https://www.faz.net/aktuell/fotografie/japan-die-zerbrechliche-schoenheit-der-geisha-16975588.html

Geisha in Japan : Zerbrechliche Schönheit

  • Aktualisiert am

Ikuko wartet auf die anderen Geishas, bevor sie gemeinsam auf einer Feier arbeiten. Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters

Fast jede Branche war und ist wirtschaftlich von der Corona-Pandemie betroffen. Der Fotograf Kim Kyung-Hoon blickt während der Krise auf die ganz besonderen Dienste der Geisha in Japan.

          3 Min.

          Die Lage ist sehr schwierig, und die Hoffnungen schwinden jeden Tag ein bisschen mehr. Corona dreht nach wie vor seine Runden. Die Folgen sind verheerend. Die Menschen tragen zwar Mund- und Nasenschutz, halten Abstand und gehen auf Distanz. Wie die halbe Welt aber lebt Tokio seit Monaten schon am Rande des Abgrunds und Ikuko von ihrem Ersparten.

          Sie sei jetzt über achtzig Jahre alt und habe über die vielen Jahrzehnte etwas Geld zur Seite legen können. Ihre jüngeren Kolleginnen aber seien in der wohl schwersten Krise ihrer Branche nahezu mittellos, sagt sie. Viele von ihnen ständen daher vor dem wirtschaftlichen Aus. Harte Zeiten für die Geishas in Tokios altem Akasaka-Viertel.

          Der Gedanke an eine zweite Viren-Welle sei erschreckend, sagt ihre Kollegin Mayu. Die erste sei schon schlimm genug gewesen. Über Monate waren die Teehäuser, Cafés und Restaurants im Viertel dicht. Die Kunden blieben aus, die Auftritte waren rar, die Zahl der angestammten Patrone, die einer Geisha eine Lebensrente zahlen, gibt es kaum noch.

          Geishas, das klassische Gesicht Japans

          Nun sind einige Etablissements zwar wieder geöffnet, doch Besserung der Lage ist nicht in Sicht. Solange kein Impfstoff gefunden ist, halten sich die Besucher zurück. Die Häuser und Kassen leer. Lokale Geisha-Vereinigungen versuchen, Internetmeetings zu organisieren. Der Staat gibt finanzielle Hilfen aus. Die aber ist kaum genug, um zu überleben.

          Ikuko hat so eine Lage noch nie erlebt. Dabei sei sie schon mehr als ein halbes Jahrhundert in der Stadt und im Geschäft. Geishas sind das klassische Gesicht Japans und Künstlerinnen der gehobenen Unterhaltung – mit allem drum und dran: Tanz, Spiel und Gesang, Teezeremonie, gepflegte Gespräche über Literatur und Philosophie, alte Gesänge, symbolreiche Tänze. Sie tragen Künstlernamen, pflegen eine eigene Sprache, ein eigenes Aussehen und einen ganz eigenen Charme. Früher spielte auch Sex eine Rolle. Denn einst hatten Geishas auch erotische Phantasien ihrer gutbetuchten Förderer zu bedienen. Dem schob Japan Ende der fünfziger Jahre mit seinen Baishun-Boshi-Ho, den Gesetzen gegen Zwangs-Prostitution, einen Riegel vor.

          Bis heute aber stecken die alten Stereotype in vielen Köpfen. „Mein Vater verstand nicht, was Geishas sind“, sagt Mayu. Er habe gedacht, das sei Prostitution. Es kam zum Streit, sie verließ das Elternhaus, und kam Jahre später wieder. Als ihr Vater einen ihrer Auftritte besuchte, „kam er danach hinter die Bühne, ging auf die Knie und verbeugte sich tief“. Wie alle Geishas tragen auch Mayu und Ikuko Perücken mit rabenschwarzen Haare und teure Seiden-Kimonos. Ihre Gesichter sind weiß geschminkt, die Lippen knallrot angemalt. Eine puppengleiche Maske, die jede Spur von Persönlichkeit verbietet und dem nur schwer durchschaubaren Schauspiel das immer gleiche Aussehen  gibt – seit mehr als hundertfünfzig Jahren.

          Die Ausbildung ist hart

          Damals wie heute verkörpern Geishas eine träumerische Welt. Sie nähren mit ihren Erscheinungen Vorstellungen, von der sie heute selbst entscheiden können, wie weit sie sie bedienen. Ihre Ausbildung dazu ist hart. Sie startet in jungen Jahren und dauert sehr lang. Die Lehrlinge nennen sich Hangyoku, Oshaku oder Maiko, die Meisterinnen sind Geishas. Sie sind oft Freiberufler, werden durch Agenturen vertreten und von einer Schar Zulieferern bedient: Perückenmacher und Schneider, Ankleider, Make-up-Profis, Lehrer und Event-Manager. Die Krise hat sie alle getroffen. Jeder ihrer Aufträge sei während der ersten Monate der Krise abgesagt worden, sagt die Visagistin Mitsunaga Kanda. Die Lage ist ernst.

          Denn Geishas dürften während ihrer Arbeit nur zu ganz bestimmten Zeiten in ganz bestimmten Häusern und vorgeschriebenen Vierteln unterwegs sein, den „Hanamachis“, den Blumenstädten. Das bekannteste dieser Viertel ist Gion in der alten Hauptstadt Kyoto. Doch es ist nicht das einzige. Allein in Tokio gibt sechs alte Hanamachis.

          Sie reichen von Shimbashi und Hachioji bis Yoshicho und Mukojima. Das größte dieser Viertel liegt oben in Asakusa, gleich hinter dem alten Sensoji-Tempel. Das älteste ist unten in Akasaka, keine zwanzig Gehminuten vom Kaiserpalast. Der Stadtteil ist mehr als vierhundert Jahre alt, seit knapp zweihundert Jahren sind hier auch Geishas zu Hause.

          Hier standen einst Dutzende ihrer Häuser; hier stiegen Branchenstars, wie die auch Manryu genannte Shizu Tamukai, um 1900 zu Ruhm und Reichtum auf; hier sind derzeit noch zwanzig von ihnen aktiv. Vor sechzig Jahren waren sie noch vierhundert, vor dreißig Jahren hundert, heute nehmen nur noch wenige Mädchen die harte und lange Lehrzeit auf sich. Sie seien auf eine eigene Weise schön, sagt die einstige Geisha Michiyo Yukawa. „Dies verschwinden zu lassen, wäre traurig.“ Wie Kelly Foreman in ihrem Buch „The Gei of Geisha: Music Identiy and Meaning“ schreibt, haben es Geishas „immer schon schwer gehabt, über die Runden zu kommen“. Mayu und Ikoku gehören zu den letzten ihrer Art.

          Als Ikoku Anfang der sechziger Jahre nach Tokio kam, hatte sich die Stadt zum zweiten Mal daran gemacht, die Olympischen Spiele auszutragen. Zwanzig Jahre zuvor hatte Tokio sie zum ersten Mal austragen wollen, doch wegen des Krieges absagen müssen. 2020 sollten sie wieder in Tokio sein. Sie wurden nun aber erst mal verschoben und stehen wieder auf der Kippe – und mit ihnen die letzten Geishas von Akasaka.

          Koiku bemalt den Nacken von Mayu mit weißer Farbe.
          Koiku bemalt den Nacken von Mayu mit weißer Farbe. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Koiku bekommt Hilfe beim Anziehen ihres Kimonos.
          Koiku bekommt Hilfe beim Anziehen ihres Kimonos. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Viel Schminke gehört zur Tradition der Geisha.
          Viel Schminke gehört zur Tradition der Geisha. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Mayu, Maki und Koiku üben ihre Tänze.
          Mayu, Maki und Koiku üben ihre Tänze. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Bei Shoichi Sanagashi, Schneider für Kimonos, lassen sich viele der Geishas einkleiden.
          Bei Shoichi Sanagashi, Schneider für Kimonos, lassen sich viele der Geishas einkleiden. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Mayu richtet Koikus Kimono, bevor die Feier im Luxusrestaurant Asada startet.
          Mayu richtet Koikus Kimono, bevor die Feier im Luxusrestaurant Asada startet. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Alte Bilder von Ikuko aus dem Jahr 1964, als sie nach Tokio zog.
          Alte Bilder von Ikuko aus dem Jahr 1964, als sie nach Tokio zog. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Nach einer Tanzstunde gehen die Geishas ausgelassen durch Tokio.
          Nach einer Tanzstunde gehen die Geishas ausgelassen durch Tokio. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Koiku macht sich fertig.
          Koiku macht sich fertig. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          „Wir versuchen alles in größtmöglichen Räumen stattfinden zu lassen. Wir tun alles, um die Kultur der Geisha am Leben zu halten“, sagt der Restaurantbesitzer des Asada.
          „Wir versuchen alles in größtmöglichen Räumen stattfinden zu lassen. Wir tun alles, um die Kultur der Geisha am Leben zu halten“, sagt der Restaurantbesitzer des Asada. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Die zwei jungen Geishas Mayu und Maki verbeugen sich vor der älteren Ikuko, bevor sie gemeinsam auf einer Feier für Unterhaltung sorgen.
          Die zwei jungen Geishas Mayu und Maki verbeugen sich vor der älteren Ikuko, bevor sie gemeinsam auf einer Feier für Unterhaltung sorgen. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Koiku, Maki, Ikuko und Mayu üben ihre Tänze, bevor die Gäste einer Feier eintreffen.
          Koiku, Maki, Ikuko und Mayu üben ihre Tänze, bevor die Gäste einer Feier eintreffen. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Ikuko ist schon lange Geisha. „Früher gab es über 400 Geishas in Akasaka, heute sind davon nur noch 20 übrig“, sagt sie.
          Ikuko ist schon lange Geisha. „Früher gab es über 400 Geishas in Akasaka, heute sind davon nur noch 20 übrig“, sagt sie. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Eine ältere Geisha hilft der jungen Koiku eine Maske aufzusetzen.
          Eine ältere Geisha hilft der jungen Koiku eine Maske aufzusetzen. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Kimonos hängen in Ikukos Haus am Fenster.
          Kimonos hängen in Ikukos Haus am Fenster. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters
          Ikuku macht sich bereit für die Arbeit im Restaurant.
          Ikuku macht sich bereit für die Arbeit im Restaurant. : Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fehlberatung kann teuer werden.

          Geldanlage : Die Tricks der Finanzberater

          Wer gute Ratschläge von einem Finanzberater möchte, muss sich vorsehen. Denn der ist vor allem am Abschluss interessiert. Ohne Vorbereitung geht es nicht.
          Wenige Wochen vor der Flucht: Ali Ahmed Kaveh und seine Frau Mozghan am 18. Juli 2021 in Herat

          Afghanistan : Eine Flucht in die Hände des Feindes

          Ein Afghane steht auf einer Todesliste der Taliban. Monatelang versteckt er sich. Dann flieht er nach Kabul – kurz bevor dort die Islamisten die Macht übernehmen. Die Chronik einer Flucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.