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Dass Siegfried Unseld ausgerechnet 1970 seine Beobachtungen aufzuschreiben beginnt, ist kein Zufall. Er selbst erklärt es mit den Ereignissen der Jahre davor: 1967 und 1968 hatte er zwischen der Studentenbewegung auf der einen und ...

          Dass Siegfried Unseld ausgerechnet 1970 seine Beobachtungen aufzuschreiben beginnt, ist kein Zufall. Er selbst erklärt es mit den Ereignissen der Jahre davor: 1967 und 1968 hatte er zwischen der Studentenbewegung auf der einen und dem konservativen Börsenverein des Deutschen Buchhandels, in dessen Aufsichtsrat er seit 1963 saß, auf der anderen Seite zu vermitteln versucht. Von den einen als "Kabinettspolitiker" beschimpft, der linke Bücher verlege, aber mit dem rechten Establishment kuschele, von den anderen seit langem als der wilde Mann der Linken verschrien, der die standesgemäße Eintracht und würdevolle Ruhe störe - so beschreibt ein zeitgenössischer Bericht Unselds damalige Position.

          Seinen Aufzeichnungen stellt er einen Satz Goethes voran: "Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist." Dieser Verleger zwischen allen Stühlen ist sich im Klaren, dass er mit diesen Beobachtungen seine Person wie auch seine Handlungen für die Nachwelt einordnen und bestimmen kann.

          Unseld musste daran gelegen sein, denn als Hausverleger der protestierenden Studenten war er zu dieser Zeit selbst zum Problem geworden. Kaum ein Verlag hatte ein Ideenkonglomerat geliefert, das die Linke geistig und politisch ähnlich prägte - diese spezifische Mischung aus Kritischer Theorie, Psychoanalyse und Literatur, forciert in der 1963 begründeten "edition suhrkamp". Nun aber spielten die Lektoren die linken Theorien der Bücher des Verlags, von Marcuse über Adorno, Bloch bis zu Habermas, gegen den Verlag aus, den Unseld als kapitalistisches Unternehmen führte. Rudolf Augstein, Gründer und Eigner des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", trug dem damaligen Zeitgeist auch tatsächlich Rechnung, indem er seinen Mitarbeitern die Hälfte des Blattes überschrieb. Ähnlich wie Augstein stand auch Unseld vor dem Dilemma, als linker Verleger eine Literatur zu drucken, die in letzter Konsequenz seine Abschaffung forderte: "Merde allen Zulieferanten der bürgerlichen Produktions- und Publikationsapparate", proklamierte ein auf der Buchmesse 1968 verteiltes Flugblatt.

          Schon 1967 waren die Studentenproteste auf die Verlagsbranche übergesprungen, als auf einem Treffen der Gruppe 47 einundsiebzig Schriftsteller eine Resolution unterschrieben, worin sie sich verpflichteten, künftig nicht mehr in Blättern des Springer-Konzerns zu publizieren. Sie forderten sogar, dass ihre Bücher nicht länger bei Springer beworben werden sollten. Die Verlagsleiter von Hanser, Luchterhand, Piper, Rowohlt und Suhrkamp stimmten diesem Boykott zu. Als während der Messe schließlich Studenten den Springer-Stand "Welt der Literatur", das Literaturblatt der Zeitung "Die Welt" sowie den Ullstein Verlag in Halle 6 stürmten, reagierte die Polizei energisch, es kam zu Verhaftungen. Unseld gelang es, die Konfrontation zu entschärfen. Im folgenden Messejahr brechen die Tumulte abermals aus, und wieder gerät Unseld zwischen alle Fronten. Doch anders als 1967 findet die Revolution diesmal nicht mehr nur vor seiner Tür statt, sondern auch in Unselds eigenem Haus, eine Zäsur in der Geschichte des Verlags.

          Die neun aufständischen Lektoren aber haben die Rechnung ohne die Autoren gemacht. Denn die, das hat Unseld sofort entdeckt, kommen in der neuen Verfassung überhaupt nicht vor, ebenso wenig wie die Mitarbeiter aus den anderen Bereichen des Verlags. Rasch fährt Unseld deshalb von Walser weiter zu Max Frisch nach Berzona im Tessin. Auch der Schweizer hält die verlangte "Lektoratsverfassung" für "nicht möglich". Zurück in Frankfurt, bittet der Verleger sechs Tage später Lektoren und Autoren zum Gespräch in die Verlagszentrale: Günter Eich, Peter Weiss, Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Peter Handke, Uwe Johnson und viele andere tagen mit Unseld und den Lektoren bis in die Morgenstunden.

          Genüsslich zitiert Unseld die Reaktionen seiner Großen im Portfolio. Da kann es Adorno kaum glauben, dass "die Kinder", wie er die um die dreißig Jahre alten Lektoren nennt, jegliches Maß verloren hätten. Die Lektoratsversammlung hält der Philosoph für einen "Rückfall in den primitivsten Sozialismus". Anders als Autoren und Verleger seien nämlich Lektoren im Marxschen Sinne "dritte Personen". Unseld versteht nicht, und Adorno erklärt noch einmal: Sie sind Parasiten "wie Zuhälter und Dirnen". Auch Habermas hält die Forderungen der Lektoren für unzumutbar, weil eine Beschränkung der Entscheidungskompetenz den Verlag existentiell bedrohe. Einzig Peter Handke zeigt "kein großes Interesse am Gespräch".

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