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Beton- und Sehnsuchtsort : Wie lange noch? Eine Reise über deutsche Autobahnen

  • Aktualisiert am

Ein LKW steht quer auf der A2. Bild: Jörg Brüggemann

Sind wir bald da? Für die einen ist die deutsche Autobahn ein asphaltierter Streifen, um von A nach B zu kommen. Für andere ist sie ein letztes Stück Freiheit im Alltag. Eine Fotoreportage.

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          „Freie Fahrt für freie Bürger“, einst das Motto des ADAC während der Ölkrise 1974 gegen eine Temporegulierung von 100 km/h, gilt für viele heute immer noch als Argument, wenn es um ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen geht. 1974 sollte die Beschränkung nur drei Monate andauern, um den knappen Ölreserven entgegenzuwirken. Heute hat das Tempolimit aufgrund von Verkehrstoten und der Diskussion um den Klimawandel eine viel größere Tragweite.

          Die Autobahn als Ort der Freiheit und des Fernwehs. Solange sich keine Lösung in der Corona-Krise abzeichnet, meiden viele Deutsche Massentransportmittel wie Bus, Bahn und Flugzeug und fahren stattdessen mit dem eigenen Auto in den Sommerurlaub. Im Stau stehen, drängeln, Mittagessen auf dem Rasthof und flüchtige Blicke zum Fahrbahnrand sind ja auch irgendwie Lebensgefühl.

          Jörg Brüggemann dokumentiert in seiner Arbeit „Wie lange noch“ nicht nur ein Gefühl, sondern auch die Art und Weise, wie sich die Autobahn als Bauwerk durch Deutschland schlängelt. Das Mannheimer Zephyr Museum zeigt seine Arbeit vom 05.09.2020 bis 06.01.2021.

          Spurenlesen auf der A8.
          Spurenlesen auf der A8. : Bild: Jörg Brüggemann
          Autobahn A71.
          Autobahn A71. : Bild: Jörg Brüggemann
          Autobahnzufahrt zur A7.
          Autobahnzufahrt zur A7. : Bild: Jörg Brüggemann
          Menschen am Straßenrand der A7.
          Menschen am Straßenrand der A7. : Bild: Jörg Brüggemann
          Terrasse mit Ausblick auf die A4.
          Terrasse mit Ausblick auf die A4. : Bild: Jörg Brüggemann
          Stau auf der A2.
          Stau auf der A2. : Bild: Jörg Brüggemann
          Wohnhäuser an der A45.
          Wohnhäuser an der A45. : Bild: Jörg Brüggemann
          Stau auf der A3.
          Stau auf der A3. : Bild: Jörg Brüggemann
          Abfahrt der A3.
          Abfahrt der A3. : Bild: Jörg Brüggemann

          Jörg Brüggemann beantwortet einige Fragen zu seiner Arbeit:

          In der Corona-Krise fühlten sich viele Deutsche durch die auferlegten Maßnahmen in ihrer Freiheit eingeschränkt. Es wird über Tempolimits diskutiert und es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis die Autobahn als einer der letzten Orte der Freiheit in Deutschland weichen muss. In einigen Bundesländern sind noch Sommerferien, wir verbringen besonders in diesem Jahr viel Zeit auf der Autobahn. Wieso hast du dich dem Thema so ausführlich gewidmet?

          Die Autobahn wird ja zumindest von vielen Deutschen als das empfunden, fast eine Art Kampfarena der Ideologie „Freie Fahrt für freie Bürger“. Nachdem ich sehr viel im Ausland fotografiert habe, hatte ich das starke Bedürfnis, nicht nur auf andere Menschen zu schauen, sondern auch auf die Menschen vor meiner Haustür. Die Autobahn als monumentales Bauwerk, welches sich fotografisch und visuell sehr gut darstellen lässt, um über Deutschland und deutsche Kultur zu sprechen. Übrigens bin ich absolut fürs Tempolimit.

          Wenn ich auf der Autobahn unterwegs bin, ist jede Situation flüchtig. Ich sehe etwas, was ich spannend finde und im nächsten Moment musste ich es hinter mir lassen.

          Wie bist du vorgegangen? Hast du vorher viel recherchiert oder hast du dich immer wieder treiben lassen?

          Das meiste war ein Treibenlassen, ja. Ich wusste was ich erzählen will, aber ich wusste nicht, wie ich es fotografisch erzählen möchte und welche Bilder ich machen möchte. Losfahren, experimentieren, Bilder entdecken, die funktionieren und aus denen ich einen roten Faden stricken kann, an dem sich später das ganze Projekt aufziehen lässt. Der Zufall hat also immer eine Rolle gespielt.

          Wie du in deiner Frage beschrieben hast, war es ein Problem des Projektes, dass ich oft Bilder gesehen habe, an denen ich vorbeigefahren bin und nicht mitten auf der Autobahn anhalten konnte, um das Foto zu machen. Nimmt man die nächste Ausfahrt und fährt zurück, ist dieses Situative schon wieder vorbei. Das war oft auch ein bisschen frustrierend. Wenn man sich aber lange mit etwas beschäftigt, viel blickt und schaut, dann kultiviert man den Zufall auch. Man erarbeitet sich sozusagen sein Glück. Es ist eine Frage des zeitlichen Aufwands und der gedanklichen Kapazität, die man in etwas reinsteckt.

          Wie lang warst du denn insgesamt für das Projekt unterwegs?

          Die gesamte Zeitspanne der Arbeit sind fünf Jahre, effektiv war ich vermutlich 75 Tage fotografieren.

          Autonomes Fahren, Elektromobilität, etc. Das Kraftfahrzeug als solches und die Mobilität werden sich in Zukunft extrem wandeln. Wirst du dich weiterhin mit dem Thema beschäftigen?

          Bei diesem Projekt ging es ja weniger um die Mobilität, vielmehr um die Infrastruktur. Ich glaube aber nicht, dass es weiterhin ein Thema für mich sein wird. Ich habe mich jetzt einmal in dieser Intensität damit beschäftigt und meine gewählten Themen sind oft sehr unterschiedlich. Das nächste wird sicherlich wieder etwas ganz anderes sein.

          Allerdings verfolge ich das ganze Thema sehr aufmerksam und ich glaube, dass wir da einem Mobilitätskonzept aus dem letzten Jahrhundert anhängen und versuchen, dieses aufrecht zu erhalten, obwohl sich um uns herum in der Welt alles verändert. Ich hoffe, dass man in diesen Bildern entdeckt, wie ich hier neu auf diese ganz alltäglichen Orte blicke und man erkennt, was für ein Wahnsinn das ist, was für einen Asphalt- und Betonteppich wir uns da über die schöne deutsche Landschaft kippen, nur um bequem von A nach B zu kommen.

          Die Straße weckt Sehnsüchte, oftmals aber auch Frust. Der Ruf der Ferne vs. im Stau stehen. Wie bist du am liebsten unterwegs?

          Ich fahre wahnsinnig gerne Bus. Da muss ich nicht selber fahren und kann aus dem Fenster schauen. Ich laufe auch gerne. Beim Laufen nimmt man die Stadt und die Menschen ganz anders wahr. Zu Fuß kann man genau schauen.

          Ich muss aber auch sagen, dass ich sehr gerne Auto fahre. Es ist toll, sich in so eine großzügige Maschine reinzusetzen und mit 120 km/h durch die Gegend zu fahren. Irgendwie ja auch verrückt. Ich habe da auch eine Faszination für, diese Mobilität, diese Effizienz, für die das steht. Irgendwo ist es ja auch ein Teil unserer Kultur. Das lehne ich nicht ab, das möchte ich lediglich hinterfragen.

          Jörg Brüggemann: Wie lange noch – vom 05.09.2020 bis 06.01.2021 zu sehen im ZEPHYR Mannheim

          Wegen Umbaumaßnamen im Museum Bassermannhaus findet die Ausstellung von ZEPHYR im Museum Weltkulturen, D5, 68159 Mannheim, statt.

          Das dazugehörige Buch „Autobahn“ erscheint bei Hartmann Books, 38,00€, ISBN 978-3-96070-052-4

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