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ETF-Rekord auf Xetra : Hohe Umsätze mit gutem und grünem Gewissen

Grüner Börsenbulle in Frankfurt Bild: Wolfgang Eilmes

Indexfonds mit nachhaltiger Strategie sind begehrt wie nie. Der Handel mit ihnen hat sich verdreifacht. Das ist gut für Anleger – aber nicht nur für die.

          3 Min.

          Investieren mit einem guten Gewissen wird für Anleger immer wichtiger. Deswegen umwerben auch immer mehr Anbieter die potentiellen Investoren. Ein gutes Spiegelbild für das rasch wachsende Interesse bieten die hohen Zuflüsse in börsengehandelte Indexfonds, die nachhaltige Anlagestrategien abbilden. Nach Daten der Deutschen Börse haben diese Exchange Traded Funds (ETF) im vergangenen Jahr hierzulande mit viel Schwung ein Rekordniveau erreicht.

          Kerstin Papon
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Denn das in diesen „ESG“-Fonds auf dem Handelsplatz Xetra investierte Vermögen hat sich binnen eines Jahres mehr als verdreifacht, wobei ESG für „Environmental, Social und Governance“ steht, also für Umwelt, Soziales und Lenkung. Das Volumen dieser Indexfonds stieg von 7,3 Milliarden im Jahr 2017 auf 23,2 Milliarden Euro zum Jahresende 2018 – ein Plus von 217 Prozent. Xetra ist nach Angaben der Deutschen Börse der führende Marktplatz für ETF in Europa.

          Mit diesem deutlichen Anstieg waren die Produkte im Vorjahr die mit Abstand am deutlichsten wachsende Kategorie im Indexfonds-Segment der Deutschen Börse. Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass es sich nach wie vor nur um ein Nischenprodukt handelt. Im Verhältnis zu dem Vermögen, das insgesamt in ETF investiert ist, kommen die nachhaltigen Fonds auf einen Anteil von 3 Prozent.

          „Hier treffen zwei besonders markante Entwicklungen im Finanzsektor aufeinander: der Trend zu passiven Investments über ETF und der Wunsch nach einer nachhaltigen Geldanlage“, sagt Stephan Kraus, der das ETF-Segment der Deutschen Börse verantwortet. Dabei sprächen die Produkte professionelle Investoren und Privatanleger zugleich an, wie die Nachfrage zeige. Auf Basis der Xetra-Aufträge beträgt das Verhältnis in etwa zwei Drittel zu einem Drittel. Gemessen am Volumen kommen institutionelle Investoren nach Schätzungen der Deutschen Börse auf einen Anteil von 90 Prozent, private auf 10 Prozent.

          Kosten sinken

          Die hohe Nachfrage nach nachhaltigen ETF schlägt sich auch im gestiegenen Handel mit diesen börsengehandelten Indexfonds nieder. Mit 2,9 Milliarden Euro im Jahr 2019 hätten die ETF-Umsätze hier auf Xetra ebenfalls einen Rekord und einen Anstieg um 130 Prozent verzeichnet, heißt es von der Börse. Im Jahr 2018 waren es noch 1,3 Milliarden Euro. Durch die höheren Handelsumsätze ist auch die Liquidität der Produkte gestiegen. Das kommt den Investoren zugute, da dadurch die Handelskosten sinken. Das ist positiv für die Renditen. Denn je liquider ein Wert, desto kleiner fallen grundsätzlich die Geld-Brief-Spannen aus – die Unterschiede zwischen den Preisen für einen Kauf oder Verkauf.

          Zu diesen indirekten Kosten kommen noch die Gebühren der Fondsgesellschaften hinzu. Dabei muss es inzwischen gar nicht mehr teurer sein, ein gutes Anlagegewissen haben zu wollen – im Gegenteil. Für einen beliebten Aktienindex wie den MSCI-World sind Fonds in der nachhaltigen Version im Durchschnitt sogar 3 Basispunkte günstiger, wie Börsendaten zeigen. So belaufen sich die Kosten für die nachhaltige Variante im Durchschnitt der 15 auf Xetra geführten ETF auf 0,23 Prozent, für die 17 nicht-nachhaltigen Indexfonds auf den Weltindex waren es dagegen 0,26 Prozent. Ohnehin sind Indexfonds unter Investoren beliebt, weil sie im Vergleich zu aktiv verwalteteten Fonds als besonders kostengünstig gelten.

          Anleger haben aber die Qual der Wahl, denn die Zahl der angebotenen Produkte wächst unaufhörlich und damit auch die der Strategien. Insgesamt wurden im Vorjahr 62 ESG-ETF neu gelistet. Damit stieg die Zahl der insgesamt über Xetra angebotenen derartigen Fonds auf 147. Nachhaltige Indizes, die diesen ETF zugrunde liegen, bilden verschiedene Aspekte des ESG-Spektrum ab, sagt Kraus. Anleger sollten deshalb genau vergleichen.

          Viele Varianten

          Und wie unterscheiden sich die Produkte? In ihren Schwerpunkten und der Konstruktion der nachhaltigen Indizes, sagt Kraus. Insgesamt gebe es unter den über Xetra verfügbaren nachhaltigen ETF mehr als 90 verschiedene Indizes. Die populärsten Produkte selektieren Unternehmen mit den höchsten ESG-Ratings in einem Markt, andere schlössen Gesellschaften aus bestimmten Branchen und Geschäftsfeldern aus – etwa solche, die mit Waffen oder Tabakkonsum in Verbindung stünden oder einen hohen CO2-Ausstoß hätten. Oft werde auch auf die Einhaltung konkreter Standards geachtet.

          Der erste nachhaltige ETF wurde am 11. April 2006 auf Xetra geführt: der „iShares Dow Jones Eurozone Sustainability Screened“ (ISIN DE000A0F5UG3 ) von Blackrock. Es habe jedoch zehn Jahre gedauert, bis die Nachfrage nach den nachhaltigen Anlagestrategien deutlich gestiegen sei und Emittenten begonnen hätten, ihr Angebot auszubauen, heißt es von der Börse. Das verwaltete Vermögen der insgesamt 1505 Fonds im ETF-Segment der Deutschen Börse stieg bis Ende 2019 auf ein Rekordniveau von 709,8 nach 524,2 Milliarden Euro im Vorjahr.

          Der beliebteste nachhaltige ETF auf Xetra ist ein Indexfonds der UBS auf den MSCI-World (ISIN LU0629459743), mit einem Umsatzanteil von 13 Prozent unter all diesen Fonds. Das größte Interesse ziehen aber weiter Indexfonds auf klassische Indizes wie Dax, Euro-Stoxx-50, MSCI World oder S&P 500 auf sich.

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