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Der alte Mann und der Fluss

Text von REINER BURGER,
Fotos von INSA HAGEMANN und STEFAN FINGER

05. November 2021 · Rudi Hell ist einer der letzten Rheinfischer in Nordrhein-Westfalen. Von seinen Erfahrungen können auch Wissenschaftler viel lernen.

Bei Grieth, kurz vor der Grenze zu den Niederlanden, drängt der Rhein schon mächtig Richtung Meer. Tief hängen die Wolken an diesem Tag über dem Land. Rudi Hell steuert sein Motorboot in einem großen, eleganten Bogen zwischen zwei Frachtschiffen hindurch über den weiten Strom. Am Ufer gegenüber springt Marc Dickert an Bord, ein junger Biologe, der an der Universität Köln gerade seinen Master gemacht hat. Er arbeitet in der Forschungsstation Grietherbusch. Morgens und mittags gehen er und Andreas Eyhorn vom Fischereiverband Rudi Hell auf seinen beiden Aalschokkern zur Hand. Ein knapper Gruß, dann lässt Hell den Außenborder wieder aufheulen. Augenblicke später erreicht das Boot die linksrheinisch liegende „Anita II“.

Hell, ein großer Mann mit weißem Seemannsbart und Schiffermütze, braucht nur einen weiten Schritt, schon steht er in seinen klobigen Gummistiefeln auf dem Deck des Aalschokkers, der gut zehn Meter vom Ufer entfernt im offenen Rhein vor Anker liegt. Hell hat sich nicht verändert, seit wir uns 2015 das erste Mal trafen. Er ist agiler als viele, die Mitte 50 sind. Bald wird er 85.

Der Aalschokker „Anita II“ liegt zehn Meter vom Ufer entfernt im offenen Rhein.
Der Aalschokker „Anita II“ liegt zehn Meter vom Ufer entfernt im offenen Rhein.
Rudi Hell macht das Beiboot „Erpel“ los.
Rudi Hell macht das Beiboot „Erpel“ los.
Andreas Eyhorn vom Fischereiverband geht Hell bei der Arbeit zur Hand.
Andreas Eyhorn vom Fischereiverband geht Hell bei der Arbeit zur Hand.

„Wenn man Rheinfischer ist, braucht man keinen Fitnessbunker.“
RUDI HELL

Rudi Hell ist einer der letzten Rheinfischer in Nordrhein-Westfalen. Rund 300 Jahre lang haben Hells Vorfahren in Grieth am Niederrhein vom Fischfang gelebt. Ein Familienwappen, das in seinem Haus hängt, bezeugt es. Seit er denken kann, ist Hell auf dem Fluss unterwegs. Großvater Theodor zeigte ihm, wie man Lachs oder Salm fängt und wie man Aal-Reusen setzt. Im Frühjahr war damals das Uferwasser schwarz, so viele Maifische tummelten sich auf ihrem Weg vom Meer rheinaufwärts. Mit vollbepackten Pferdewagen zogen die Händler über die Dörfer. „Ein Eimer Maifisch kostete 50 Pfennig. Man aß mittags Maifisch, man aß abends Maifisch. Und damit man das ganze Jahr über Maifisch hatte, kochten die Frauen ihn in Gläsern ein.“

Rudi Hell hat von seinem Großvater gelernt, wie man Lachs fängt und Aal-Reusen setzt.
Rudi Hell hat von seinem Großvater gelernt, wie man Lachs fängt und Aal-Reusen setzt.

Den letzten nennenswerten Maifischfang soll es 1949 bei Wesel gegeben haben. Dann verschwand der Wanderfisch – wegen der vielen für ihn unpassierbaren Staustufen und wegen der immer schlimmeren Wasserverschmutzung. Je glänzender sich Deutschland im Wirtschaftswunder entwickelte, desto trüber wurde der Rhein. In St. Goar zog Fischermeister Severin Nagelschmidt während der Fangsaison 1960 erstmals Aale aus dem Rhein, die „so verdorben waren, dass seine Kunden sie zurückgaben“, hieß es im Sommer 1972 in der F.A.Z. „Der Versuch gelang, die Tiere durch eine dreiwöchige Kur in Becken mit Quellwasser wieder genießbar zu machen.“ Weißfische jedoch ließen sich nicht regenerieren. „Vor wenigen Tagen fischte Nagelschmidt zwei Forellen. Als er sie aufschnitt, stanken sie derart penetrant, dass selbst der Hund sich abwandte.“

An den üblen Phenolgeruch kann sich Rudi Hell gut erinnern. Der Rhein, dessen gesamtes Einzugsgebiet von starker Industrialisierung, dichter Besiedlung und intensiver Landwirtschaft geprägt ist, war damals einer der schmutzigsten Flüsse der Welt. Mit dem „Aktionsprogramm Rhein“ gelang es in den vergangenen Jahrzehnten, die Wasserqualität so weit zu verbessern, dass der Fluss heute nur noch als „mäßig belastet“ gilt und immerhin wieder so sauber ist wie in den Vorkriegsjahren. Viele zwischenzeitlich verschwundene Fischarten wie der Lachs sind zurückgekehrt. „Auch der Zander-Bestand hat sich toll entwickelt“, sagt Hell.

Die Ausrüstung prüfen und reparieren, auch das gehört zum Fischersein.

Ein ganz besonderer Moment für den Rheinfischer: als er 2010 in Zusammenarbeit mit der Forschungsstation Grietherbusch zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder Maifisch im Rhein nachweisen konnte. Das zwei Jahre zuvor begonnene internationale Wiederansiedlungsprojekt war also geglückt. Doch bis heute kann sich die Population nicht selbst reproduzieren. Immer wieder müssen Hunderttausende Maifischlarven ausgesetzt werden.

Von der Fischerei leben konnte schon Rudi Hells Vater nicht mehr. Auf den Rhein zog es den Sohn dennoch. Eine Zeitlang fuhr Hell als Binnenschiffer von Rotterdam hinauf bis Straßburg und wieder zurück. „Mit einer Familie war das natürlich nix.“ Also arbeitete er als Schwimmbaggermeister in einer nahen Kiesgrube – was auch den Vorteil hatte, dass er wenigstens in seiner Freizeit wieder Rheinfischer sein konnte. „Fischersein prägt, das liegt einfach im Blut.“ Seit Hell vor 19 Jahren in Rente ging, ist er voll und ganz Fischer. Die nach seiner verstorbenen Frau benannte „Anita II“ ist schon sein zweiter Aalschokker. Von Familie Nagelschmidt in St. Goar hat Hell den 1934 in Holland gebauten Kutter 2010 gekauft. „Unter Rheinfischern kennt man sich.“

Die Fischerei ist nicht nur Leidenschaft für Rudi Hell. Seit vielen Jahren fischt er auch für die Wissenschaft, für Universitäten und Institute – unter anderem in Trier, Essen und Köln. Es geht um die Erfassung des Bestands von Maifisch, jugendlichem Lachs, Fluss- und Meerneunauge und Aal, dem vielleicht mysteriösesten Fisch der Welt, den Hell so faszinierend findet wie keinen anderen. „Glasaale“ heißen die Tiere, wenn sie aus dem Westatlantik kommen, als „Steigaale“ schwimmen sie Flüsse hinauf. Immer genau dort, wo einst ihre Eltern lebten, ob in Mosel, Neckar, Elbe oder Rhein, wachsen sie in den folgenden Jahren, fressen sich ihre Fettreserven an für die viele tausend Kilometer lange Reise zurück in die Sargassosee im subtropischen Westatlantik, auf der sie dann nichts mehr zu sich nehmen. Dort laichen die nun „Blankaale“ genannten Tiere. Dann verenden sie.

Heute fischt er vornehmlich im Dienst der Forschung. Gemeinsam mit dem Biologen Marc Dickert führt der Fischer minutiös Buch über den Tagesfang.

Jeden Abend spannt Hell sein 34 Meter langes Netz zwischen zwei Auslegebäumen der „Anita II“ auf wie eine riesige Einkaufstasche. Um an den Fang zu kommen, braucht er es nur zu schließen. Dafür wirft Hell einen gemütlich tuckernden Dieselmotor an, der eine Seilwinde antreibt. Nach einer Weile erscheint der untere Baum aus der Tiefe des Rheins und berührt den oberen. Das Wasser rauscht. Marc Dickert steigt ins Beiboot „Erpel“, lässt sich ein paar Meter rheinabwärts treiben. Er zieht die Reuse an Bord. Kreischend umkreisen ihn Möwen, die auf Beifang hoffen. Einige Zander sind heute ins Netz gegangen, auch Bresen, Nasen, Gründlinge, aber kein Aal. „War halt Vollmond, da sind die nicht so gern unterwegs“, brummt Hell. Jeden Fisch vermisst Eyhorn einzeln. Dickert führt Buch. Hell schreibt sich die Maße in sein eigenes großes Notizbuch. Dann dürfen die Fische zurück in den Rhein.

Rudi Hell macht das Netzt bereit für den nächsten Fang.
Rudi Hell macht das Netzt bereit für den nächsten Fang.

Als Biologe lerne man sehr viel von einem so erfahrenen Fischer, sagt Dickert. „Und so ein Aalschokker macht ganz hervorragendes Wanderfisch-Monitoring möglich.“ Denn mit der Auslegenetz-Fangtechnik lässt sich aus einem breiten Streifen des Rheins die Fischfauna gewissermaßen herausfiltern. Anhand der Fließgeschwindigkeit und der Größe des Netzes kann man die Menge der Biomasse bestimmen. Noch exakter funktioniert das, wenn man beide Seiten eines Stroms fortwährend im Blick behält. Deshalb hat sich Hell 2019 einen weiteren Schokker angeschafft – ebenfalls von Familie Nagelschmidt. „Heinz“ liegt stromaufwärts im rechtsrheinischen Rees. Wenn die Renovierungsarbeiten unter Deck abgeschlossen sind, will Hell den Kutter in „Weina“ umtaufen. Es ist der Vorname der neuen Frau in seinem Leben.

Weina ist 61 und lebt in Nord-China. Hell zieht sein Smartphone aus der Tasche, wischt zärtlich über ein Dutzend Bilder: Weina mit ihren Geschwistern in ihrer Heimat, Weina mit ihren Enkeln am Niederrhein, Weina an der Uferpromenade in Grieth. „Findste nicht auch, sie sieht aus wie 45?“ Der Rhein und die chinesische Wollhandkrabbe haben die beiden zusammengebracht.

Weina, von der Rudi Hell Bilder auf dem Handy zeigt, ist die neue Frau in seinem Leben. Seit zwei Jahren schon wollen sie heiraten, doch Corona und die Folgen kamen dazwischen.

Vor einiger Zeit kam zu Rudi Hell ein chinesischer Wirt, der am Niederrhein ein Restaurant betrieb. Er fragte, ob der Fischer auch Wollhandkrabben fangen könne. Für Fischer Hell war das kein Problem, Wollhandkrabben gibt es reichlich im Rhein. Wann genau das Tier nach Deutschland kam, weiß niemand genau. Vermutlich brachten Handelsschiffe die Krabbe Anfang des 20. Jahrhunderts in ihrem Ballastwasser als Larven von China in europäische Häfen. Erst 1912 dokumentierten Wissenschaftler die Existenz des exotischen Krabbeltiers in Deutschland.

Anfangs bestaunten die Leute die einschließlich ihrer langen Beine bis zu 30 Zentimeter breiten Einwanderer. Charakteristisch für die Tiere sind ihre wollig behaarten Scheren, die manche als „Handschuhe“ (daher der deutsche Name) bezeichnen. Doch weil die Wollhandkrabbe in ihrer neuen Umgebung keine natürlichen Feinde hatte, verbreitete sie sich rasend schnell. „Eine Plage ist das“, schimpft Rudi Hell. Zwar ernähren sich die Allesfresser vor allem von toter Biomasse, aber wenn sie in Reusen gelangen, sind die darin gefangenen Fische eine leichte Beute für sie.

„Eine Plage ist das“, Rudi hell schimpft über die Wollhandkrabben im Rhein.
„Eine Plage ist das“, Rudi hell schimpft über die Wollhandkrabben im Rhein.

In den dreißiger Jahren versuchte man auch an der Elbe, der Krabbeltiere mit großangelegten Bekämpfungsaktionen Herr zu werden. Fuhrwerksladungen von Hand aufgesammelter Krabben transportierten Landwirte in ihre Schweineställe oder Hühnerhöfe. Doch alle Mühe war vergebens. Der Vormarsch der Schalentiere kam erst zum Erliegen, als die Industrie immer mehr Dreck in die Flüsse leitete. Kaum wurde das Wasser wieder sauberer, begann ein unheimlicher Krabbenaufschwung.

Aus Sicht von Umweltschützern wäre es am besten, die Tiere würden wie in Ostasien als Delikatesse entdeckt: der Feinschmecker als regulierender Feind. „Sie ist wirklich gut“, sagt Hell. „Fast wie Hummer. Am besten sind die Weibchen, wenn sie viele Eier haben.“ Bei einem Wollhandkrabben-Essen stellte der chinesische Wirt Rudi Hell seiner Mutter Weina vor. „Es hat gleich gefunkt.“

Nach getaner Arbeit gibt es zu Hause bei Rudi Hell einmal in der Woche Rhein-Aalsuppe. Nach eigenem Rezept und natürlich selbst gekocht.
Nach getaner Arbeit gibt es zu Hause bei Rudi Hell einmal in der Woche Rhein-Aalsuppe. Nach eigenem Rezept und natürlich selbst gekocht.

Er hat Sehnsucht nach Weina. „Seit zwei Jahren sind wir schon mit dem Heiraten dran.“ Erst waren die deutschen Behörden nicht zufrieden. Weil in China früher nicht alles von Geburt an schriftlich dokumentiert wurde, sind Weinas Papiere lückenhaft. „Also hatten wir geplant, in China zu heiraten, in zwei Stunden wäre das dort erledigt.“ Aber dann kam Corona. „Ich setz' mich doch nicht in den Flieger, um erst mal 28 Tage in Quarantäne zu landen. Da ist der ganze Urlaub gleich weg.“ An Weihnachten war Weina zuletzt am Niederrhein. „Lange Zeit“, seufzt Hell, als er sich ins Beiboot „Erpel“ hangelt.

Nach vier, fünf kräftigen Griffen am Tau sind wir zurück am Ufer. „Vorsicht, die Basaltbrocken sind glitschig, am besten einen ganz großen Schritt machen.“ Rudi Hell steht schon oben auf der Böschung und lächelt milde. „Wenn man Rheinfischer ist, braucht man keinen Fitnessbunker.“


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Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 05.11.2021 11:38 Uhr