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Zahlungsdienstleister : Worldline will eine bargeldlose Welt

Gilles Grapinet Bild: FREDERIC BOYADJIAN

Der Zahlungsdienstleister Worldline ist zweifelsfreier Gewinner einer Entwicklung, die immer mehr Fahrt aufnimmt: Das Bargeld bekommt einen zunehmend schweren Stand.

          Bargeld hat einen schweren Stand. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird den 500-Euro-Schein abschaffen. In vielen europäischen Ländern gibt es Höchstgrenzen für Barzahlungen. In Frankreich kann in Geschäften nur noch bis 1000 Euro bar bezahlt werden. Meistens wird diese Entwicklung mit der Verwendung von Bargeld für kriminelle Aktivitäten wie Steuerhinterziehung, Drogenhandel oder Terrorismusfinanzierung begründet. Doch die Bundesbank hält dagegen: Für sie steht Bargeld auch für die Freiheit der Bürger. Diese wird eingeschränkt, wenn die Nutzung von Bargeld begrenzt wird. Gewinner dieser Entwicklung ist zweifelsfrei der Zahlungsdienstleister Worldline, eine Tochtergesellschaft der französischen IT-Gesellschaft Atos.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Je mehr im Handel mit Giro- oder Kreditkarten bezahlt wird, je mehr über das Internet oder Smartphone überwiesen wird, umso besser ist das für den Umsatz von Worldline. In Europa sind die Franzosen in der Abwicklung dieser Transaktionen führend. Im vergangenen Jahr erzielten die 8600 Mitarbeiter einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. Vor sechs Jahren waren es noch 4800 Mitarbeiter und ein Umsatz von 844 Millionen Euro. Das Wachstum erfolgt nicht nur organisch, sondern auch durch Übernahmen wie zum Beispiel des deutsch-niederländischen Zahlungsverkehrsdienstleisters Equens.

          Die bargeldlose Gesellschaft ist eine Mission von Worldline, auf die im Internet oder in Unternehmenspräsentationen aufmerksam gemacht wird. „Für uns als Zahlungsverkehrsdienstleister ist es unsere Pflicht, den politischen Wunsch zur Schaffung einer möglichst bargeldlosen Welt zu unterstützen“, sagt Gilles Grapinet, Vorstandschef von Worldline, im Gespräch mit dieser Zeitung. Er lehnt Banknoten und Münzen ab: „Bargeld erleichtert das Verbergen von Zahlungsströmen und lässt somit auch Spielraum für unterschiedliche kriminelle Aktivitäten.“ Deshalb begrenzten immer mehr Länder die Bezahlung mit Bargeld auf bestimmte Summen.

          Bedeutung von Bargeld wird deutlich zurückgehen

          Grapinet ist davon überzeugt, dass die Bedeutung von Bargeld deutlich zurückgehen wird. Aber das braucht Zeit. Denn Bargeld sei noch immer das mit Abstand wichtigste Zahlungsmittel. Grapinet hält es für wichtig, dass sich die Gesellschaften mit den Kosten auseinandersetzen, die Bargeld verursacht. Das sind nicht nur kriminelle Aktivitäten. „Die Bereitstellung von Banknoten und Münzen und deren sichere Verwahrung sind alles andere als günstig.“

          In Deutschland rückte das Unternehmen Anfang des Jahres in den Mittelpunkt, als Institute wie Commerzbank oder Postbank rund 100.000 Kreditkarten ihrer Kunden auswechseln mussten. Grund war die Betrugsgefahr. Worldline als Zahlungsabwickler war häufig in Betrugsmeldungen mit solchen Kreditkarten aufgefallen, wenn diese im Internet bei bestimmten Händlern benutzt wurden. „Wir haben den Betrug aufgedeckt“, betont Grapinet. Für seine Vision einer bargeldlosen Gesellschaft gibt es eine zwingende Voraussetzung: „Wir sind uns darüber im Klaren, dass die Sicherheit der Zahlungsströme gewährleistet sein muss.“ Seinen Worten zufolge investiert Wordline viel in die Sicherheit. „Wir sind davon regelrecht besessen.“

          Beispiel McDonald's

          Durch den nun abgeschlossenen Zusammenschluss mit dem Zahlungsverkehrsdienstleister Equens ist Wordline auch in Deutschland deutlich gewachsen. „Wir beschäftigen hier nun über 1000 Mitarbeiter in Frankfurt, Aachen, Stuttgart und Konstanz“, berichtet Grapinet. Mit der Akquisition will er auch zu einer Konsolidierung des europäischen Zahlungsverkehrsmarktes beitragen. Dieser sei nach wie vor stark fragmentiert. „Es gibt noch immer mehr als 20 nationale Plattformen für die Zahlungsabwicklung und viele unterschiedliche Abwicklungsformen innerhalb der Bankenlandschaft.“ Diese fragmentierte Zahlungsinfrastruktur spiegelt seiner Ansicht nach größtenteils noch die Zeiten verschiedener Landeswährungen wider. Jeder im Markt wisse, dass eine weitere Konsolidierung stattfinden müsse, um bessere Services für Banken und Händler zu erbringen.

          Wordline steht dazwischen: „Wir unterstützen die Banken im Vertrieb der Zahlungsmittel und können gleichzeitig dem Einzel- und Großhandel helfen, die Zahlungen mit modernen Methoden und Instrumenten abzuwickeln.“ Als Beispiel nennt Grapinet die Schnellrestaurantkette McDonald’s. Für deren mehr als 2000 Restaurants in Frankreich hat Wordline eine Lösung entwickelt, mit der die Kunden aus der Ferne über ihr Smartphone bestellen und bezahlen können. Vor den Stoßzeiten wie etwa mittags könnten die Kunden schon online ihr Menü bestellen und bezahlen. „Wenn sie die Filiale betreten, müssen sie sich nicht mehr in die Schlange stellen, sondern können zügig ihr Essen abholen.“

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