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Zinserhöhung : Die EZB dürfte auf Kurs bleiben

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Bild: F.A.Z.

Trotz der scharfen Korrektur an den Aktienmärkten gehen Volkswirte davon aus, dass die EZB den Leitzins am Donnerstag erhöhen wird. Sie vermuten, dass es EZB-Präsident Trichet ganz recht ist, wenn die „himmelstürmende Hausse etwas Luft ablässt.“

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          Die scharfe Korrektur an den Aktienmärkten wird die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag nach Einschätzung von Bankvolkswirten nicht von einer Anhebung ihres Leitzinses von 3,5 auf 3,75 Prozent abhalten. „Solange der Kursverfall nicht deutlich stärker als bislang wird und solange nicht Angst vor einer allgemeinen Liquiditätsklemme aufkommt, wird die EZB ihrem Kurs treu bleiben und die Liquidität weiter verteuern“, erwartet Elga Bartsch, eine Volkswirtin bei der Investmentbank Morgan Stanley. Sie gibt damit die allgemeine Einschätzung wieder.

          „Die EZB wird die Kurskorrektur an den Finanzmärkten vermutlich mit einiger Befriedigung zur Kenntnis nehmen“, meint Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland bei Unicredit-HVB. Zur Erklärung verweist er auf frühere Äußerungen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.

          Wie viele andere Währungspolitiker hatte Trichet mehrfach gewarnt, dass sich die Akteure an den Finanzmärkten auf eine Neubewertung der Risikoprämien einstellen müssten - das bedeutet: an vielen Finanzmärkten auf niedrigere Kurse. Trichet hatte damit auf die lang laufende Hausse an den Aktienmärkten und die starke Abschmelzung der Risikoprämien an den Kreditmärkten angespielt. In jüngster Zeit hatten Trichet und andere Fachleute besonders vor den Risiken der sogenannten Carry Trades gewarnt.

          Nachfrage nach Yen und Franken gestiegen

          Inzwischen sind die Risiken dieser Zins-Wechselkurs-Spekulationen schlagend geworden. Jedenfalls haben der japanische Yen und der Schweizer Franken in den vergangenen Tagen zum Euro sprunghaft aufgewertet. Dahinter steht Folgendes: Bis vor kurzem hatten Investoren niedrig verzinste Yen- und Franken-Kredite aufgenommen und damit zum Beispiel Aktienkäufe in anderen Währungen finanziert.

          Angesichts der allgemeinen Unsicherheit werden diese riskanten Engagements nun wieder aufgelöst und die Kredite getilgt. Deshalb ist an den Devisenmärkten die Nachfrage nach Yen und Franken kräftig gestiegen. Das lässt die beiden Währungen aufwerten - was wiederum die Gewinne vieler Carry Trader schmälert. Gleichzeitig verstärkt die Auflösung der Carry-Trade-Positionen auch den Verkaufsdruck an den Aktien- und anderen Finanzmärkten.

          Panik verhindern

          An den Märkten wird bereits seit längerem als ein mögliches, wenngleich wenig wahrscheinliches Risikoszenario in Gedanken durchgespielt, dass sich diese Verkaufswellen gegenseitig verstärken und schließlich zu einer allgemeinen Panik führen könnten . „Bislang handelt es sich bei dem Kursverfall allerdings noch um eine durchaus gesunde Korrektur nach einem ungewöhnlich langen Höhenflug“, meint Rees. „Der EZB dürfte ganz recht sein, wenn die bis vor kurzem himmelstürmende Hausse etwas Luft ablässt.“

          Solange die Korrektur nicht ungeordnet ablaufe, gebe es für die EZB keinen Handlungsbedarf. Elga Bartsch sieht das ähnlich. Würde die EZB auf die bisher noch ziemlich geordnet verlaufenden Talfahrt der Kurse mit einer Verschiebung der avisierten Leitzinserhöhung reagieren, könne dies an den Märkten leicht als Panik interpretiert werden - und dann genau die Panik verursachen, die eigentlich verhindert werden solle, meint die EZB-Beobachterin. Für gut möglich hält sie allerdings, dass Trichet die Pressekonferenz nach der Sitzung des EZB-Rats am Donnerstag nutzt, die Märkte zu beruhigen.

          „Greenspan-Put“

          Zur Nervosität an den Finanzmärkten trägt bei, dass die amerikanische Notenbank Fed seit gut einem Jahr nicht mehr von Alan Greenspan geführt wird. Greenspan stand im Ruf, Krisen an den Finanzmärkten mit einer kräftigen Senkung des Dollar-Leitzinses zu begegnen. Es ist nicht klar, ob sein Nachfolger Ben Bernanke ebenfalls dieser Strategie zuneigt. In Fachkreisen ist sie in Anspielung auf verlustbegrenzende Verkaufsoptionen als „Greenspan-Put“ bekannt.

          Rees und Bartsch gehen davon aus, dass es keinen Bedarf an so begründeten Zinssenkungen geben wird. Beide erwarten vielmehr, dass die EZB ihren Leitzins im Sommer - wahrscheinlich im Juni - wegen latenter Inflationsgefahren auf 4 Prozent anheben wird. Sollte die Wirtschaft weiterhin kräftig wachsen und sich dadurch inflationärer Preisdruck aufbauen, könnte der Euro-Leitzins in der zweiten Jahreshälfte sogar auf 4,25 Prozent steigen, meinen die beiden Volkswirte.

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