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Hongkongs Jugend unter Druck : Kein Platz, keine Zukunft

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Peter Chang, 23, teilt mit seinem Vater ein fünf Quadratmeter großes Zimmer. Er ist besorgt darüber, dass immer mehr Festlandchinesen nach Hongkong ziehen. Bild: Thomas Peter/Reuters

In Hongkong demonstrieren junge Menschen für mehr Demokratie. Sie fühlen sich von ihrer Regierung nicht repräsentiert und kämpfen auf der Straße um ihre Identität. Der Reuters-Fotograf Thomas Peter hat ihre Wohnsituation dokumentiert.

          3 Min.

          Vier erwachsene Kinder teilen sich ein Zimmer, der Sohn schläft mit dem Vater im Doppelstockbett. Hongkong – eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt – war schon immer teuer, aber die Mietpreise steigen weiter.

          Für junge Hongkonger ist eine eigene Wohnung praktisch unbezahlbar. Sie fühlen sich von ihrer Regierung nicht repräsentiert und kämpfen auf der Straße um ihre Identität.

          Der aus Gera stammende Fotograf Thomas Peter hat in Hongkong junge Menschen gefunden, die ihm die Türen zu ihren Wohnungen öffneten und ein fotografisches Porträt einer Generation zwischen Resignation und der Hoffnung, etwas zum Besseren ändern zu können, geschaffen.

          Designer Fung Cheng, 25 Jahre, in seinem fünf Quadratmeter großen Zimmer: „Die Regierung wird von China unterstützt und hört nicht auf uns. Wir haben keine Demokratie.“
          Blick auf Hochhäuser in Hongkong.
          Ruka Tong, 21 Jahre, teilt ihr elf Quadratmeter großes Zimmer mit zwei Schwestern. „Ich arbeite sieben Tage die Woche, um Geld für eine Wohnung zu verdienen.“
          Robin Lam, 23 Jahre, lebt gemeinsam mit seiner Mutter und vier  Schwestern. „Manchmal denke ich daran aufzugeben und aus Hongkong wegzuziehen.“
          Blick auf einen Wohnblock in Hongkong.
          „Politisch wird es immer schlimmer. Ich hoffe, wir können daran etwas ändern.“ Filmstudentin Zaleena Ho, 22 Jahre, in ihrem sieben Quadratmeter großen Zimmer.
          „Jeder wünscht sich eine eigene Wohnung, aber in Hongkong ist das unmöglich.“ BWL-Student William Lun, 22 Jahre, in seinem sechseinhalb Quadratmeter großen Zimmer.
          Jurastudentin Ruby Leung in ihrem sieben Quadratmeter großen Zimmer: „Werden wir von China assimiliert werden?“
          „Es ärgert mich, dass Leute vom Festland in Hongkong Immobilien aufkaufen. Sie treiben die Preise in die Höhe“: Ingenieur John Wai, 26 Jahre
          Aus einem Fenster hängt Wäsche zum Trocknen.
          Eunice Wai, 30 Jahre, Lehrerin, wohnt gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Bruder. „Der Wohnungsmarkt ist unfair – wenige Firmen kontrollieren den Markt.“

          Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

          Meine Agentur hat mich aus Peking nach Hongkong geschickt, um über die Proteste gegen das umstrittene Auslieferungsgesetz zu berichten.

          Der Unmut brodelte seit langem in der ehemaligen britischen Kolonie. Beim ersten Marsch gingen über eine Million Menschen auf die Straße, eine Woche später waren es mehr als doppelt so viele. Die Speerspitze des Protestes bildeten junge Menschen, gut organisiert und besser informiert, als es Peking seinen Bürgern auf dem Festland jemals erlauben würde.

          Ihr Protest richtete sich in erster Linie gegen die Stadtverwaltung und ihre Vorgesetzten in Peking. Ich spürte aber eine tiefergehende Wut. In Gesprächen erfuhr ich von Gefühlen der sozialen Aussichtslosigkeit, einer generellen Perspektivlosigkeit und der Angst vor dem Verlust ihrer Identität.

          „Hongkong ist nicht China“, hörte ich immer wieder. Die Menschen haben große Angst von China überrollt zu werden und fürchten um ihre Zukunft.

          Dazu kommt der soziale Druck. Hongkong ist eine der teuersten Städte der Welt. Eine eigene Wohnung, selbst ein Zimmer in einer WG, ist für viele nicht bezahlbar. Junge Leute stehen vor der Wahl, sich auf Jahrzehnte zu verschulden, oder in den Kinderzimmern zu wohnen, in denen sie aufgewachsen sind. Gleichzeitig werden immer mehr Festlandchinesen in Hongkong angesiedelt, was einen Keil in die Gesellschaft treibt. 

          Ich wollte von Leuten aus der Generation der 20- bis 30-Jährigen hören, wie sie diese Zeit des Protestes erleben und sie in ihren Kinderzimmern zeigen, aus denen sie so schwer herauswachsen können, wie Hongkong sich dem Griff der Kommunisten Partei entziehen kann.

          Was haben Sie bei der Reportage erlebt?

          Vier erwachsene Kinder teilen sich ein Zimmer, der Sohn schläft mit dem Vater im Doppelstockbett. Stoische Akzeptanz macht das für manche möglich, schließlich war Hongkong schon immer teuer. Andere wollen nur weg. Eine Zukunft in Hongkong sei nicht mehr vorstellbar. Groß ist der Ärger über die Stadtregierung, von denen sich viele nicht repräsentiert fühlen, weil es keine freien Wahlen gibt. Die Proteste geben etwas Mut, dennoch weiß jeder, dass China nicht nachgeben wird. Das Pendel schwingt zwischen kurzlebiger Euphorie und Resignation.

          Welche Kameras und Objektive benutzen Sie?

          Ich fotografierte die Serie mit einer Canon 1D Mark X, einem 24 mm Objektiv und zwei entfesselten Blitzen mit Softbox und Schirm. Die Herausforderung war, die Blitze so zu positionieren, dass sie die kleinen, verwinkelten Räume ausleuchten, aber nicht sichtbar sind. Bei fünf bis sechs Quadratmetern war das nicht einfach. Schließlich musste ich auch in das Zimmer passen und zwar so, dass ich möglichst viel im Bild zeigen konnte, ohne die Linien zu verzerren. Ich wollte das Gefühl vermitteln, dass man den Menschen im Zimmer gegenübersitzt und gleichzeitig den Raum wahrnimmt. Fallende Linie hätten diesen Effekt zerstört.

          Blitze verwende ich in meiner Arbeit so gut wie nie. Diese Serie war eine Ausnahme, ich wollte die Kinderzimmer gut rausbringen, denn es ging nicht um eine Stimmung, sondern um Details zu sehen und Zitate zu lesen.

          Wie und womit bearbeiten Sie Ihre Bilder?

          Ich habe jpgs fotografiert. In Lightroom habe ich einige Bilder etwas beschnitten. Hat man den Raum einmal gut ausgeleuchtet, ist mehr nicht nötig.

          Welche Fotografen sind Ihre Vorbilder?

          Kollegen, die auf einem gemeinsamen Termin ein besseres Bild gemacht haben als ich. Pressefotografen sind wie Leichtathleten, es rennt immer mal einer schneller oder springt höher als du. Das spornt an.

          Hat ein Buch Sie besonders beeindruckt?

          Alec Soths „Sleeping by the Mississippi”.

          Welcher ist Ihr Lieblingsort?

          In Hongkong sind das die Wälder in Saikung, wenn ich sie mit meiner Frau bewandere.

          Lieblingsrestaurant?

          Frühstück im lokalen Dim Sum Restaurant in Hongkong mit meiner Frau.

          Kurzbiographie

          Geboren in Gera, Studium der Slawistik in London, seit 2005 als Fotojournalist für Reuters tätig in den Büros in Moskau, Berlin, Tokio und Peking.

          Webseite: https://widerimage.reuters.com/photographer/thomas-peter

          Twitter: @tompeter

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