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Zinswende : Erste Banken lockern die Negativzinsen

Wie reagiert der Finanzplatz auf die Zinswende? Bild: dpa

So ganz viel haben Verbraucher bisher nicht von der Zinswende. Sie müssen mehr Bauzinsen zahlen, die Kosten für Ratenkredite steigen – aber fürs Ersparte gibt es so wenig wie ehedem. Doch bei den ärgerlichen Negativzinsen fürs Girokonto gibt es offenbar Bewegung.

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          Die Zinswende hat begonnen - aber so ganz viel haben die meisten Verbraucher davon bislang noch nicht. Im Gegenteil: Was sich bis jetzt vor allem abzeichnet, ist: Diejenigen Zinsen, die Verbraucher zahlen müssen, steigen, aber diejenigen, die sie bekommen, weisen ein erstaunliches Beharrungsvermögen auf ihren Tiefständen auf.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Bauzinsen beispielsweise sind seit Jahresbeginn um gut 1,6 Prozentpunkte auf 2,6 Prozent gestiegen, wie der Kreditvermittler Interhyp berichtet. „Blicken wir auf die vergangenen zehn Jahre zurück, so haben sich die Bauzinsen zu keinem Zeitpunkt so schnell so stark nach oben bewegt wie jetzt“, sagt Interhyp-Vorstandsmitglied Mirjam Mohr.

          Auch die Zinsen für Ratenkredite, die all jene Leute berappen müssen, die sich eine Küche auf Pump gekauft haben, ihr Auto nach und nach abstottern oder kreditfinanziert im Urlaub waren, lassen schon erste Anzeichen für eine Zinswende erkennen. Max Herbst von der FMH-Finanzberatung berichtet immerhin von einem leichten Anstieg nach einer Ära der Abwärtsbewegung: Seit April seien die Zinsen für Ratenkredite auf 36 Monate um rund 20 Basispunkte auf 3,85 Prozent gestiegen.

          Nur bei den Sparzinsen tut sich: praktisch nichts. Die Zinsen für Festgeld auf ein Jahr liegen laut FHM bei 0,9 Prozent. Da hängen sie schon seit geraumer Zeit fest. Und auch das sind eher noch die guten Konditionen: Bei vielen Banken gibt es fürs Ersparte selbst bei einer längeren Zinsbindung fast gar nichts.

          Dabei sind die Kapitalmarktzinsen in Deutschland durchaus schon gestiegen. Erstmals seit fast sieben Jahren ist die Rendite der Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit am Dienstag über die Marke von 1 Prozent geklettert. Noch Ende vorigen Jahres war sie negativ gewesen, wie lange Zeit in der Niedrigzinsphase.

          An der Bundesanleihe hängen die Bauzinsen - deshalb ist bei denen die Zinswende schon sehr deutlich zu spüren. Die Sparzinsen dagegen hängen eher an den Leitzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) und an Angebot und Nachfrage des Ersparten bei den Banken.

          Die EZB lässt immer mehr durchblicken, dass es im Juli eine erste Leitzinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte geben könnte. Gerade hat das noch mal EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel bekräftigt. Bei den langfristigen Zinsen, so heißt es zumindest am Kapitalmarkt, spürt man wohl auch diesseits des Atlantiks schon leichte Auswirkungen der ersten Zinsbewegung bei Amerikas Notenbank Federal Reserve.

          Höhere Freibeträge ein „erster Schritt“ bei den Negativzinsen

          Spannend wird, wie Deutschlands Banken mit den Negativzinsen umgehen, die sie von ihren Sparern verlangen, in der Regel von einem bestimmten Freibetrag an. Hier berichtet Horst Biallo vom gleichnamigen Verbraucherportal von ersten positiven Anzeichen: In Biallos außerordentlich umfangreichen Verzeichnis von Banken mit Negativzinsen sei zwar noch nicht zu beobachten, dass Banken ihre Negativzinsen ganz gestrichen hätten. Wohl aber zeichne sich ab, dass die Regelungen zu den Freibeträgen, die immer weiter gesunken waren, wieder etwas großzügiger werden könnten: „Das ist wohl der erste Schritt“, meint Biallo.

          Konkretes Beispiel: Die Volksbank Stendal in Sachsen-Anhalt. Das genossenschaftliche Institut hatte bislang von seinem Kunden auf dem Girokonto wie viele andere Institute ein sogenanntes Verwahrentgelt von 0,5 Prozent im Jahr verlangt. Und zwar von einem vergleichsweise geringen Freibetrag von 25.000 Euro an. Zum 1. Mai nun wurde die Regelung großzügiger gestaltet: Der Freibetrag wurde immerhin vervierfacht, auf 100.000 Euro. Das ist ein Wert, den auch die großen Banken wie die Deutsche Bank und die Commerzbank einst ansetzten, bevor sie ihn immer weiter herabgesetzt haben.

          Inwieweit es dabei schon die Aussicht auf die Zinswende war, die die Volksbank bewegt hat, ihre Negativzins-Regelung zu lockern, oder die Angst vor möglichen rechtlichen Schwierigkeiten, dazu wollte das Institut sich auf Anfrage nicht im Detail äußern. Eine Sprecherin sagte lediglich: „Wir passen regelmäßig unsere Preise und Konditionen an Marktgegebenheiten und Wettbewerbssituationen an.“

          Ähnliche Entwicklungen gibt es offenbar beispielsweise bei der Oldenburgischen Landesbank und der VR Bank Kur- und Rheinpfalz.

          Die Zahl der Banken und Sparkassen mit Negativzinsen war insgesamt in letzter Zeit nicht mehr ganz so stark gestiegen wie in der Vergangenheit. Möglicherweise, so war spekuliert worden, haben dabei auch die rechtlichen Auseinandersetzungen um die Negativzinsen mit den Verbraucherzentralen eine Rolle gespielt. Zwei Gerichte der unteren Instanzen hatten Negativzinsen für unzulässig erklärt, das Landgericht Berlin und das Landgericht Düsseldorf. Das hatte in Bankkreisen die Frage aufgeworfen, ob Banken womöglich schon Rückstellungen für eine mögliche Rückzahlung von Negativzinsen bilden sollten.

          Verwahrentgelte zum Teil unmittelbar an EZB-Zinsen gekoppelt

          Für das weitere Schicksal der Negativzinsen dürfte die EZB eine wichtige Rolle spielen: „In den Preisverzeichnissen vieler Banken ist die Höhe des sogenannten Verwahrentgelts explizit an den negativen Einlagenzinssatz der EZB gekoppelt“, sagt Oliver Maier, Geschäftsführer der Verivox Finanzvergleich GmbH. Bei diesen Kreditinstituten reduziere sich der Negativzins also automatisch, sobald die Notenbank ihrerseits den Referenzzinssatz anhebe: „Auch bei vielen anderen Banken dürften die Negativzinsen sinken oder auch ganz wegfallen, wenn die EZB den Strafzins auf Bankeinlagen zurückfährt.“

          Das müsste nicht unbedingt in weiter Ferne liegen: Nach den bisherigen Äußerungen aus der EZB ist jedenfalls nicht auszuschließen, dass der Einlagenzinssatz der Notenbank im Juli von minus 0,5 auf minus 0,25 Prozent angehoben wird. Die Negativzinsen könnten dann noch in diesem Jahr ganz verschwinden, meint etwa die Bank Goldman Sachs. Wenn die Banken sich an ihre eigenen Regelungen halten, die das Verwahrentgelt für die Kunden häufig formal an den Einlagenzinssatz der EZB gebunden haben, dann müsste dieses für die Bankkunden so ärgerliche Phänomen bald verschwinden. Da dürften viele aufatmen. Hauptsache allerdings, die Banken haben nicht mittlerweile so viel Gefallen an den Verwahrentgelten, Guthabengebühren und Negativzinsen gefunden, dass sie diese dann doch auf irgendeinem Weg zu festen Dauereinrichtungen machen - unabhängig von der EZB.

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