https://www.faz.net/-gv6-80p80

„Zinspilot“ : Eine Internetseite fürs Tagesgeld-Hopping

Tagesgeldkonten gehören zu den beliebtesten Anlagen der Deutschen: Eine Internetseite will das Hopping zwischen den besten Zinsen erleichtern. Bild: dpa

„Zinspilot“ heißt ein Service, mit dem man sein Geld immer auf das Tagesgeldkonto mit den höchsten Zinsen verfrachten kann.

          3 Min.

          Tagesgeldkonten gehören zu den beliebtesten Anlageformen der Deutschen: Man bleibt flexibel, und die Zinsen sind zumindest ein bisschen höher als beim Sparbuch. Es gibt nur ein Problem: Bei welcher Bank es die besten Tagesgeldzinsen gibt, das wechselt immer mal. Außerdem gibt es für Neukunden oft höhere Zinsen als für Bestandskunden. Mit dem Ergebnis, dass man „Tagesgeld-Hopping“ betreiben muss, wenn man die besten Zinsen will – und dabei zumindest am Anfang dauernd neue Konten eröffnen und das Geld dann ständig hin und her überweisen muss.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das will jetzt ein Unternehmen aus Hamburg mit einem neuen Internet-Angebot erleichtern. Die Firma Deposit Solutions, an der die Otto-Gruppe beteiligt ist, hat eine Internetseite entwickelt, über die man mit nur einem Konto „Tagesgeld-Hopping“ betreiben kann: Man kann also sein Geld nach Belieben von einem zum anderen Anbieter hin und her schieben, ohne jedes Mal ein neues Konto eröffnen und sich über ein Postident-Verfahren oder eine Video-Identifizierung anmelden zu müssen.

          „Zinspilot“ nennt sich das Angebot. In der Zukunft soll der Kunde zwischen 20 und 30 verschiedenen Sparangeboten auswählen können, kündigt Geschäftsführer Tim Sievers an. Technisch funktioniert das so, dass eine sogenannte Abwicklungsbank das Geld treuhänderisch für den Kunden bei der jeweiligen Tagesgeldbank anlegt.

          Die Idee klingt genial – hat aber so ihre Tücken. So steht und fällt die Nützlichkeit dieser Internetseite mit der Zahl der Banken, die überhaupt mitmachen – und vor allem der Frage, ob genau diejenigen Banken dabei sind, die gerade die höchsten Tagesgeldzinsen zahlen.

          Zum Start hat das Unternehmen jedenfalls nur zwei Banken für die Plattform gewinnen können: die Hanseatic Bank in Hamburg, eine Tochtergesellschaft der französischen Société Générale, an der wie bei der Plattform selbst der Otto-Konzern beteiligt ist. Und die Creditplus in Stuttgart, eine Tochtergesellschaft der französischen Crédit Agricole. Beide sind rechtlich deutsche Banken, die unter die hiesige Einlagensicherung fallen. Eine dritte Bank, diesmal aus dem Ausland, soll noch im März hinzukommen.

          Banken haben kein Interesse

          Im Augenblick liegt das beste Angebot für Tagesgeld auf der Plattform bei 0,45 Prozent - das dürfte Bankkunden nun nicht eben umhauen. Aber, so versichert Gründer Tim Sievers, man sei ja eben noch im Aufbau. Für Festgeld, auf sechs Monate angelegt, bekommt man immerhin 1,1 Prozent pro Jahr.

          Allerdings gibt es zwei grundsätzliche Schwierigkeiten, die sich so schnell nicht in Luft auflösen dürften: Die großen Anbieter von Tagesgeldkonten in Deutschland, allen voran die ING-Diba, nutzen diese Konten, um neue Kunden zu gewinnen. Mit denen wollen sie dann andere Geschäfte machen, an denen sie mehr verdienen – auch darum gibt es für Neukunden bessere Konditionen. Diese Banken dürften kein Interesse daran haben, mit einer Plattform für Tagesgeld-Hopping zusammenzuarbeiten.

          Schließlich verlören sie damit nicht nur einen Teil der Kundenkontakte. Sie würden sich auch durch die leichteren Wechselmöglichkeiten selbst zusätzlich unter Wettbewerbsdruck setzen – das mögen Banken nicht so. Auch die Deutsche Bank und die Commerzbank sollen aus solchen Gründen nicht sonderlich interessiert daran sein, sich auf diese Weise zusätzliche Spareinlagen zu verschaffen.

          Zinspilot bei ausländischen Banken noch skeptisch

          Eine andere Gruppe von Banken bietet im Moment relativ hohe Zinsen – bei denen ist sich aber nun wiederum Zinspilot nicht so sicher, ob man sie überhaupt dabei haben will. Das sind solche ausländischen Banken, deren Heimatländer nicht das höchste Vertrauen der Sparer genießen – und bei denen die höheren Zinsen deshalb eine Art Risikoprämie beinhalten.

          Die aktuelle EZB-Politik sorgt für niedrige Zinsen.

          Beispielsweise die österreichischen Tochtergesellschaften russischer Banken: Über die kann zumindest niemand abschließend sagen, ob die Sanktionen der Europäischen Union irgendwann negative Auswirkungen haben könnten. „Wir werden die ausländischen Banken, die wir auf unsere Plattform nehmen, sehr genau auswählen“, sagt Zinspilot-Gründer Sievers. „An rumänische und bulgarische Banken beispielsweise denken wir im Augenblick nicht.“

          Das Unternehmen will sich damit auch von der Plattform „Weltsparen.de“ abgrenzen. Die hat es sich zum Ziel gesetzt, deutschen Sparern die Geldanlage im Ausland bei Banken mit deutlich höheren Zinsen zu ermöglichen. Neuerdings bietet allerdings auch die deutsche Hanseatic Bank ihr Festgeld über diese Plattform an – also genau jene Bank, die mit ihrem Tagesgeld bei Zinspilot dabei ist. Für Verunsicherung bei Sparern hatte Weltsparen.de voriges Jahr gesorgt, weil das Unternehmen auch Anlagen bei der portugiesischen Bank Espírito Santo und der bulgarische Fibank vermittelt hatte.

          Erstere musste vom portugiesischen Staat gerettet werden, und in Bulgarien, dem Heimatland der Fibank, zog der Kollaps der Corpbank eine landesweite Krise des Bankensektors nach sich. Geld sollen die deutschen Sparer dort allerdings nicht verloren haben. Grundsätzlich gilt für alle Banken innerhalb der EU eine gesetzliche Einlagensicherung bis 100.000 Euro. Es ist allerdings auch bei Banken aus der EU nicht auszuschließen, dass Sparer auf ihr Geld warten müssen, wenn es zu einer Bankenschieflage kommt.

          Weitere Themen

          Überwach mich!

          FAZ Plus Artikel: Autoversicherung : Überwach mich!

          Autofahrer können bei der Versicherung sparen, wenn eine Box ihre Fahrweise beobachtet. Gerade für Fahranfänger sind solche „Telematik-Tarife“ attraktiv. Nur: Lohnt sich das auch?

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.