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Venezuela versinkt im Chaos : Casa – das Land, das ich als mein Zuhause kannte

  • -Aktualisiert am

Heile Welt: Dorfbewohner schauen sich ein Baseballspiel an. Bild: Carlos Bafile

Unser Fotograf und Autor schildert die derzeit hoffnungslose Lage in seinem Heimatland Venezuela. Seine Fotos aus dem Jahr 2015 wirken dabei wie aus einer anderen Welt.

          Venezuela zu erklären fällt mir derzeit zu schwer. Nicht unbedingt weil es kompliziert ist, sondern weil es mir weh tut. Es ist so viel passiert in den vergangenen Jahren, und das Chaos geht aktuell weiter. Zuletzt war das ganze Land über 100 Stunden ohne Strom. Menschen sterben in Krankenhäusern, Läden, die aus Hunger und Frustration geplündert werden, Kinder die aus einem kontaminierten Fluss Wasser holen müssen. Das alles tut mir weh, wenn ich es höre oder sehe. Es tut mir weh zu wissen, dass dies nicht mehr meine Heimat ist. Das ist nicht mehr das Land, welches wir sein wollten. Alles wurde uns genommen.

          Ich bin in Caracas geboren und aufgewachsen. Der Rest meiner Familie lebt, wie in einer parallelen Welt, in den Bergen Venezuelas, nah an der Grenze zu Kolumbien. Im Dorf meiner Oma ist auch meine Mutter groß geworden. Während meiner Zeit dort habe ich ein Venezuela kennengelernt, von dem ich vorher, in der Hauptstadt, nichts wusste. Hier gab es nie viel. Strom, Wasser und Benzin waren schon immer knapp. Aber wir hatten einander. Durch diesen Ort und meine Familie habe ich gelernt, dass in Venezuela hart gearbeitet wird, dass man den Nachbarn hilft, wen etwas fehlt. Und, dass unser Land viel mehr zu bieten hat, als seine Ölvorkommen.

          Menschen versuchen über die Grenzen ins Ausland zu kommen, getrieben von der Nachlässigkeit der Regierung, dem Mangel an Nahrungsmitteln und Wasser, fehlender Elektrizität und der generellen Verschlechterung der Lebensqualität. Niemand weiß wie es weitergeht, aber wir haben Hoffnung.

          Der Boden bei unserer Familie ist sehr fruchtbar. Wir haben Glück, im Garten meiner Tante wächst zwischen Bananenbäumen auch Rohrzucker.
          22. Februar 2019, Nachricht von meiner Tante: 
Die Regierung hat die zwei Sender abgestellt, nur weil sie das Konzert gezeigt haben. Wir können leider nichts sehen. Und heute Morgen haben sie auch noch den Strom abgestellt.
          Im Dorf, in dem sich alle kannten und die Türen immer offenstanden, wurden die Mauern vor den Häusern mit den Jahren immer höher und auch die Türen bleiben heute verschlossen.
          09. März, Tante: 
Die Situation ist so traurig. Das, was wir erleben ist einfach nur schlimm. Sind schon 36 Stunden ohne Strom.
          Die Hauptstraße durch das Dorf führt nach Kolumbien. Die Menschen, die heute diese Straße gehen, suchen eine Zukunft außerhalb meiner Heimat.

          Die Zeit mit meiner Familie wurde mir genommen, die Zeit mit meinen Freunden. Einer ganzen Generation wird gerade eine Zukunft in unserer Heimat zerstört. Dabei ist Venezuela dieses wunderschöne Land mit seinen bemerkenswerten Menschen.

          Im staatlichen Fernsehen läuft Werbung mit Bildern von Hugo Chavez. Politisch gesehen habe ich in Venezuela nur unter seiner Regierung gelebt, aber bis heute ist seine Präsenz im Land spürbar.
          Tante Carmen kümmerte sich oft um mich, als ich noch Baby war.
Für eine Weile ist sie auch zu uns in die Hauptstadt gezogen, weil meine
Eltern viel arbeiten mussten.
          13. März, Tante Florinda: 
Gestern war alles ein Chaos. Der Strom kommt und geht. Ist alles geschlossen, viele Tote in den Krankenhäusern, es gibt kein Gas oder Wasser. Bei uns in der Familie ist alles gut, zum Glück sind wir noch gesund.
          Meine Tante Carmen trinkt Wasser nach einem langem Ausflug in ein anderes Dorf der Region.
          Bei uns gab es immer Bananen. Meine Familie hat für die Märkte in der Region Bananen transportiert. Als ich aufwachte, waren da immer Bananen, die für uns als Familie dagelassen wurden.
          Ich habe mich immer gefreut meinen Cousin wiederzusehen. Wir haben oft im Dorf zusammen Fussball gespielt, er war wie ein Vorbild für mich. Dann ist er nach Mexiko ausgewandert und jetzt habe ich ihn schon seit über 10 Jahren nicht mehr gesehen.

          Ich könnte davon erzählen, wie gefährlich Venezuela ist, von den leeren Regalen in den Supermärkten, wie die Hyperflation die Wirtschaft beherrscht. Aber nicht das ist das Tragischste, sondern das niemand weiß, wie es weitergeht oder was passieren wird. Alles, was noch kommt, macht mir Angst. Es wird Ewigkeiten dauern, bis wir wieder einen halbwegs geregelten Alltag leben können.

          In meiner Familie waren einige für die Regierung. Als ich klein war, habe ich noch nichts davon verstanden, obwohl ich die Spannung spüren konnte.
          15. März, Tante: 
Hier in El Paramo ist es ein Kampf Benzin zu finden. Die Schlangen sind riesig. Dank Gott für die Gesundheit. Ohne die Hoffnung zu verlieren, dass es bald eine Lösung für die Situation gibt.
          Während meiner Zeit in Caracas habe ich mich an große Gebäude, laute Straßen und die vielen Menschen gewöhnt. Bei meiner Oma spürte ich den Rhythmus außerhalb der Stadt.
          16. März, Tante: 
Gestern kam der Strom wieder und bis jetzt ist er geblieben. Die ganze Familie steht heute Schlange für Benzin, aber es kann richtig gefährlich werden, sie sind gestern Abend dort geblieben. Wir bitten nur darum, dass der Strom nicht wieder geht.
          Leute, die sich, wie hier zum Volksfest, in Peribeca treffen, versammeln sich heute nicht mehr zum Feiern.
          Meine Mutter und meine zwei Tanten besuchen das Grab meiner Oma. Auch nach ihrem Tod hat sie uns alle miteinander verbunden, obwohl viele von uns ausgewandert sind.

          All die Jahre, die ich nun in Deutschland lebe, musste ich mich daran gewöhnen, mein Zuhause nie wieder so sehen zu können, wie ich es mir immer gewünscht hatte. In Venezuela sagt man, dass es zu keinem Schaden kommt, ohne dass dieser danach etwas Gutes mit sich bringt.

          Blick auf die Stadt San Cristobal. Das Dorf, aus dem
meine Familie kommt, liegt in den Bergen,
außerhalb der Stadt. Für mich ein Ort, an dem Wolken und 
Boden aufeinander treffen.

          In diesem Chaos namens Venezuela haben wir als Volk in den letzten 20 Jahren viel erlebt. Dieses Chaos hat uns zusammengebracht, der Schmerz unser Heimat, ist was uns einigt. Sie haben uns alles geklaut, nur nicht den Wunsch besser zu sein.

          Mein Name ist Carlos Bafile. Ich bin in Caracas (Venezuela) geboren und aufgewachsen. Ich hatte das Glück, die deutsche Schule in Caracas zu besuchen, wo ich mein Abitur gemacht habe. Dadurch kann ich jetzt in Deutschland studieren. Meine Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, war ein Experiment. Es war ein Versuch, eine bessere Bildung zu bekommen, um dann zurück nach Venezuela zu gehen. Damals war die Situation dort nicht gut, aber es war definitiv nicht so schlimm, wie jetzt. Ich gehöre sicherlich zur ersten Generation, die angefangen hat auszuwandern. Nicht unbedingt aus der Not heraus, sondern eher weil ich, beziehungsweise meine Familie, sich das leisten konnte und es für die beste Entscheidung für meine Zukunft gehalten haben. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Venezuela irgendwann zu dem wird, was es heute ist. Und ich habe auch nie im Leben gedacht, dass ich damals, als ich mit 18 Jahren meine Heimat verlassen habe, eine richtige Entscheidung getroffen habe.

          Nach Deutschland kam ich Ende 2009. Es hat tatsächlich ein paar Jahre gedauert bis ich in der Fotografie einen Weg und ein Handwerk gefunden habe, womit ich mich künstlerisch und kreativ austoben kann. Angefangen hat es damit, dass ich in den Ferien meine Familie in Caracas besuchte, die alte Kamera meines Vaters gefunden und mit nach Deutschland genommen habe.

          Heute studiere ich an der Hochschule Hannover Fotojournalismus und Dokumentarfotografie. Seit Anfang diesen Jahres mache ich eine Foto-Hospitanz bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Frankfurt.

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