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Alltag in besetzten Gebieten : Das Gesicht der jüdischen Siedlungen

Jüdische Kinder spielen in Havat Gilad in dem durch Israel besetzten Westjordanland. Die Siedlung besteht aus über einen Bergrücken verstreuten Häusern, umgeben von palästinensischen Dörfern. Bild: Reuters

Einem palästinensischen Staat stehen sie im Weg, anderen sind sie heilig. Eine Foto-Reise in die immer weiter wachsenden Siedlungen – und zu den Palästinensern, die dazwischen leben.

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          Israelische Siedlungen im besetzten palästinensischen Gebiet sind eines der größten Hindernisse, die einem palästinensischen Staat entgegen stehen. Viele dieser Siedlungen sind über die vergangenen Jahrzehnte genau deshalb an strategischen Orten inmitten des palästinensischen Gebiets errichtet worden. Rund zweihundert sind es mittlerweile.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Claus Eckert

          Da die israelische Regierung für Infrastruktur, Stromversorgung und militärische Sicherheit aufkommt, ist es kein Zufall, an welchen Punkten die Siedlungen stehen. Dabei war es nicht etwa eine rechte Regierung, sondern die Arbeitspartei, die den ersten religiös bewegten Siedlern erlaubte, aus verlassenen Militärposten Wohnorte zu machen. Das war kurz nach dem Sechstagekrieg 1967, als Israel die arabischen Staaten präventiv angriff, unter Annahme syrischer und ägyptischer Angriffsvorbereitungen. Jedenfalls eroberte Israel in diesem Krieg auch das Westjordanland, das bis dahin von Jordanien verwaltet worden war. Bis heute hält Israel dieses Gebiet seither militärisch besetzt. Über die nachfolgenden Jahrzehnte kam es zu einem großen Bevölkerungstransfer in besetztes Gebiet. Hunderttausende Israelis leben mittlerweile im Westjordanland.

          Im Alltag der besetzten Gebiete hat sich längst eine vielfältige Mischung aus Siedlern gebildet, die aus ihrer Sicht manchmal gar nicht schlecht mit den Palästinensern auskommen. Manche Siedler sind radikal, neigen zu Gewalt, doch ist das nur eine Minderheit. Viele Siedler sind streng nationalreligiös, aber viele auch nicht.

          Die Palästinenserin Bothena Turabe, Stadträtin der Stadt Sarra telefoniert an ihrem Arbeitsplatz zuhause. Sie sah die benachbarte Siedlung Havat Gilad über Jahre wachsen. „Nachts blickst Du hinüber, und Du denkst , dort ist nichts, am nächsten Morgen stehen weitere Caravans dort“. Sie sagt, es sei nicht das Land Israels, die Israelis hätten es gestohlen.

          Für die, die etwa in die Groß-Siedlung Maale Adumim nahe Jerusalem leben, war es vor allem der von der Regierung angebotene günstige Wohnraum, der sie dorthin verschlagen hat. Sie kommen mit Palästinensern in Kontakt, die in den Siedlungen als Bauarbeiter ein Auskommen gefunden haben, weil sie von den Siedlern besser bezahlt werden als anderswo im Westjordanland.

          Manche Siedler nehmen noch nicht einmal mehr wahr, dass sie in einer „Siedlung“ leben, so gut ist mittlerweile die Verkehrsanbindung nach Kern-Israel. Wenn Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor der Parlamentswahl am Dienstag nun abermals eine Annexion der Siedlungen und anderer Gebiete im Westjordanland ankündigt, scheint dies für viele nur folgerichtig.

          Für den palästinensischen Bauern Muhammad Awad aus Wadi Fukin, der sein Feld direkt hinter der Siedlung Beitar Illit bewirtschaftet, macht es indes keinen Unterschied, aus welchen Gründen Israelis in die besetzten Gebiete gezogen sind. „Es ist unmöglich, Frieden zu haben, weil sich der Hauptkonflikt um Land dreht, das sie gewaltsam genommen haben, wie kann ich also eine Person mein Land stehlen lassen, darauf leben und es genießen, und mit ihr in Frieden leben?“

          Vor der Wahl in Israel haben Reuters-Fotografen die immer weiter wachsenden Siedlungen besucht, und auch die Palästinenser, die dazwischen leben: Siedler dürfen wählen, Palästinenser nicht. Die Bilder zeigen große Lebensunterschiede – nicht nur zwischen Israelis und Palästinensern. 

          Ein Israeli deckt ein Dach auf einer Baustelle der Siedlung Havat Gilad im Westjordanland.
          Der  Palästinenser  Mohammad Awad aus Wadi Fukin steht vor der jüdischen Siedlung Beitar Illit.  „Es ist unmöglich, Frieden zu haben, weil sich der Hauptkonflikt um Land dreht, das sie gewaltsam genommen haben, wie kann ich also eine Person mein Land stehlen lassen, darauf leben und es genießen, und mit ihr in Frieden leben?“, fragt der 64-jährige.
          Der Gebetsraum der Synagoge der israelischen Siedlung Beitar Illit. Die Siedlung ist die größte und am schnellsten wachsende im durch Israel besetzten Westjordanland.
          Der ultra-othodoxe Jude David Hamburger arbeitet in seinem Geschäft in der israelischen Siedlung Beitar Illit. Die Siedlung wurde 1990 für die ultra-orthodoxe Bevölkerung errichtet, aber „nicht aus ideologischen Gründen“, wie der 36-jährige sagt. Es gebe keine andere Möglichkeiten ein Haus außerhalb der Siedlung zu erwerben.
          Ein Junge radelt durch die israelische Siedlung Beitar Illit.
          Ansicht der israelischen Siedlung Maale Adumim, im besetzten Westjordanland, sieben Kilometer östlich von Jerusalem.
          Der 74-jährige Palästinenser Ali Farun steht an der Mauer, die Al-Eizariya und die Siedlung Maale Adumim (Hintergrund) im besetzten Westjordanland trennt. „Es spielt keine Rolle, ob das Jordantal annektiert wird, oder besetzt bleibt - es bleibt so oder so unter ihrer Kontrolle“.
          Palästinensische Kinder spielen vor ihrer Behausung in Al-Eizariya, vor den Mauern der Siedlung Maale Adumim im West-Jordanland.
          Israelis erfrischen sich im Schwimmbad der Siedlung Maale Adumin, unweit Jerusalems. Für die Bewohner bietet sie bezahlbaren Wohnraum in Stadtnähe.
          Der palästinensische Bauer Azmi Musleh spielt mit seiner Tochter und seinem Enkel vor seinem Grundstück in Ein Yabrud, nahe der Siedlung Ofra mit einem Hasen. „Das Land ist meine Herz und meine Seele. Es ist das Herz und die Seele meiner Familie. Wir bauen hier seit Generationen Sesam, Feigen und Oliven an.“
          Eine israelische Familie im Garten der Siedlung Ofra im bestzten Westjordanland. Ofra gehört zu den ersten Siedlungen die von Israel nach der Besetzung 1967 errichtet wurden.
          Ein Mann liest in einem Rabbinerseminar in der Siedlung Ofra im Westjordanland. Ofra gehört zu den ältesten Siedlungen nach der Besetzung des Westjordanlands.
          Die Satellitenaufnahme zeigt die israelische Siedlung Maale Adumin 1997
          Die Satellitenaufnahme zeigt die israelische Siedlung Maale Adumin 2018

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