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Lumix Fotofestival 2020 : Die Krise in Venezuela – und eine transsexuelle, sexradikale Aktivistin

„Dias Eternos“ - Das wirtschaftliche Elend in Venezuela, die Gewalt und die Kriminalität, die tief in der Gesellschaft verwurzelt sind, kulminieren in sogenannten Präventivhaftanstalten. Tausende Frauen, die auf einen Prozess warten, sind mitunter viele Jahre lang von ihren Familien und Kindern getrennt. Ana María Arévalo Gosen hat Häftlinge und Entlassene besucht und ist der Frage nachgegangen, was diese Form der Präventivhaft über den Zustand der venezolanischen Gesellschaft sagt. Die Fotografin gewann mit ihrer Serie den „Lumix Photo Award“: Bild: Ana Maria Arevalo Gosen

Aufgrund der Corona-Pandemie findet das Lumix Fotofestival in diesem Jahr digital statt. Jetzt stehen die Gewinner und Gewinnerinnen fest: Die Hauptpreise gehen an Projekte, die sich mit dem Leben verschiedenster Frauen beschäftigen.

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          Das siebte Lumix Festival für jungen Bildjournalismus präsentiert und reflektiert sozial engagierten Bildjournalismus des 21. Jahrhunderts, der sich aktiv mit politischen, kulturellen, sozialen, ökologischen und technologischen Prozessen auseinandersetzt. Ein Höhepunkt ist die Verleihung acht verschiedener Preise, die nun zum ersten Mal online stattfand.

          Für die Reportage „Dias Eternos“ hat die Fotografin Ana María Arévalo Gosen (31) den mit 5.000 Euro dotierten Hauptpreis „Lumix Photo Award“ gewonnen. Die Venezolanerin ist Absolventin der Hochschule ETPA Toulouse, dokumentiert seit 2017 die Krise in ihrem Heimatland – insbesondere aus der Perspektive von Frauen.

          Der zweite Hauptpreis, der „Lumix Digital Storytelling Award“, ging an Helena Lea Manhartsberger und Katharina Neuhaus. Für ihr Projekt „Ultraslut“ haben die beiden Bildjournalistinnen die transsexuelle, sexradikale Aktivistin Lia, die mit Depressionen kämpft und auf BDSM steht, in den vergangenen zwei Jahren mit der Kamera begleitet.

          Noch bis zum 28. Juni präsentiert sich das digitale Fotofestival mit allen Ausstellungen und Multimediaprojekten sowie diverser Live Talks, Podcasts und Online-Portfolio-Sichtungen auf der Website sowie auf Instagram und Facebook. Weitere Preisträger und eine Auswahl der ausgestellten Fotogeschichten zeigen wir hier:

          „Ultraslut“ - Lia ist transsexuell, sexradikale Aktivistin, kämpft mit Depressionen und steht auf BDSM. Lias Geschlecht ist ein Politikum, und das bekommt sie täglich zu spüren. Die traumatischen Erlebnisse ihrer Lebensrealität nagen an ihr, Depressionen sind ihr stetiger Begleiter. Lia wagt es, ihren Schmerz mit Schmerz zu bekämpfen. Mit Partner/-innen, denen sie vertraut, verarbeitet sie ihre Gefühle in BDSM-Sessions. Helena Lea Manhartsberger und Katharina Neuhaus gewannen für ihr Video- und Fotoprojekt den „Lumix Digital Storytelling Award“.
          „May I have this dance“ - Die Fotografin Shirin Abedi hat eine weibliche Ballettgruppe in Teheran begleitet. Sie erhielt für ihre Arbeit den „f3 - freiraum für fotografie Preis für engagierte Dokumentarfotografie“. Die Tänzerinnen aus Teheran setzen sich für Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichberechtigung ein. Obwohl nach iranischem Gesetz aus sinnlichem Tanz Unmoral und Unzucht resultieren und Tanz 1979 aus der iranischen Öffentlichkeit verbannt wurde, tanzen heute immer mehr Iraner/-innen. Doch viele Tanzgruppen leiden unter Repressalien: Bereits genehmigte Stücke werden abgesagt, das Licht während der Vorstellung ausgeschaltet und zu viel öffentliche Aufmerksamkeit kann zur Verhaftungen führen. Der Tanz steht stellvertretend für den gesellschaftlichen Wandel im Iran, er symbolisiert die Sehnsucht nach westlicher Freiheit und repräsentiert eine Generation, die ihre Zukunft zurückfordert.
          „Southern Border“ - Der Fotograf Jeoffrey Guillemard dokumentiert seit dem Tag, an dem Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, mittelamerikanische Migranten. Täglich versuchen Migrant/-innen, hauptsächlich aus Guatemala, Honduras und El Salvador, in die USA zu gelangen und so Gewalt, Arbeitslosigkeit und Korruption in ihren Ländern zu entfliehen. Auf ihrem Weg dorthin sind die erschöpften Menschen häufig willkommene Opfer: Sie werden ausgeraubt, vergewaltigt, als Drogenkuriere missbraucht oder getötet. Guillemard wurde mit dem „Lammerhuber Photography Award“ ausgezeichnet.
          „The Wretched and The Earth“ - Im August 2017 strömten Hunderttausende Rohingya, auf der Flucht vor der Verfolgung in ihrer Heimat Myanmar, nach Bangladesch. Im grenznahen Distrikt Cox’s Bazar sind heute eine Million Geflüchtete untergebracht. Es ist damit das größte Flüchtlingslager der Welt. Die Bildstrecke von Gabriele Cecconi zeigt die Umweltauswirkungen einer Massenflucht und ein ökologisches Dilemma: Menschen kämpfen um wenige kostbare Ressourcen und belasten damit ein bereits bedrohtes Ökosystem, das diese Ressourcen liefern soll. Sie erhielt „Nachhaltigkeitspreis der UmweltDruckerei“.
          „Nicht müde werden“ - Die Fotografin Patricia Kühfuss beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit dem System der Gesundheits- und Krankenpflege. Sie erhielt den HAZ-Publikumspreis. Ihre Fotografien lenken den Blick auf die Menschen, die sich an den Grenzen ihrer Belastbarkeit um andere kümmern, und zeigt den realen Alltag der Pflegekräfte in deutschen Krankenhäusern.
          „I died 22 Times“ - Rafael Heygster zeigt und hinterfragt in seiner fotografischen Arbeit den Umgang der Gesellschaft mit dem Krieg jenseits realer Schlachtfelder. Er besuchte dafür die „International Defence Exhibition and Conference“ (IDEX) in Abu Dhabi, eine Waffenmesse, auf der potenziellen Kund/-innen die technischen Neuheiten der Rüstungsindustrie mit Theaterstücken, Buffets und Pyrotechnik präsentiert werden. Daneben fotografierte er auf Airsoft-Spielgeländen Menschen, die in ihrer Freizeit zwischen Panzern und Leichensäcken Krieg spielen.
          „Soon to be gone“ - Seit der Loslösung von der Sowjetunion 1990, vor allem aber seit dem Beitritt zur Europäischen Union 2004 ist Litauen zu einem Auswanderungsland geworden. In den vergangenen zehn Jahren ist die Bevölkerung dieses baltischen Staates um fast ein Sechstel geschrumpft. Aber auch innerhalb des Landes gibt es Migration: Städte locken junge Menschen aus den ländlichen Gebieten - ein Trend, der das Land unaufhaltsam verändert. Wie lange bleiben Gehöfte und Dörfer Orte, an denen es noch ein völlig anderes Verständnis von Zeit und Nähe gibt? Wie lange wird hier noch jeder Passant gegrüßt? Die Bilder von Tadas Kazakevicius fangen in einer subjektiven und nostalgischen Weise das tägliche Leben in den Dörfern Litauens ein, die langsam verschwinden.
          „2091 - The Ministry of Privacy“ - Für die Unterdrückung muslimischer Minderheiten in der Provinz Xinjiang nutzt die chinesische Regierung auch moderne Überwachungstechnologien wie Gesichtserkennung. Maxime Matthys untersucht in seiner Arbeit die Mechanismen dieser Gesichtserkennungstechnologien. In Kashgar hat Matthys das Alltagsleben der Menschen fotografiert und die Bilder dann in eine Gesichtserkennungssoftware hochgeladen, die er mit dem französischen IT-Ingenieur William Attache entwickelt hat. Die biometrischen Daten erscheinen auf den Fotos, dokumentieren die Gefährlichkeit dieser unsichtbaren Technologie und lassen die Grenze zwischen Realität und Virtualität verschwimmen.
          „Melting Point“ - Der Fotograf Jan Richard Heinicke begleitete ein Team von Meeresforscher/-innen, das im Juli 2019 mit dem deutschen Forschungsschiff Maria S. Merian in Neufundland zu einer dreiwöchigen Expedition entlang der Ostküste Grönlands aufbrach, um den Meeresspiegelanstieg vorhersagen zu können und die Folgen des Klimawandels zu untersuchen.
          „I'm Carmen“ - Etwa 70 Millionen Homo-, Bi- und Transsexuelle leben in China, es ist die größte LGBTQ-Gemeinde der Welt. Doch nur wenige von ihnen bekennen sich zu ihrer sexuellen Identität, denn Traditionen und binäres Gender-Denken prägen das Leben in China - vor allem in ländlichen Gegenden. Von 2016 bis 2019 begleitete die Fotografin Guligo Jia ihre Freunde, die jahrelang keinen der Gender-Tags annehmen wollten. Ihre Bilder zeigen Momente der Freude und der Trauer, ganz intim und im Schutz einer Bühnenkulisse.
          „Hiding from Baba Yaga“ - Seit jeher suchen die Menschen Schutz und Freiheit in der Taiga und am Ufer des Jenissei, eines etwa 3.487 Kilometer langen Stroms in Sibirien. Erst 1607 erreichen die Russen von Westen her den Fluss, um nach wertvollem Fell zu jagen. Kriminelle, entflohene Leibeigene, Abtrünnige oder einfach Abenteurer schließen sich in wilden Reitergemeinschaften zusammen und lassen sich in der riesigen Taiga nieder. Das Leben der Siedler in Sibirien ist frei und selbstbestimmt für die Zeit. Altgläubige lassen sich an den unberührten Ufern des Jenissei nieder, um der Verfolgung durch den Zaren und später der Sowjets zu entgehen. Heute zieht es die meisten Menschen in Großstädte wie Moskau oder Sankt Petersburg. Nanna Heitmann fotografierte den Ort am Jenissei, der sich mehr und mehr in ein Mekka für Träumer und Einzelgänger, die der Welt entfliehen wollen, verwandelt.
          „Make me beautiful“ - Weil sie selbst entscheiden möchten, wie ihr Gesicht aussieht, lassen sich jedes Jahr über zehn Millionen Menschen in China aus kosmetischen Gründen operieren. Yufan Lu versucht, mit dieser Geschichte die Mechanismen hinter diesem Wunsch nachzuvollziehen. Sie besucht verschiedene Schönheitschirurgen, um einen Operationsplan für ihr eigenes Gesicht zu erhalten.
          „Fading Flamingos“ -  Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit ereignet sich rund um den Urmiasee im Nordwesten des Irans eine Umweltkatastrophe. Wo vor zehn Jahren das Wasser noch bis zu den Mauern der Dörfer reichte, findet man heute eine schier endlose Wüste. Der Fotograf Maximilian Mann begleitete die Dorfbewohner/-innen, die in ihrer Existenzgrundlage beraubt und in die umliegenden Städte fliehen. Der Urmiasee war der zweitgrößte Salzsee der Welt, doch innerhalb weniger Jahre ist die Fläche des Sees um 80 Prozent geschrumpft. Dafür sind sowohl der Klimawandel als auch der enorm hohe Wasserverbrauch im Agrarsektor verantwortlich. Der Schaden für Landwirtschaft und Tourismus wird schon jetzt auf mehrere Hundert Milliarden Euro geschätzt; bis zu fünf Millionen Menschen sind von einer Umsiedlung bedroht.
          „Bambola“ - Franziska Gilli hinterfragt mit „Bambola“ (italienisch für „Puppe“) das Frauenbild im italienischen Unterhaltungsfernsehen, das seit den 50er-Jahren und verstärkt seit Silvio Berlusconis Amtszeiten als Ministerpräsident von einer Vielzahl an Showgirls geprägt ist. Freizügige Kostüme, starkes Make-up und schönheitsmedizinische Eingriffe bilden die Grundlage für puppenhafte Stereotypen, an denen sich junge Italienerinnen orientieren. Als allgemeine Bezeichnung für diese weiblichen Figuren ohne tragende inhaltliche Funktion hat sich der Begriff „Velina“ durchgesetzt. Ein alternatives Frauenbild gibt es kaum, vor allem nicht zu Hauptsendezeiten.
          „Language of the Unheard“ - Im Juni 2019 begann in Hongkong eine Reihe von Massenprotesten gegen Pläne, Gefangene an China ausliefern zu können. Die Sorge, dass das Modell „Ein Land, zwei Systeme“ auf diese Weise ausgehöhlt würde, erfasste weite Teile der Bevölkerung. 1984 hatten die Volksrepublik China und Großbritannien das Abkommen unterzeichnet, das die Souveränität Hongkongs ab dem 1. Juli 1997 regelte. Die jüngere Generation, aufgewachsen in einer vom Ultrakapitalismus geprägten Kolonie, lebte nun in einer sozialistischen Stadt chinesischer Prägung. Die Proteste haben nun eine neue Seite dieser Stadt aufgedeckt. Eric Tsang begleitete die Proteste.
          „The Silence is the Sound of Fear“ - Moritz Küstner fotografierte auf der Halbinsel Krim, die nur durch eine schmale Landzunge mit dem ukrainischen Festland verbunden ist. Seit der Annexion durch Russland im März 2014 hat sich die wirtschaftliche Lage der Krim erheblich verschlechtert. Die Haupteinnahmequelle, der Tourismus, ist um fast 50 Prozent eingebrochen. Die neue Staatsgrenze schottet die Halbinsel vom Festland ab, was immer wieder zu Versorgungsengpässen der 2,3 Millionen Krimbewohner/-innen führt. Auch ist die völkerrechtliche Zugehörigkeit der Halbinsel umstritten.
          „EPA Sweden“ - Alles begann mit einer Lücke in der schwedischen Gesetzgebung. Ein nach bestimmten Kriterien getuntes Auto durfte man legal als Traktor anmelden und bereits mit 15 Jahren fahren. In den 1960ern nutzte eine Gruppe eifriger Teenager im ländlichen Schweden diese Gelegenheit und gründete damit die völlig neue und sehr populäre EPA-Traktorkultur. EPA ist keine Abkürzung für technische Spielereien, sondern der Name einer Billigmarktkette. Weil für den Umbau der Autos meist Material verwendet wurde, das man noch irgendwo herumliegen hatte, bekamen die Traktoren schnell ihren Namen in Anlehnung an den Discounter. So heißt EPA-Traktor frei übersetzt so viel wie „Billigtraktor“. Auch heute noch fahren mehr als 12.000 der stark modifizierten Fahrzeuge auf schwedischen Straßen. Es ist eine Subkultur, die vielfach verpönt ist, aber dennoch das Leben auf dem Land prägt. Die EPA-Traktoren öffnen ihren Besitzer/-innen eine Tür in eine Zeit voller Freundschaften und Sehnsüchte - Benjamin Nørskov hielt sie fest.
          „Tangier, the lost Island“ - Die US-amerikanische Insel Tangier ist eine Metapher für das Absurde. Der Ozean, der die Insulaner seit Generationen ernährt, verschluckt das Eiland Meter für Meter. Und die meisten der 460 sehr konservativen und religiösen Einwohner/-innen, die schon längst zum Symbol des Klimawandels auf dem amerikanischen Kontinent geworden sind, lehnen die Theorie der globalen Erwärmung ab. Seit den ersten kartografischen Aufzeichnungen um 1850 hat Tangier zwei Drittel seiner Fläche verloren. Die Sumpfgebiete weiten sich dagegen aus. In der Chesapeake Bay steigt der Meeresspiegel um fünf Millimeter pro Jahr - fast doppelt so schnell wie der Durchschnitt. Wenn Washington, das nur 160 Kilometer entfernt ist, keine schnelle Lösung vorschlägt, könnte der Mythos von Atlantis Realität werden: Ohne Deiche verschwindet die kleine Insel im Bundesstaat Virginia in 25 Jahren komplett im Wasser.

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