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Zertifikate : Jeden Tag 700 neue Derivate

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Der Markt für Derivate boomt. Allein der Oktober brachte 15.000 neue Zertifikate. Anlegerschützer sehen auch Nachteile: „Durch die große Vielfalt ist der Markt für die meisten nicht mehr nachvollziehbar.“

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          Der boomende Derivatemarkt in Deutschland erhält fast täglich neue Facetten. Alleine im Oktober kamen nach Angaben des Branchenverbandes Deutsches Derivate Institut (DDI) gut 15.000 neue Zertifikate und spekulative Hebelpapiere hinzu. Auf die einzelnen Börsentage heruntergerechnet, ergibt sich daraus die beeindruckende Zahl von fast 700 neuen Finanzprodukten an jedem dieser Oktobertage. Insgesamt haben Privatanleger inzwischen die Wahl unter mehr als 120.000 verschiedenen Derivaten, die derzeit an den deutschen Börsen gehandelt werden. Doch diese Wahl dürfte meist keine leichte sein, denn hier den Überblick zu bewahren, ist selbst für Experten kaum mehr möglich. Überdies gelten viele der Finanzprodukte als komplex, intransparent und teuer.

          „Durch die große Vielfalt ist der Markt für die meisten Anleger nicht mehr nachvollziehbar“, sagt Harald Petersen von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Mit der Umsetzung der EU-Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (Mifid) dürfte sich die Transparenz zwar verbessern, die Unübersichtlichkeit bleibe jedoch bestehen. Andreas Fink vom Fondsverband BVI verweist auf das allgemein schlechte Finanzwissen der Deutschen, dabei sei der abstrakte Derivate-Bereich ohnehin schwer zu vermitteln. Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut DAI rät Anlegern, nur zu kaufen, was sie auch verstehen. Im Prinzip seien zum Beispiel Zertifikate sinnvolle Marktinstrumente, wenn sie nicht blind gekauft würden.

          Emission von Derivaten in Deutschland einfach

          Die Derivate beziehen sich auf Aktien, Indizes, Rohstoffe oder Währungen, die Basiswerte. Es gibt sie für jede Marktlage: Anleger können von steigenden, fallenden oder sogar von sich wenig verändernden Kursen profitieren. Die Deutschen zeigen sich interessiert. Schätzungen des Deutschen Derivate-Forums zufolge, dem zweiten Interessenverband der Branche, hatten Anleger per Ende September in bereits 106 Milliarden Euro in derivativen Wertpapieren investiert - Tendenz steigend. Zertifikate mit Kapitalschutz sind besonders gefragt. Aber auch spekulative Anlegernaturen kommen auf ihre Kosten: Mit Hebelprodukten und damit einem vergleichsweise geringen Einsatz können sie überproportional gewinnen, diesen Einsatz aber auch schnell wieder verlieren. Viele der neuen Produkte sind nur kleine Variationen bereits emittierter Papiere, anderes ist völlig neu. Manche können sich durchsetzen, andere hingegen verschwinden nach kurzer Zeit auch wieder vom Markt.

          Gerade in Deutschland ist die Emission von Derivaten vergleichsweise einfach, schnell und zudem kostengünstig möglich, was die Vielfalt an Papieren und den Innovationsdrang der Banken zu einem großen Teil erklären dürfte. Für eine Wertpapierkennnummer, die ein solches Produkt braucht, müßten hierzulande nur 50 Euro bezahlt werden, rechnet Ralph Stemper von der Commerzbank vor. In der Schweiz sei eine solche Börsennotierung wesentlich teurer, was die Emissionstätigkeit dort beschränke. Im Grunde versuche man dem Anleger so viele Basiswerte und Produkte an die Hand zu geben wie möglich. Was er damit mache, sei dann seine Sache.

          50 Prozent werden gar nicht mehr gehandelt

          Es gibt zahlreiche Gründe, mit denen sich die steigende Zahl von Produkten erklären läßt. Das Geschäft floriert. Daher drängen immer neue Emittenten auf den deutschen Derivatemarkt. Auch die Anlegerschaft und damit das Interesse an den Wertpapieren werde immer größer, sagt Mathias Schölzel von der Deutschen Bank. Der wichtigste Aspekt sei aber ein gewisser Automatismus bei Standardprodukten, der zu „Massenemissionen“ führe, was vor allem bei großen Basiswerten beispielsweise aus dem Dax zu beobachten sei. Bei einem solchen Basiswert werde gleich eine ganze Palette an Discount- und Bonuszertifikaten sowie Optionsscheinen mit verschiedenen Laufzeiten, Basispreisen und anderen Parametern emittiert.

          Auch wenn Marktlagen sich deutlich ändern, hat das Einfluß auf die Emissiontätigkeit der Banken. Manche Produkte werden uninteressant, andere wie die hochspekulativen Knock-Out-Produkte verfallen. In bestimmten Marktlagen sind zum Beispiel Rohstoffe besonders gefragt. Die Banken reagieren schnell. Neuemissionen würden auch notwendig, weil alte Wertpapiere auslaufen, sagt Stemper. Häufig ist die Laufzeit begrenzt. Die große Zahl an Derivaten sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß viele Produkte zwar noch börsennotiert seien, aber gar nicht mehr gehandelt würden, da sie aus Anlegersicht uninteressant seien. Stemper schätzt ihren Anteil auf mehr als 50 Prozent.

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