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Zum Tod Karsten Thielkers : Nicht nur schwarz und weiß

  • -Aktualisiert am

Straßenszene auf dem Schwulen- und Lesben-Fest in Berlin-Schöneberg. Bild: Karsten Thielker

Karsten Thielker war Fotograf und Pulitzer-Preisträger. Neben seinem außerordentlichen Blick hatte er auch immer ein Gespür dafür, welche Fotos eine Zeitungsredaktion gerade brauchen konnte. Nun ist er im Alter von nur 54 Jahren in Berlin verstorben. Wir zeigen einen Querschnitt seines fotojournalistischen Schaffens mit einem Nachruf seines Kollegen Stefan Boness.

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          1991 machte Karsten Thielker die ersten Fotos, die den Beschuss Dubrovniks zu Beginn des jugoslawischen Bürgerkriegs dokumentierten.
          1991 machte Karsten Thielker die ersten Fotos, die den Beschuss Dubrovniks zu Beginn des jugoslawischen Bürgerkriegs dokumentierten. : Bild: Karsten Thielker/AP
          Die ersten deutschen Truppen auf dem Weg durch Mogadischu im Jahr 1993. Der Deutsche Bundestag schickte damals bewaffnete Soldaten der Bundeswehr zu einem der ersten Auslandseinsätze ins Bürgerkriegsland Somalia.
          Die ersten deutschen Truppen auf dem Weg durch Mogadischu im Jahr 1993. Der Deutsche Bundestag schickte damals bewaffnete Soldaten der Bundeswehr zu einem der ersten Auslandseinsätze ins Bürgerkriegsland Somalia. : Bild: Karsten Thielker/AP
          Zwei Obdachlose in Frankfurt haben sich vor einer Geschäftsdekoration niedergelassen.
          Zwei Obdachlose in Frankfurt haben sich vor einer Geschäftsdekoration niedergelassen. : Bild: Karsten Thileker/AP
          1994 dokumentierte Karsten Thielker den Völkermord in Ruanda und gewann hierfür gemeinsam mit anderen AP-Fotografen den Pulitzer-Preis. Eine Arbeit, die sich nachhaltig im Gedächtnis einbrennen sollte.
          1994 dokumentierte Karsten Thielker den Völkermord in Ruanda und gewann hierfür gemeinsam mit anderen AP-Fotografen den Pulitzer-Preis. Eine Arbeit, die sich nachhaltig im Gedächtnis einbrennen sollte. : Bild: Karsten Thielker/AP
          Verwundete, russische Soldaten werden während des ersten Tschetschenienkrieges mit dem Helikopter aus Grosny gebracht.
          Verwundete, russische Soldaten werden während des ersten Tschetschenienkrieges mit dem Helikopter aus Grosny gebracht. : Bild: Karsten Thielker/AP
          Einschusslöcher auf der sogenannten „Sniper Alley“ in Sarajevo. Im Bosnienkrieg war Thielker regelmässig für die Agentur AP vor Ort.
          Einschusslöcher auf der sogenannten „Sniper Alley“ in Sarajevo. Im Bosnienkrieg war Thielker regelmässig für die Agentur AP vor Ort. : Bild: Karsten Thielker/AP
          US Präsident Bill Clinton besucht 1995 die Smith Barracks in Baumholder.
          US Präsident Bill Clinton besucht 1995 die Smith Barracks in Baumholder. : Bild: Karsten Thielker/AP
          Auch Bosnien bereiste er nach dem Krieg wieder: 2006 stehen oberhalb von Sarajevo die Autos der Liebespaare! Dort wo im Bürgerkrieg die Heckenschützen Position bezogen hatten.
          Auch Bosnien bereiste er nach dem Krieg wieder: 2006 stehen oberhalb von Sarajevo die Autos der Liebespaare! Dort wo im Bürgerkrieg die Heckenschützen Position bezogen hatten. : Bild: Karsten Thielker
          Pegida Demonstration auf dem Altmarkt in Dresden.
          Pegida Demonstration auf dem Altmarkt in Dresden. : Bild: Karsten Thielker
          Über mehrere Jahre hinweg arbeitete Thielker an einer Fotoserie über das KZ Auschwitz.
          Über mehrere Jahre hinweg arbeitete Thielker an einer Fotoserie über das KZ Auschwitz. : Bild: Karsten Thielker
          Ruanda revisited. 2019 bereiste Thielker das Land noch einmal und brachte andere Aufnahmen mit zurück, als die von Krieg und Leid.
          Ruanda revisited. 2019 bereiste Thielker das Land noch einmal und brachte andere Aufnahmen mit zurück, als die von Krieg und Leid. : Bild: Karsten Thielker
          Eindrücke der Sächsischen Landtagswahlen 2019 in Dresden.
          Eindrücke der Sächsischen Landtagswahlen 2019 in Dresden. : Bild: Karsten Thielker
          Ein Gabenzaun für Bedürftige nahe des Bahnhofs Zoo, Ende März, während des Lockdowns.
          Ein Gabenzaun für Bedürftige nahe des Bahnhofs Zoo, Ende März, während des Lockdowns. : Bild: Karsten Thielker
          Zuletzt dokumentierte Karsten Thielker viel die Coronapandemie in seiner Wahlheimat Berlin.
          Zuletzt dokumentierte Karsten Thielker viel die Coronapandemie in seiner Wahlheimat Berlin. : Bild: Karsten Thielker
          Abiturprüfungen an der Berliner Fichtenberg-Schule in Zeiten von Corona.
          Abiturprüfungen an der Berliner Fichtenberg-Schule in Zeiten von Corona. : Bild: Karsten Thielker

          So kann man es sich hoffentlich vorstellen: viel Farbe und vielleicht noch mehr Licht, und selbst das Schwarz/Weiß war nicht nur dunkel und hell, sondern viel vielschichtiger - in seinen letzten Tagen…

          Karsten Thielker hat mit seinen Fotos sowohl in Farbe, als auch in schwarz/weiß überzeugen können. Neben journalistischen Arbeiten und einer äußerst kreativen Eventfotografie war sein Lieblingsmetier der vergangenen Jahre die klassische „Straßenfotografie“: Menschen durchnässt im Sturzregen, Fahrradfahrer im Gewusel der Großstadt, humorvoll eingefangene Momente am Rande einer Großdemonstration, Partyszenen in Kreuzberg…

          Dabei begann seine autodidaktische Fotografenlaufbahn vor rund 30 Jahren nach ersten Erfahrungen bei einer Mainzer Regionalzeitung, bald danach für die internationale Agentur Associated Press (AP) in Frankfurt/Main. Das war sein Sprungbrett für „große“ Themen und Aufgaben. AP war von seiner Arbeit und Persönlichkeit überzeugt und schickte ihn als „Kriegsfotograf“ für mehrere Jahre nach Bosnien, Tschetschenien, Somalia und Ruanda. Während des Genozids in Ruanda 1994 fotografierte Karsten erschreckende Motive, die ihn sein Leben lang begleiteten. 1995 erhielt er zusammen mit weiteren Kollegen von AP für diese Aufnahmen den Pulitzer-Preis.

          Letztendlich stand sein Entschluss aber fest: diese traumatischen Szenen des Horrors wollte er nicht mehr erleben. Dabei ließ ihn das Schicksal dieses Landes – was für andere Themen auch Gültigkeit hat – nicht mehr los: 25 Jahre später war er wieder da und es entstand eine bewegende Reportage über ein Land mit einer enthusiastischen und auf Veränderungen orientierten Jugend einerseits und einer tief verwurzelten Gespaltenheit andererseits.

          Zwischenzeitlich unterrichtete Karsten zukünftige Fotojournalisten im Rahmen eines Projektes des Goethe-Instituts, unter anderem in Nigeria, Mexiko und Tschechien, sowie der Ateneo University in Manila, Philippinen. 2010 war er wieder in seiner Wahlheimat Berlin; einer Stadt mit der er immer tief verbunden war. Dies führte auch zur Gründung der photo edition „berlin daily“. Die Edition würdigt große Momente Berlins und widmet sich gleichzeitig den stillen Momenten der Stadt, dem Miteinander ihrer Bewohner und Besucher. Berlin daily sammelt bewegende Motive ausgewählter Fotografen aus Berlin, die in der medialen Bilderflut zu schnell vergehen.

          Neben den oft humorvollen Fotos des Berliner Alltags und seinen kreativen Portraits, welche immer geprägt waren von tiefer Sympathie seinen Mitmenschen gegenüber, waren es aber auch weiterhin die ernsten Themen, die das Interesse von Karsten fanden. So begann er 2018 eine Reportage in Auschwitz. Nicht nur im Winter und Schnee, wie so oft bisher gesehen, sondern auch im Sommer und mit extremer Farbe. Ein Foto kommt einem dabei nicht mehr aus dem Sinn: Väter mit ihren Kindern auf dem Arm realisieren plötzlich wo sie sich befinden: in den ehemaligen Gaskammern. Der Horror ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie wollen - auch zum Schutz ihrer Kinder - diesen Ort des Schreckens einfach nur noch verlassen.

          Am Samstag, den 3. Oktober, ist Karsten nun im Alter von 54 Jahren verstorben. So viele mögliche und bestimmt auch einzigartige Fotos werden nun nicht mehr in taz, F.A.Z, Zeit, Spiegel und weiteren erscheinen. Dies wird eine große Lücke reißen. Noch größer ist aber der nicht zu verschmerzende Verlust eines immer positiv eingestellten, zutiefst sympathischen und solidarischen Freundes und Kollegen.

          Stefan Boness ist Fotojournalist aus Berlin und hat über viele Jahre hinweg mit Karsten Thielker zusammengearbeitet.

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