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Demographie-Kommentar : Die Macht der Babyboomer

Viele Babys liegen zusammen auf der Neugeborenenstation im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle in ihren Bettchen, aufgenommen 2011. Bild: dpa

Zinsen, Löhne, Inflation: Die Demographie hat entscheidenden Einfluss auf deren Entwicklung. Liegt darin die Antwort auf eines der größten wirtschaftlichen Rätsel unserer Zeit?

          Zu den häufig diskutierten Rätseln unserer Zeit gehört die Frage, warum trotz eines lange andauernden Konjunkturaufschwungs in vielen Industrienationen die Inflationsrate, das Zinsniveau und die Wachstumsrate der Löhne so niedrig sind. Häufig unterschätzt wird in der Debatte die Bedeutung der Generation der Babyboomer, die sich seit mehreren Jahrzehnten auf dem Arbeitsmarkt befinden und nun allmählich in den Ruhestand treten. Die Babyboomer erklären nicht alles – aber sie nehmen Einfluss auf langfristige Trends.

          Beispiel Arbeitsmarkt: Viele Mitglieder dieser Generation befinden sich heute, dank einer hohen beruflichen Qualifikation auf ansprechend bezahlten Stellen, in der Spätphase ihres Arbeitslebens. Diese Tatsache wirkt in zweierlei Hinsicht dämpfend auf das Lohnwachstum. Einerseits sind die Lohnzuwächse bei älteren Arbeitnehmern ab 55 Jahren häufig unterdurchschnittlich, da sie meist nicht mehr viel in berufliche Weiterbildung investieren und auch weniger häufig bereit sind, für eine besser bezahlte Stelle ihren Arbeitsplatz zu wechseln.

          Der zweite Grund ist die digitale Revolution: Weil viele der von den Babyboomern heute noch besetzten, ansehnlich bezahlten Arbeitsplätze wegfallen, handelt es sich bei einem großen Teil der heute entstehenden neuen Stellen um weniger gut bezahlte Positionen für Menschen mit niedrigerer Qualifikation, deren Arbeitsplatz weniger stark durch die Digitalisierung bedroht ist.

          Unternehmen werden zu Netto-Sparern

          Ausgiebig untersucht wurde in den vergangenen Jahren auch die Bedeutung der Demographie für den Zins. Auf den ersten Blick fällt auf, dass der säkulare Fall der Zinsen in den vergangenen drei Jahrzehnten einhergegangen ist mit der Alterung der Bevölkerungen in den Industrienationen. Nun folgt allein aus der zeitlichen Koinzidenz dieser beiden Trends noch nicht zwingend ein kausaler Zusammenhang. Aber Überlegungen von Ökonomen lassen ebenso wie empirische Untersuchungen einen kausalen Zusammenhang vermuten.

          Die Babyboomer nutzen seit vielen Jahren ihre nicht selten ordentlichen Arbeitseinkünfte, um privat Vorsorge für das Alter zu betreiben. Der Anreiz hierfür ist hoch, weil die steigende Lebenserwartung in Verbindung mit einer nur langsamen Anhebung des Ruhestandsalters dafür sorgt, dass die Menschen die Früchte ihrer Arbeit über einen immer längeren Zeitraum genießen können. Die Ersparnisbildung ist am höchsten in den letzten Arbeitsjahren der Babyboomer, weil dann ihre Arbeitseinkommen den Zenit erreichen und die laufenden Ausgaben zurückgehen, weil in aller Regel das Wohneigentum abbezahlt ist und die Kinder ihre Ausbildung abgeschlossen haben.

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          Die hohe Ersparnis der privaten Haushalte, die sich auch in alternden Schwellenländern wie China beobachten lässt, trifft auf eine Investitionsnachfrage der Unternehmen, die unter der digitalen Revolution leidet, weil sie viele traditionelle Investitionen in Sachkapital unnötig macht. Seit mindestens zehn Jahren sind die Unternehmen in der Welt selbst zu Netto-Sparern geworden. So trägt die Babyboomer-Generation zum säkularen Fall der Zinsen bei.

          Was passiert, wenn die Babyboomer in Rente gehen?

          Indem die Babyboomer eine Ursache für die niedrigen Zinsen und das niedrige Lohnwachstum bilden, leisten sie auch einen Beitrag zu der nachhaltig niedrigen Inflation. Solange die Löhne nicht deutlich steigen, ist ein kräftiger Anstieg der Inflationsrate wenig wahrscheinlich.

          Die Trends der vergangenen Jahrzehnte lassen sich allerdings nicht fortschreiben, denn die Babyboomer befinden sich im Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand. Und damit dürften sie zu einer Trendumkehr beitragen – nicht schnell und heftig, sondern langsam und gemächlich. Dies lässt sich besonders gut für die langfristige Zinsentwicklung beschreiben.

          Mit dem Eintritt in den Ruhestand dürfte die Ersparnisbildung der Babyboomer deutlich abnehmen, während die ihr nachfolgende Generation zwar auch sparen möchte, aber weitaus weniger zahlreich ist. Zwar werden viele Babyboomer ihre Ersparnisse nicht gänzlich im Alter konsumieren wollen, weil sie Nachkommen etwas vererben möchten. Aber allein die explodierenden Gesundheitsausgaben in der letzten Lebensphase dürften dafür sorgen, dass viele Babyboomer im Alter mehr Geld ausgeben müssen, als ihnen lieb ist.

          Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht geht der Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand daher mit einem sinkenden Kapitalangebot einher, das tendenziell zinssteigernd wirken wird. Der Einfluss auf die Inflationsrate ist weniger klar. Wenn durch den demographischen Wandel die Arbeitskräfte knapp werden sollten, mag dies einen Trend zu höheren Löhnen und Inflationsraten begünstigen. Dem steht entgegen, dass ältere Menschen eine niedrige Inflationsrate präferieren – und die Babyboomer im Rentenstand werden eine wichtige Wählergruppe sein.

          Natürlich werden Zinsen, Inflation und Löhne nicht allein durch die Demographie beeinflusst. Aber sie werden auch durch die Demographie beeinflusst. Dies wird in öffentlichen Debatten häufig unterschätzt.

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