten hatte. Er war in der schwierigen Gründungsphase der Organisation Ende der Achtzigerjahre ihr Vorsitzender. Die sowjetischen Machthaber legten dem Vorhaben viele Steine in den Weg, eine Organisation zur Aufarbeitung der Verbrechen des kommunistischen Regimes zu gründen. Sacharows Bekanntheit half, bei den Behörden die offizielle Registrierung der Organisation zu bewirken.

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

          Nun bekommt „Memorial“, gemeinsam mit dem ukrainischen Zentrum für bürgerliche Freiheiten und dem belarussischen Menschenrechtler Ales Bjaljazki, selbst den Friedensnobelpreis – knapp zehn Monate nachdem Russlands oberstes Gericht die Organisation für aufgelöst erklärt hat. Das zeigt, welchen Stellenwert Menschenrechte und ein ehrlicher Umgang mit der Vergangenheit haben. Für „Memorial“ gehören Geschichte und Gegenwart untrennbar zusammen. Die Organisation entstand  aus dem Bedürfnis, die Wahrheit über die Unterdrückung Andersdenkender, die Massenerschießungen, Straflager und Deportationen in der Sowjetunion ans Licht zu bringen und mit Denkmälern an die Opfer zu erinnern. Die Kenntnis dieser Geschichte sei nötig, um eine freie Gesellschaft aufzubauen, waren die Gründerinnen und Gründer überzeugt. Daher war die Verteidigung der Menschenrechte von Anfang an Teil der Arbeit von „Memorial“.  

          Bild: F.A.Z.

          Die 73 Jahre alte Irina Scherbakowa war von Anfang an bei „Memorial“ dabei und wurde mit den Jahren zu einem der Köpfe der Organisation. Mit der Aufzeichnung von Lebensgeschichten Überlebender der stalinistischen Straflager hatte sie schon Ende der Siebzigerjahre begonnen, als dafür noch Verfolgung drohte. Diese Arbeit hat sie später bei „Memorial“ fortgesetzt.

          Nach Putins Überfall auf die Ukraine hat sie Russland verlassen – aber ihr Engagement geht weiter. Die Leute von „Memorial“ versuchen, verstreut über viele Länder, so viel wie möglich von der Arbeit der vergangenen drei Jahrzehnte zu retten. Es geht um das Archiv und die Sammlung von Gegenständen, die vom Leben in den Lagern zeugen, es geht um die Verteidigung derer, die in Russland immer noch Protest wagen, und es geht um die Erhaltung der vielfältigen internationalen Kontakte und Netzwerke.
          Deshalb ist Irina Scherbakowa gerade viel in Deutschland unterwegs, zu dem sie viele Verbindungen hat.

          Sie hat in den Siebzigerjahren Germanistik studiert, war seit dem Ende der Sowjetunion unzählige Male in Deutschland und hat mit vielen deutschen Organisationen zusammengearbeitet. Immer wieder hat sie in den vergangenen Jahren kritisiert, dass viele Deutsche den aggressiven Charakter des Regimes von Wladimir Putin nicht wahrhaben wollten. Scherbakowa hat selbst erfahren, wie die Moskauer Machthaber mit Kritikern umgehen. Mitarbeiter von „Memorial“ wurden unter fadenscheinigen Vorwürfen vor Gericht gestellt und verurteilt, Schikanen, Prozesse und Durchsuchungen begleiten die Arbeit der Organisation seit Jahren.

          In der Einschätzung des Krieges gegen die Ukraine ist sie sich mit den ukrainischen Nobelpreisträgern einig: „In meinen Augen ist ein Frieden nur vorstellbar, wenn die Ukraine diesen Krieg gewinnt.“ Deshalb müsse die Ukraine weiter unterstützt werden, sagt sie im Interview zum Kluge-Köpfe-Motiv der F.A.Z.: „Ein Stopp der Waffenlieferungen würde Putin nur die Möglichkeit geben, weiter so aggressiv zu handeln. Das hat die Vorgeschichte mit der Ukraine bereits zeigt.“

          Am Samstag erhält die von Irina Scherbakowa mitgegründete Menschenrechtsorganisation Memorial den Friedensnobelpreis in Oslo. Parallel wird die in Moskau geborene Menschenrechtlerin neue Protagonistin der vielfach ausgezeichneten F.A.Z.-Kampagne „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“. Neben Memorial werden auch das Center for Civil Liberties und Ales Bjaljazki mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt.

          Das 98. Motiv der Fotoserie zeigt die Historikerin hinter einer aufgeschlagenen Zeitung, positioniert neben der „Non Violence“-Skulptur des schwedischen Bildhauers Carl Fredrik Reuterswärd. Das Kunstwerk ist ein weltweites Symbol für den Frieden. Die Botschaft von Irina Scherbakowa, die im Exil in Deutschland lebt, richtet sich an Russland, die Waffen niederzulegen und die Kampfhandlungen einzustellen. Außerdem sagt sie: „Der Frieden braucht eine Grundlage – und diese schaffen wir nur, wenn wir alles tun, um die Verteidigung der Ukraine zu gewährleisten und die Abschreckung für Putin so groß wie möglich zu halten.“

          Irina Scherbakowa zählt zu den Vorreiterinnen der russischen Menschenrechtsbewegung und war 1989 Mitbegründerin der Menschenrechtsorganisation Memorial. Die Dachorganisation inklusive ihrer Regionalorganisationen wurde Ende 2021 jedoch vom Obersten Russischen Gericht zwangsliquidiert. Im Oktober 2022 folgte die Anordnung zur Räumung der Moskauer Büros.

          Die vielfach preisgekrönte F.A.Z.-Kampagne „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ greift seit 1995 gesellschaftliche Themen und Ereignisse auf. Viele herausragende Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft haben sich für die Serie hinter der aufgeschlagenen Zeitung fotografieren lassen – unter anderem Helmut Kohl, Ursula von der Leyen und Helmut Schmidt. Alle Motive sind hier einsehbar.

          Topmeldungen

          Monika Schnitzer ist seit 2022 Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Das fünfköpfige Gremium berät die Bundesregierung zur Wirtschaftspolitik.

          Monika Schnitzer : Revoluzzerin mit unangenehmen Botschaften

          Wer recht hat, bekommt nicht immer Beifall. Trotzdem wagt die oberste Wirtschaftsweise, Monika Schnitzer, klare Ansagen zur Rente, zum Fachkräftemangel und zur Einwanderung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.