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Fischer in Venezuela : Barsch in Rohöl

Jose Miguel Perez steuert seinen Außenborder durch die ölverseuchten Gewässer. Oft erstickt der Motor in der zähen Masse. Bild: Rodrigo Abd/AP

Mit dem Niedergang der Erdölindustrie in Venezuela bedroht eine Umweltkatastrophe von gigantischem Ausmaß das Leben am Maracaibo See. Die Bilder des Fotografen Rodrigo Abd berichten von Menschen, die einem verseuchten Meer noch etwas Essbares abringen.

          2 Min.

          Wenn Yanis Rodriguez und seine Kollegen sich auf den Weg zur Arbeit machen, müssen sie ihre Boote durch eine Schicht von Rohöl ins Wasser bugsieren. Rodriguez und die anderen sind Fischer aus dem Dorf Cabimas am Maracaibo See im Nordwesten von Venezuela. Dort, wo die vielleicht größten Ölreserven der Welt liegen, hat eine verrottende Förderindustrie verheerende Spuren hinterlassen.

          Vor der Kulisse der Anlagen von La Salinas geht es aufs Meer.
          Im Schein der Gasfackel am Terminal von La Salinas ziehen Fischer Netze mit Krabben ins Boot.
          Ölverseucht sind Strand und Treibholz. Niemand lebt so eng mit dem Ölschlamm wie die Fischer von Cabimas.
          Der Strand von Cabimas, hinten die Anlagen von La Salina der staatlichen Betreibergesellschaft PDVSA.

          Einst war das schwarze Gold Garant für sprudelnden Wohlstand in dem Land. Doch der Ölpreis ist gefallen und seit Jahren wird zu wenig in die Förderanlagen investiert. Öl und Gas sickern aus maroden Rohren ins Meer und in die Landschaft. Eine Umweltkatastrophe von gigantischem Ausmaß.

          Über weiten Teilen des Lago Maracaibo liegt eine dichte Ölschicht. An den Ufern sammeln sich Treibholz und Unrat im Ölschlick. Der stechende Gestank des Öls liegt über dem Wasser und zieht in die Siedlungen am Ufer.

          Dorfhunde suchen an den Ufern von Cabimas nach Fischabfällen.
          In Schutzkleidung aus den Beständen der staatlichen Fördergesellschaft PDVSA angeln Männer den örtlichen Barsch Robalo.

          Und doch müssen Menschen dort leben. Die Fischer haben keine Wahl. Wollen sie ihre Familien ernähren, müssen sie hinaus auf das ölige Meer. Im Boot mit Außenbordmotoren oder Rudern. Die Ärmsten von ihnen haben noch nicht einmal das. Sie paddeln in aufgepumpten LKW-Schläuchen aufs Meer, um mit Leine und Haken ihr Glück zu versuchen.

          Noch nicht mal ein Boot: im LKW-Schlauch zum Angeln aufs Meer.
          In ölverschmierten Netzen ziehen die Männer ihren Fang ins Boot.

          Kommen sie heim, sind die Netze schwarz. An Booten, Kleidung und Körpern klebt das Öl. In Eimern mit Benzin werden daheim die Füße gereinigt, Gesicht und Hände abgespült. Das Stechen auf der verätzten Haut gehört zum Alltag.

          Krabbenfänger machen Pause.
          Säubern, aber wo? Fabiola Elizalzabal spült Fische aus dem Fang ihres Vater im verdreckten Meer.
          Ölverschmiert bringen die ärmsten Fischer ihre Schläuche zurück ins Dorf.
          Alejandro Elizalzabal wiegt seinen Fang. Was die Familie nicht selbst braucht, wird zum Verkauf angeboten.

          Eine Reihe von schwersten Gesundheitsproblemen bedroht die Menschen dort. Atemwegserkrankungen, Hautverätzungen und ein hohes Krebsrisiko seien zu erwarten, meint der Toxikologe Cornelis Elfering von der Universität in Gavelston, Texas, wo man die Auswirkungen maritimer Ölverschmutzung untersucht.

          Robalo, der örtliche Barsch, aus dem Fang von Edward Alexander Barrios.
          Der Tag auf dem Meer war hart. Das Waschen muss warten.
          Vom Kopf bis zu dem Füßen: alles muss mit dem ätzenden Benzin gesäubert werden.
          Mit Benzin und Läppchen - eine Krabbe wird gereinigt.

          Noch geben die Fischgründe etwas her. Barsche, Garnelen und Krebse werden mit Netzen und Leinen aus dem Wasser gezogen. Entsprechend verschmutzt, versteht sich. Natürlich muss auch der Fang gereinigt werden. Mit Benzin und Zahnbürsten schrubben die Familien zuhause die Beute ab.

          Mit Benzin und Bürstchen werden Krabben gesäubert.
          Fischer Antonio Tello und Tochter Genesis haben Spaß beim Säubern frisch gefangener Krebse.
          Selbsthilfe, wo der Staat versagt: Einwohner versorgen sich aus einer undichten Pipeline mit Rohöl.

          Rodrigo Abd ist Fotograf der Nachrichtenagentur Associated Press in Peru mit Sitz in Lima und berichtet aus ganz Lateinamerika. Der gebürtige Argentinier hat in Buenos Aires Kommunikation studiert, nebenbei für Zeitungen fotografiert und arbeitet seit 2003 für AP.

          Dort ist sein Schwerpunkt naturgemäß die tägliche Nachrichtenfotografie. Im Nachrichtenalltag arbeitet er selbstverständlich digital. Darüber hinaus macht er Reportagen bis hin zu Langzeitprojekten. Bei denen setzt er gelegentlich als fotografischen Kontrapunkt eine Kastenkamera mit schwarz-weiß Film ein.

          Im Gespräch mit der F.A.Z. berichtet Rodrigo Abd, dass er auf einer Reportagereise über den Niedergang der venezolanischen Erdölindustrie, den Menschen am Maracaibo See begegnete und beschloss, ihnen eine eigene Dokumentation zu widmen. 

          Mehr von Rodrigo Abd unter rodrigoabd.com

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