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Fotowettbewerb Literaturland : Fotowettbewerb Literaturland Hessen 2019 - ’Mein Bild zum Buch - Hessische Literatur im Blick’

Vera Gröger, vor zwei Jahren Trägerin des Publikumspreises, inszeniert ’Brüderchen und Schwesterchen’: ’Abends, wenn Schwesterchen müde war, legte es den Kopf auf den Rücken des Rehkälbchens, das war sein Kissen.’ Bild: Vera Gröger

Hessen, Bücher und Leser – das passt zusammen. Der Beweis? Die schönsten Bilder des Fotowettbewerbs „Literaturland Hessen“, die jetzt in Frankfurt zu sehen sind.

          2 Min.

          Bild und Wort, das ist manchmal eine ebenso unfaire Beziehung wie die zwischen einem Hollywood-Blockbuster und dem Lyrikband auf dem Nachttisch. Manchmal aber handelt es sich auch um gute Freunde. So wie beim Fotowettbewerb „Literaturland Hessen“, den der Hessische Rundfunk zusammen mit dem Photokontor Gerd Kittel und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum sechsten Mal veranstaltet.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Mein Bild zum Buch – Hessische Literatur im Blick“ lautete das Thema in diesem Jahr. Drei Preise, dotiert mit insgesamt 5000 Euro, zur Verfügung gestellt von der Fazit-Stiftung, sind den Gewinnern in Frankfurt überreicht worden. Aus den schönsten der zum Wettbewerb eingereichten Aufnahmen konnte das Publikum zudem bis Anfang Mai im Internet sein Lieblingsbild auswählen. Den an diese Fotografie gestern vergebenen Publikumspreis hat die Sparda-Bank Hessen mit weiteren 2000 Euro ausgestattet.

          Zu sehen sind die Siegerbilder zusammen mit zahlreichen anderen bis 14. Juni im Frankfurter Haus am Dom. Einen Mitschnitt der Ausstellungseröffnung, zu der die Schauspieler Luana Velis und David Rott gestern Abend Texte von Adorno bis Kurzeck lasen, sendet hr2-Kultur am 30. Juni von 12 Uhr an.

          Die Ausstellung ist Teil des „Tags für die Literatur“, der heute in ganz Hessen mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert wird. 199 Kultureinrichtungen in fast 60 Städten und Gemeinden beteiligen sich an diesem Festival, das der Sender hr2-Kultur, das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der Hessische Literaturrat zusammen mit vielen weiteren Partnern zum siebten Mal organisiert haben.

          1. PLATZ.

          Ausblick, Rückblick: Peter Kurzeck und sein unvollendet gebliebenes Romanwerk stehen hinter dem Bild, mit dem Zoé Hopf den mit 3000 Euro dotierten ersten Preis des Wettbewerbs gewann. Sie dachte bei ihrer Aufnahme an Kurzecks 2007 erschienenen Roman "Oktober und wer wir selbst sind". Dort heißt es: "Eine Herbstreise nach meiner Heimat. Erinnerungen. Ich sehe mich im Zug sitzen und aus dem Fenster blicken. Bis ich endlich den Rand der satten Wälder entdecke und bald in ihnen eintauche." Hopfs Aufnahme färbt Kurzecks satte Wälder ebenso herbstlich ein wie der Titel des Buchs den gesamten Roman. Durch das Werk des 2013 gestorbenen Kurzeck, dessen nächster Nachlassband Ende August bei Schöffling herauskommt, könnte man ewig fahren.

          „Wisst ihr den Sommer noch?“ - nach „Oktober und wer wir selbst sind“ von Peter Kurzeck

          2. PLATZ.

          Aus Brasilien hat den Wettbewerb das Foto erreicht, mit dem Silvio Crisóstomo auf Theodor Adornos und Max Horkheimers "Dialektik der Aufklärung" antwortet. Im Abschnitt "Zur Theorie der Gespenster" heißt es dort: "Freuds Theorie, dass der Gespensterglaube aus den bösen Gedanken der Lebenden gegen die Verstorbenen kommt, aus der Erinnerung an alte Todeswünsche, ist zu plan. Der Hass gegen die Verstorbenen ist Eifersucht nicht weniger als Schuldgefühl." So weit das Zitat, das der auf der anderen Seite des Atlantiks lebende Fotograf der Aufnahme beigefügt hat, die gestern in seiner Abwesenheit mit dem zweiten Preis und 1500 Euro ausgezeichnet wurde. Sein Bild zeigt auch den nächsten Satz: "Der Zurückbleibende fühlt sich verlassen, er rechnet seinen Schmerz dem Toten an, der ihn verursacht."

          „Meine Stimmung und ich“ - nach „Zur Theorie der Gespenster“ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer

          3. PLATZ.

          Die Brüder Grimm und ihre Märchen sind seit Jahren eine ergiebige Inspirationsquelle für Fotografen, die am Wettbewerb teilnehmen. Simone Häckel dachte bei ihrer Aufnahme an das Märchen "Die sechs Schwäne", das Jacob und Wilhelm Grimm schon 1812 in die erste Auflage ihrer "Kinderund Hausmärchen" aufnahmen. "Wo sind deine Brüder?", heißt es dort. "Ach, lieber Vater, die sind fort und haben mich allein zurückgelassen." In den Anmerkungen der Grimms heißt es, das Märchen, das mit zahlreichen anderen verwandt ist, stamme aus Hessen. Für Häckels Aufnahme der weit mehr als sechs Schwäne in einem Motorboot, hinter denen sich hoffentlich nicht ebenso viele von ihrer bösen Stiefmutter verzauberte Prinzen verbergen, gab es den dritten, mit 500 Euro dotierten Preis.

          „o.T.“ - nach „Die sechs Schwäne“ von den Brüdern Grimm
          Publikumspreis: Sarah Sasse „Patriotismus“ - nach „Gespräche“ von Johann Wolfgang von Goethe
          Jonas Beck denkt bei seinem Bild an Franziska Wilhelms Roman ’Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen’: ’Bei Leuten, die sich vor den Zug schmeißen wollten, war Strottenheim eine große Nummer.’
          Katja Freitags Bild ’Transparenz’ erinnert die Fotografin an eine Passage aus Georg Büchners ’Leonce und Lena’: ’O, wer einmal jemand anders sein könnte! Nur ’ne Minute lang.’ Die Aufnahme entstand in Büchners Geburtshaus in Riedstadt-Goddelau.
          ’Schön, dass es mich gibt’ hat Iva Batistic diese Aufnahme genannt. Sie bezieht sich auf einen Text des Poetry-Slammers Dalibor Markovic: ’Morgens im Spiegel sein Gesicht betrachtend.’
          Kristina Martins Foto bezieht sich auf den Doktor in Büchners ’Woyzeck’, der von menschlicher Freiheit schwafelt, während er Woyzeck als Versuchskaninchen missbraucht: ’ Hat er schon seine Erbsen gegessen, Woyzeck?’
          Jacob Medrea denkt an Brentano: ’Bleib nur heiter, / Blick nicht weiter / Als zum Hirten, der dich führt. / Sorge bricht die Himmelsleiter, / Weil sie aus der Erde rührt.’
          Einreichung Fotowettbewerb „Mein Bild zum Buch. Hessische Literatur im Blick“ zum Gedicht „Katze in Pflege“ von Robert Gernhardt: Ich rief deine Katze Sie kam nicht. Ich befahl deiner Katze Sie gehorchte nicht. Ich schrie deine Katze an Sie wandte sich ab. Ich lockte deine Katze Sie blieb weg. Erst als ich schwieg vermochte ich zu hören: Das Locken deiner Katze Das Rufen deiner Katze Das Fordern deiner Katze Das Schnurren deiner Katze – Nun habe ich dir so viel zu erzählen.
          Sophie Schubert hat ihr Bild auf einem verlassenen Rummelplatz gemacht. Es erinnert sie an eine Zeile aus F. W. Bernsteins ’Apokalypsen-Programm’: ’Sonntags herrscht dann endlich Ruhe.
          Bettina Schulte Strathaus, Frankfurt, Universität und Bundesbank. Im Schnee Worte Büchners: ’Friede den Hütten, Krieg den Palästen.’
          Therese Schneider denkt bei ihrem Seebild an Zsuzsa Bánks Roman ’Der Schwimmer’.

          Literaturtag

          Weitere Informationen zum Literaturtag unter www.hr2.de/literaturland.

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