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Myanmar : Ein Land aus einer anderen Zeit

Novizen in einem Kloster in der Nähe von Mandalay stehen in Reih’ und Glied. Bild: Martin Franke

In Myanmar droht die Diktatur zurückzukehren. Schon vorher war das Land ein Rätsel mit ganz eigenen Traditionen und einer faszinierenden Natur. Unser Autor war drei Monate lang vor Ort.

          2 Min.

          Die Zeiten des Aufbruchs sind in Myanmar (Burma) spätestens seit dem Putsch der Generäle vom vorigen Montag vorbei. Das Militär hatte die Zügel der Macht zwar nie ganz aus den Händen gegeben. Ein Viertel der Sitze im Parlament war dem mächtigen Militär zugesichert, was ihm eine Sperrminorität für Verfassungsänderungen garantiert.

          Martin Franke
          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Doch nun herrscht die Junta wieder ganz offiziell: Staatsrätin Aung San Suu Kyi ist abgesetzt. Den Menschen in dem südostasiatischen Land droht ein Rückfall in dunkle Zeiten. Ein Freund und bekannter burmesischer Fotograf schrieb auf Facebook, dass er normalerweise nicht weine. „Heute habe ich geweint, meine Tochter, die das noch nicht versteht, in die Arme genommen und gedacht, dass dieses kleine Mädchen die schreckliche Diktatur erleben wird, die ich über Jahrzehnte durchgemacht habe.“

          Vor wenigen Jahren, 2014, war ich für drei Monate in dem Land unterwegs. Der Fotograf und seine Freunde, die allesamt als freie Journalisten oder Mitarbeiter für die großen Nachrichtenagenturen arbeiten, führten mich in das Leben von Yangon (Rangun) ein. Seinerzeit verstand sich die Clique als Wiedergeburt der nach dem Film „Bang Bang Club“ benannten Gruppe aus Südafrika. Der „Bang Bang Club“ aus Yangon war all die Jahre ein Symbol für den demokratischen Aufbruch, der nicht ohne freie Presse auskommt. Die Burmesen dokumentierten die Milliardengeschäfte in den Jade-Minen von Hpakant, die Rohingya-Krise im Westen, die Wildtiermärkte im Osten. Sie schauten genau hin, zeigten der Welt, wo es in die falsche Richtung läuft. Dass die zarte Pflanze der Demokratie so schnell verwelken würde, hätte damals niemand erwartet.

          Myanmar ist anders als die meisten Länder, die ich bereist habe. Es hat sein Erbe nie richtig aufgearbeitet, weil die Zeit für eine Aufarbeitung fehlte. Das Leid und die massenhafte Flucht der Rohingya-Muslime, die Ausbeutung der Natur und Tiere, der Hass der radikalen Mönche. All diese Probleme gab es schon weit vor 2014; das Militär profitiert seit jeher von Konflikten und dem Raubbau an seinem Land. In den Grenzregionen liefert sich die Tatmadaw, wie das burmesische Militär genannt wird, Kriege mit ethnischen Rebellengruppen, die für mehr Autonomie oder einen eigenen Staat kämpfen.

          In der meisten Zeit sah ich aber die Schönheit des Landes, die unermessliche Freundschaft der Menschen, den Frieden, die Traditionen, die Kuriositäten: In der Provinzhauptstadt Sittwe war der Flughafen mit einem Fahrradschloss abgesperrt. Und überall Männer in Röcken zu sehen, sogenannten Longyis, die auf ihren Betelnüssen herumkauen und so viel rote Spucke auf dem Boden verteilen, dass man den Eindruck hat, es wären vorher fünf Lämmer geschlachtet worden.

          Myanmar ist für Außenstehende nur schwer zu durchblicken. Ein Beispiel für ein kleines Missverständnis: Im Osten des Landes wollte ich eines Tages einen Bus in eine fünf Stunden entfernte Stadt nehmen und fragte an der Bushaltestelle nach der Verbindung. Der Mann nickte freundlich und sagte: „Yes, no bus!“ Ich wollte es nicht glauben, aber an diesem Tag kam kein Bus mehr.

          Mönche in einem Kloster in der Nähe des Inle Lake. Jeder Mann in Myanmar muss einmal im Leben ins Kloster gehen. Dabei ist nicht wichtig, wann er das macht und für wie lange.
          Mönche in einem Kloster in der Nähe des Inle Lake. Jeder Mann in Myanmar muss einmal im Leben ins Kloster gehen. Dabei ist nicht wichtig, wann er das macht und für wie lange. : Bild: Martin Franke
          Ikone im Land: Aung San Suu Kyi, Friedensnobelpreisträgerin, die Tochter des Staatsgründers Aung San und bis zuletzt Staatsrätin; hier auf einem Plakat vor der Parteizentrale der „Nationalen Liga für Demokratie“.
          Ikone im Land: Aung San Suu Kyi, Friedensnobelpreisträgerin, die Tochter des Staatsgründers Aung San und bis zuletzt Staatsrätin; hier auf einem Plakat vor der Parteizentrale der „Nationalen Liga für Demokratie“. : Bild: Martin Franke
          Ein Schüler liest sich durch einen kleinen Bücherstand auf einem Markt in Yangon, der größten Stadt des Landes.
          Ein Schüler liest sich durch einen kleinen Bücherstand auf einem Markt in Yangon, der größten Stadt des Landes. : Bild: Martin Franke
          Muslime als Minderheit im buddhistisch geprägten Myanmar leben in Gefahr. Allein 2014 gab es mehrere Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Buddhisten. Porträt aus Meiktila.
          Muslime als Minderheit im buddhistisch geprägten Myanmar leben in Gefahr. Allein 2014 gab es mehrere Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Buddhisten. Porträt aus Meiktila. : Bild: Martin Franke
          Öffentlicher Nahverkehr: Die Infrastruktur war 2014 schon deutlich besser als nur wenige Jahre zuvor. An vielen Ecken blieb das Land aber nach wie vor marode.
          Öffentlicher Nahverkehr: Die Infrastruktur war 2014 schon deutlich besser als nur wenige Jahre zuvor. An vielen Ecken blieb das Land aber nach wie vor marode. : Bild: Martin Franke
          Unbeschwert im Takt eines Liedes: Meistens ist das Leben in Myanmar jedoch hart.
          Unbeschwert im Takt eines Liedes: Meistens ist das Leben in Myanmar jedoch hart. : Bild: Martin Franke
          Holzklasse mit der Familie: Im Zug zwischen Hsipaw und Pyin U Lwin.
          Holzklasse mit der Familie: Im Zug zwischen Hsipaw und Pyin U Lwin. : Bild: Martin Franke
          Das Volk der Padaung im Kayan-Staat hat die Tradition der Ringe: Um Hals, Hand- und Fußgelenke werden sie getragen. Auch die Töchter sieht man teilweise damit.
          Das Volk der Padaung im Kayan-Staat hat die Tradition der Ringe: Um Hals, Hand- und Fußgelenke werden sie getragen. Auch die Töchter sieht man teilweise damit. : Bild: Martin Franke
          In den Bergen nahe Hsipaw: Ein junger Mönch sitzt im Klassenraum.
          In den Bergen nahe Hsipaw: Ein junger Mönch sitzt im Klassenraum. : Bild: Martin Franke
          In den Bergen irgendwo im Shan-State: Drei Kinder, die eng zusammenstehen.
          In den Bergen irgendwo im Shan-State: Drei Kinder, die eng zusammenstehen. : Bild: Martin Franke
          Ein junger Angler in der Nähe von Kalaw im Shan-State
          Ein junger Angler in der Nähe von Kalaw im Shan-State : Bild: Martin Franke
          Ein junger Mann sprüht gegen Ungeziefer: In diesen Bergen im Osten des Landes leben die Padaung vom Teeanbau.
          Ein junger Mann sprüht gegen Ungeziefer: In diesen Bergen im Osten des Landes leben die Padaung vom Teeanbau. : Bild: Martin Franke
          Ein Vater trägt sein in ein weißes Stofftuch eingewickeltes Baby zum Friedhof. Es ist an Asthma gestorben, erzählt der Rohingya-Muslim im Flüchtlingscamp in der Nähe von Sittwe.
          Ein Vater trägt sein in ein weißes Stofftuch eingewickeltes Baby zum Friedhof. Es ist an Asthma gestorben, erzählt der Rohingya-Muslim im Flüchtlingscamp in der Nähe von Sittwe. : Bild: Martin Franke

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