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NYT-Fotograf Doug Mills : Das Weiße Haus als Bühne

Ein Bild das in Erinnerung bleibt. Ein Blitz zuckt am Himmel während Donald Trump die Air Force One in Maryland verlässt. Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif

Die Welt hat mit Spannung auf den Ausgang der Amerikanischen Wahlen gewartet. Der Pressefotograf Doug Mills begleitete Donald Trump in den vier Jahren seiner Amtszeit und berichtet hier von der täglichen Arbeit als Fotojournalist im Weißen Haus.

          5 Min.

          Die Temperaturen liegen knapp über dem Gefrierpunkt, aber es ist sonnig. Fotograf Doug Mills ist für die New York Times in Green Bay, Wisconsin, um Donald Trump im Endspurt des Wahlkampfes fotografisch zu begleiten.

          Henner Flohr
          Verantwortlicher Redakteur für die Bildredaktion.
          Ben Kuhlmann
          Bildredakteur.

          Mills ist schon lange im Geschäft. Vor fast 40 Jahren begann er als Pressefotograf bei der Nachrichtenagentur Associated Press. Nun ist er seit 18 Jahren für die New York Times im Einsatz und zuständig für deren fotografische Berichterstattung aus dem Weißen Haus. Zu Beginn seiner fotografischen Laufbahn war Ronald Reagan im Amt des Präsidenten. Heute, nach George Bush sen., Bill Clinton, George Bush jun. und Barack Obama, hat sich nicht nur die Fotografie verändert, auch die Bedingungen als Pressefotograf im Weißen Haus sind andere.

          Während Doug Mills am Laptop sitzt, um Bilder in die Redaktion nach New York zu schicken, versucht er sich mit einer Jacke vor der Sonne und mit zwei Masken vor einer möglichen Corona-Infektion zu schützen. Dabei berichtet er über die letzten vier Jahre seiner Arbeit und was ihn im Weißen Haus von den anderen Fotografen unterscheidet.

          Durch seinen Platz in der Air Force One ist Doug Mills auch bei den bedeutendsten  Reisen dabei. Wie hier in Singapur, beim ersten Treffen von Trump und Kim Jong Un.
          Durch seinen Platz in der Air Force One ist Doug Mills auch bei den bedeutendsten Reisen dabei. Wie hier in Singapur, beim ersten Treffen von Trump und Kim Jong Un. : Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif
          Ein fast schon voyeuristischer Blick unter den Tisch.
          Ein fast schon voyeuristischer Blick unter den Tisch. : Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif
          Mike Pence und Nancy Pelosi applaudieren Trump vor seiner Rede zur Lage der Nation im Jahr 2019.
          Mike Pence und Nancy Pelosi applaudieren Trump vor seiner Rede zur Lage der Nation im Jahr 2019. : Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif
          Präsident Trump betritt die Bühne einer Wahlkampfveranstaltung im Februar 2020.
          Präsident Trump betritt die Bühne einer Wahlkampfveranstaltung im Februar 2020. : Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif
          Es kommt nicht immer nur auf die Perspektive an. Doug Mills drückt manchmal auch Sekunden früher oder später ab als seine Kollegen. Wie hier beim Amtsbesuch von Emmanuel Macron im April 2018.
          Es kommt nicht immer nur auf die Perspektive an. Doug Mills drückt manchmal auch Sekunden früher oder später ab als seine Kollegen. Wie hier beim Amtsbesuch von Emmanuel Macron im April 2018. : Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif
          Egal aus welchem Winkel man auf ihn schaut, anhand seiner markanten Merkmale erkennt man Donald Trump sofort.
          Egal aus welchem Winkel man auf ihn schaut, anhand seiner markanten Merkmale erkennt man Donald Trump sofort. : Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif
          Während alle Augen auf Trump gerichtet sind, blickt Doug Mills auch auf Nebenschauplätze.
          Während alle Augen auf Trump gerichtet sind, blickt Doug Mills auch auf Nebenschauplätze. : Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif
          War es das? Donald Trump verlässt die Bühne nach einer Rede in einer Fabrik  in Wapakoneta, Ohio.
          War es das? Donald Trump verlässt die Bühne nach einer Rede in einer Fabrik in Wapakoneta, Ohio. : Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif
          Zwillinge bei einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump in Ocala, Florida.
          Zwillinge bei einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump in Ocala, Florida. : Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif
          Das wohl bedeutendste Bild für Doug Mills, als Donald Trump das Weiße Haus während der Ausschreitungen im Sommer 2020 in Washington verlässt.
          Das wohl bedeutendste Bild für Doug Mills, als Donald Trump das Weiße Haus während der Ausschreitungen im Sommer 2020 in Washington verlässt. : Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif
          Doug Mills hat im Weißen Haus viel Bewegungsfreiheit. Ein anderer Blick auf die Vereidigung der Bundesrichterin Amy Coney Barrett für den Supreme Court.
          Doug Mills hat im Weißen Haus viel Bewegungsfreiheit. Ein anderer Blick auf die Vereidigung der Bundesrichterin Amy Coney Barrett für den Supreme Court. : Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif
          Abschluss der Wahlnacht: Donald Trump beansprucht am frühen Morgen des 4.11.2020 vor Ende der Auszählung aller abgegebenen Stimmen den Wahlsieg.
          Abschluss der Wahlnacht: Donald Trump beansprucht am frühen Morgen des 4.11.2020 vor Ende der Auszählung aller abgegebenen Stimmen den Wahlsieg. : Bild: Doug Mills/NYT/Redux/laif

          Herr Mills, können Sie uns sagen, wo Sie sich gerade aufhalten und woran Sie arbeiten?

          Ich bin in Green Bay, Wisconsin. Die Temperaturen sind knapp über dem Gefrierpunkt. Der Präsident hält hier eine Wahlkampfveranstaltung und kam vor etwa 15 Minuten an. Ich habe begonnen Bilder von ihm zu machen, wie er das Flugzeug verlässt, auf die Bühne geht und seine Unterstützer begrüßt. Jetzt sitze ich am Laptop, unter meiner Jacke, weil es so sonnig ist, um die ersten Bilder nach New York zu schicken.

          Wenn Sie auf solche Fototermine gehen, was ist ihr Ziel und was möchten Sie den Redakteuren in New York schicken?

          Ich versuche mit meinen Fotos die Geschichte des Tages zu erzählen. Jeder Tag ist anders, jede Stadt, die der Präsident besucht, ist anders. Hier in Green Bay steigen die Zahlen der Corona-Infektionen momentan dramatisch. Deshalb trage ich zwei Masken, weil viele Menschen im Publikum dicht neben mir stehen und schreien, ohne eine Maske zu tragen. Obwohl die Veranstaltung im Freien stattfindet, ist es sehr gefährlich. Und es ist ja bekannt, was in Amerika gerade los ist. Die Pandemie ist besorgniserregend. Deshalb sind die Wahlkampfveranstaltungen in 2020 auch so anders. Wegen der Pandemie findet alles draußen statt. Da ist das Licht besser und ich bekomme bessere Bilder. Aber die Gefahr, sich mit Covid zu infizieren bleibt.

          Abgesehen von Corona, hat sich die Arbeit als Pressefotograf über die letzten Legislaturen verändert?

          Die hat sich massiv verändert. Als ich in den 1980ern damit angefangen habe im Weißen Haus zu arbeiten, habe ich noch auf Film fotografiert. Das hörte dann ja irgendwann in den späten 90ern auf. Früher hast du während einem Auftrag Bilder gemacht, jemandem die Filmrolle gegeben und gesagt „see you later“. Heute liegt alle Verantwortung auf dem Fotografen, den richtigen Moment festzuhalten, es in den Laptop zu spielen und an die Redaktion zu schicken. Bei der letzten Veranstaltung war es besonders schwierig, da es kalt war und viel geregnet hat.

          Sie haben während Trumps Präsidentschaft mehr Bewegungsfreiheit im Weißen Haus bekommen, als vorher unter Barack Obama. Können Sie uns sagen, wie Sie sich in diesem Umfeld bewegen?

          Fotojournalisten haben bei Donald Trump so viel mehr Zugang bekommen, um über das Weiße Haus zu berichten. Wir sehen den Präsidenten tagsüber viel häufiger und während der Fototermine haben wir mehr Freiheiten. Verglichen mit Obama haben wir viel mehr Möglichkeiten in Ruhe zu arbeiten. Bei der Obama-Regierung waren Fototermine drei bis fünf Minuten lang, bei Donald Trump können diese Termine 60 bis 90 Minuten dauern.

          Trump ist sich der Kraft von Bildern sehr bewusst. Er mag gute Fotos und er möchte die Nachrichten steuern und er sieht sich gern im Fernsehen. Und egal was er sagt, ich glaube, er mag auch die New York Times. Er schaut sich meine Bilder auf Instagram und Twitter an und teilt diese häufig über seine eigenen Kanäle.

          Weil er so bildfixiert ist, gewährt er uns mehr Möglichkeiten, glaube ich. Er weiß, wie sehr Bilder eine öffentliche Meinung bilden können.

          Es ist auffällig, dass Sie häufig einen anderen Standpunkt suchen, als die anderen Fotografen. Was ist das Besondere an ihrer Arbeitsweise? Kommt es gelegentlich vor, dass Sie das entscheidende Foto verpassen?

          Durchgängig arbeiten im Weißen Haus noch drei andere Fotografen-Kollegen. Neben der New York Times haben die Nachrichtenagenturen Associated Press (AP), Agence France-Presse (AFP) und Reuters einen festen Platz im Flugzeug des Präsidenten. Bevor ich zur New York Times kam, habe ich für die AP bereits etwa 15 Jahre gearbeitet. Im Lauf der Zeit habe ich gelernt, wie wertvoll es ist, manchmal einen Schritt zurück zu treten und das Geschehen mit einem etwas anderen, weiter gefassten, Blick zu dokumentieren. Die New York Times ermöglicht mir diese Freiheit. Wenn mal etwas nicht klappt, dann klappt es halt nicht. Ich probiere trotzdem weiter, nutze unterschiedliche Objektive und versuche das Licht anders einzusetzen. Ich fotografiere mit  spezielleren Objektiven, z.B. 50mm/1.4 oder 24mm/1.4, und manchmal gelingt es mir, den Moment anders einzufangen.

          Und man muss bei Trump gut aufpassen. Ich habe früh begonnen, ihn sehr genau zu beobachten, von der Gestik bis hin zu seinen Blicken. Davon profitiere ich. Häufig kann ich vorab erahnen, was er als nächstes tun wird und wohin er als nächstes gehen wird. Ich bin der Überzeugung, dass ich ihn und seine Angewohnheiten gut einschätzen kann. Ich würde sagen, Barack Obama war ein sehr fotogener Präsident, aber Donald Trump ist ikonisch. Du kannst ein Foto aus jedem denkbaren Winkel aufnehmen und trotzdem erkennt ihn jeder.

          Natürlich ist Amerika im Moment sehr gespalten. Wenn ich ein Foto in die sozialen Netzwerke lade, werde ich zu gleichen Teilen gelobt und kritisiert. Ich habe gelernt, das nicht persönlich zu nehmen – es ist mein Beruf. Ich bemühe mich einfach das zu zeigen, was tatsächlich passiert. Dabei bin ich stets fair. Mein Ziel ist nicht, jemanden mit meinen Fotos reinzulegen und ich denke, das ist eine Eigenschaft, die Trump erkennt und respektiert.

          Denken Sie denn, Sie können Trump besser einschätzen als seine Vorgänger? Oder haben Sie dieses Gefühl von Vertrautheit nach einer gewissen Zeit mit allen Präsidenten?

          Ich denke, ich kann Donald Trump besser einschätzen, als ich es mit Obama je konnte. Auch Barack Obama ließ sich gut einschätzen, aber bei Trump ist es anders – ich habe das Gefühl, dass sich seine Eigenheiten genau erkennen lassen - was er mag und was er nicht mag. Er kommt vom Fernsehen, das ist seine Herkunft und so denkt er sehr visuell. Außerdem mag er das Theater, das Drama.

          Das zeigt sich auch daran, dass viele Ereignisse am Weißen Haus dementsprechend inszeniert sind. Wie vermeiden Sie, diese Inszenierung in ihrer Fotografie zu übernehmen und wie behalten Sie einen objektiven, journalistischen Blick?

          Oh ja, natürlich. Häufig sind die Ereignisse sehr genau vorbereitet und auf eine bestimmte Inszenierung aus. Sie sollen dann ein bestimmtes Bild vermitteln. Das bemerke ich und in den meisten Fällen nehme ich zunächst auch dieses inszenierte Bild auf. Sofort danach wechsle ich aber den Aufnahmeort und versuche etwas anderes: Eine Aufnahme, die ich selbst baue.

          Haben Sie ein Lieblingsfoto aus der Präsidentschaft von Donald Trump?

          Das ist schwer zu sagen. Ein Bild, das vielen gefällt, ist die Szene, als er gerade die Air Force One im Regen verlässt und sich hinter ihm ein Blitz quer durchs Bild zieht. Und die Aufnahme, die während der Unruhen (im Juni 2020) entstand, als Trump zu Fuß das Weiße Haus verlassen hat und vorher alle Demonstranten aus der Umgebung hat vertreiben lassen. Jeder sprach danach von dem anschließenden Fototermin vor der Kirche, bei dem er die Bibel in die Luft hielt – eine Inszenierung, für die der Präsident kritisiert wurde. Für mich war die zentrale Nachricht des Tages, dass er seinen Bunker im Weißen Haus verlassen hat und zu Fuß durch den anliegenden Park gegangen ist. Meine Aufnahme von Trump und seinen Leuten vor dem Weißen Haus ist für mich sicher eine meiner Wichtigsten.

          Immer eine andere Sicht auf die Dinge. Doug Mills (l) bei der Arbeit im Jahr 2007.
          Immer eine andere Sicht auf die Dinge. Doug Mills (l) bei der Arbeit im Jahr 2007. : Bild: ddp

          Mehr von Doug Mills findet sich auf Twitter und Instagram.

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