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Zumindest der Senior würde das tatsächlich auch heute noch Wort für Wort unterschreiben. Es gehe nicht um Fanatismus, sondern um Standpunkte - in der Kunst wie in der Politik, und der Begriff "Standpunkt" erscheine ihm sogar noch zu schwach.

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          Zumindest der Senior würde das tatsächlich auch heute noch Wort für Wort unterschreiben. Es gehe nicht um Fanatismus, sondern um Standpunkte - in der Kunst wie in der Politik, und der Begriff "Standpunkt" erscheine ihm sogar noch zu schwach. "Adenauer hat in Kauf genommen, für eine Entscheidung im Ernstfall nicht wiedergewählt zu werden; heute dagegen denken viele Politiker in Wahlterminen und Vierjahresrhythmen." Dabei gebe es für ihn nichts Schlimmeres, als sich selbst zu verraten: "Ich weiß nicht, ob ich persönlich in extremen Situationen, etwa unter der Folter, immer die Kraft hätte zur Selbstbeharrung und zum Widerstand, wie das meine Verwandten hatten; aber dies zumindest anzustreben bleibt das Ziel."

          Für ihn bedeutet das im Zweifel auch, den Konsens aufzukündigen und sich gegen den Zeitgeist zu stellen. Die wirklich bedeutenden Köpfe hätten eher eine neue Zeit eingeläutet, indem sie Unerhörtes wagten: "Denken Sie nur an Johann Sebastian Bach - den hat man wegen der Kühnheiten in seinen Passionsvertonungen beinahe aus der Kirche geworfen!" Für ihn als nachschöpferisch tätigen Menschen liegt darin eine künstlerische Maxime: "Wenn man sich für jeden Moment einer Interpretation im wahrsten Sinne totschlagen lassen kann, weil man jeden Ton dreimal umgewendet hat, dann steht man auch der Kritik sehr viel selbstbewusster gegenüber."

          En passant hat der bekennende "homo politicus" mit dieser Äußerung die Wende zu seinem zweiten und eigentlichen Lebensthema, der Musik, vollzogen und zugleich klargemacht, wie eng politische, philosophische und künstlerische Fragen in seinem Denken miteinander verwoben sind. Es verwundert demnach nicht, dass er immer wieder als "Bekenntnismusiker" apostrophiert worden ist - er selbst sieht sich so und wollte diese Bekenntnisse ursprünglich sogar als Komponist in eigene Töne fassen. Er sei dann aber an dem bis in die siebziger Jahre herrschenden Dogma des Serialismus gescheitert: "Statt um Konfession ging es da um ein fast mathematisch-neutrales Durchorganisieren von Tönen und Rhythmen. Das war und ist nicht meine Welt, und ich halte den zwischen Schönberg und Boulez eingeschlagenen Weg der seriellen Musik nach wie vor für eine Sackgasse. Teilweise, wie etwa bei ,Moses und Aron', ist das natürlich großartig, aber es bleibt eine Sackgasse."

          Weit mehr kann er dafür mit den großen Bekenntniswerken der Musikliteratur anfangen. Sein Repertoire reicht folgerichtig von den Bachschen Passionen über die Oratorien der klassisch-romantischen Epoche bis zu Mahlers Weltanschauungssymphonik. Essentiell für deren Verständnis erscheinen ihm dabei die Forschungen zur Hermeneutik und teilweise verschlüsselten Programmatik dieser Werke, wie sie beispielhaft von dem deutsch-griechischen Musikologen Constantin Floros angestoßen wurden. Denn nur, wenn er das Anliegen und die Botschaft der Musik verstehe, könne er sie auch überzeugend aufführen. Im Ernstfall bedeutet das für ihn sogar, sich mit bestimmten Stücken so lange Zeit zu lassen, bis er deren Botschaft bis ins Einzelne verstanden habe. So erging es Enoch zu Guttenberg etwa mit Beethovens "Missa solemnis", die ihn rund vierzig Jahre in Atem gehalten hat, bevor er sich jüngst an Aufführungen und eine CD-Einspielung des Werkes wagte.

          Obwohl Kollegenschelte unter Dirigenten verpönt ist - Enoch zu Guttenberg hält es da gern salomonisch mit dem Bibelspruch "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen" -, befallen ihn doch regelmäßig Zweifel, selbst bei einigen ganz Großen seines Fachs: Zweifel, dass sie sich zum geistigen Kern der Werke vordringende Gedanken überhaupt machen. "In dem Moment aber, wo ich Beethoven oder eine große Bruckner- oder Mahler-Symphonie nur als abstraktes Kunstwerk aufführe, mache ich etwas falsch. Ich verlange von keinem Dirigenten, dass er selbst von Gott erzählt; aber ich verlange von ihm, dass er Bach so klar und eindringlich wie möglich von Gott erzählen lässt." Dem Bekenntnismusiker ist es folgerichtig stets ums Verstandenwerden zu tun. Er beruft sich hierbei ausdrücklich auf die Erkenntnisse eines weiteren großen Vorbilds: des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt - für ihn der wichtigste und noch immer neue Impulse gebende Vorkämpfer der historisch informierten Aufführungspraxis, der mit seiner Theorie der "Klangrede" die Musik neu zum Sprechen gebracht hat.

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