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Italien in Corona-Zeiten : Darf’s etwas mehr sein?

  • -Aktualisiert am

Federico Colombaio - Kooperative „Terra“, Turin. Bild: Gabriele Galimberti

Als die italienische Regierung die Bevölkerung in die Wohnungen sperrte, wurden die kleinen Läden auch so etwas wie eine Notaufnahme für die Seele.

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          Während des Lockdown in Italien, als die öffentlichen Plätze zum Schweigen gebracht wurden, Einkaufsstraßen sich in trostlose Reihen heruntergezogener Rollläden verwandelten und auf den Straßen nur noch Polizeiautos und Krankenwagen unterwegs gewesen sind, da waren kleine Lebensmittelläden in vielen Vierteln das einzige Zeichen von Leben überhaupt. Aber auch jetzt, da Italien die strenge Ausgangssperre gelockert hat, sind Obsthändler, Metzger und Bäcker das sichtbarste Zeichen, dass das Leben weitergeht.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Fotograf Gabriele Galimberti hat in Mailand, Turin und Florenz solche Läden und deren Besitzer fotografiert: Es ist früh am Morgen, die Ware ist schon hergerichtet, die ersten Kunden werden gleich eintreffen. So wie die Besitzer da stehen, ernst und entschlossen, hinter sich den erleuchteten Laden, über dem Gesicht eine Atemschutzmaske und bereit für den ersten Kunden, erinnern sie ein wenig an Ärzte einer Notaufnahme. Und tatsächlich sind die kleinen Läden seit Beginn der Corona Pandemie nicht nur Versorgungsstationen für Menschen, die zwei Monate lang kaum aus dem Haus durften. Sie sind auch Stützen zum Aufrechterhalten der Moral.

          Während der sogenannten Phase eins, als das Verlassen der Wohnung nur für „überlebenssichernde Notwendigkeiten“ gestattet war, also für einen Arztbesuch, für den Kauf von Medikamenten, Zeitungen oder Lebensmitteln, da waren die Läden für viele die einzige Möglichkeit für sozialen Kontakt. In gewisser Weise waren sie während dieser Zeit auch Fluchthelfer, da sie kurze Auszeiten vom Eingeschlossensein ermöglichten. „Ich gehe kurz was einkaufen“, sagte man, bevor man die Wohnungstür hinter sich zuzog, und meinte damit: Ich muss mal kurz raus, sonst drehe ich durch. Dann reihte man sich vor dem Bäcker oder dem Obsthändler hinter den anderen Kunden ein, genoss die frische Luft, die Sonne, den Anblick von Menschen, die man nicht ständig um sich herum hat - und kaufte zwei Tomaten oder Brötchen. Man konnte sich sicher sein: Jeder in der Schlange hatte Verständnis für diesen kleinen Regelübertritt.

          Nun, da die Wirtschaftskrise immer deutlicher wird, fühlen sich viele ohnehin wohler, ihr Geld nicht in großen Supermärkten auszugeben, sondern in Läden, die oft seit Jahrzehnten familienbetrieben sind.

          Früher waren Geschäfte wie jene, die Gabriele Galimberti fotografiert hat, typisch für Italien. Seit der Ausbreitung der großen Supermärkte gelten die wenigen, die es noch gibt, als die letzten ihrer Art. Die Menschen haben ihren sozialen Wert wiederentdeckt, und das ist wahrscheinlich einer der wenigen positiven Effekte der Pandemie. Natürlich haben sie auch festgestellt, dass Obst und Gemüse besser schmecken, wenn es nicht in Plastik eingeschweißt ist und mit viel Sorgfalt ausgewählt wurde. Hoffentlich werden sie sich auch dann noch daran erinnern, wenn die Pandemie vorüber ist.

          Geraldina Biagiotti - Bäckerei „S.Forno“, Florenz.
          Davide Viganò - Obst und Gemüse „L’orto di Brera“, Mailand.
          Leonardo Paslloni - Metzgerei „Massimo e Leonardo“, Florenz.
          Paola Almasio - Gastronomie „Santè Bottega“, Mailand.
          Silvia und Riccardo Tortoli - „Pizzicheria“, Florenz.
          Antonio Addabbo - Fischladen „Virgilio“, Mailand.
          Walter Sirtori, Enzo Strecaprete und Bilip Don - Metzgerei „Sirtori“, Mailand.
          Coppini Paolo - Gastronomie „Migrana“, Florenz.
          Ezio Ferrero - Gastronomie „Ferrero“, Turin.

          Gabriele Galimberti hat unseren Fragebogen beantwortet und berichtet über sich und sein Projekt:

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