https://www.faz.net/-gv6-9g71l

Härtere Sanktionen : Wohin verschwindet Irans Öl?

  • Aktualisiert am

Iran verfügt über einige der größten Ölvorkommen der Welt. Bild: Picture-Alliance

Was passiert mit dem Ölpreis nach Inkrafttreten der Iran-Sanktionen am 5. November? Ein Problem sind nicht nur die Tanker, die ihre Ortungssysteme ausschalten.

          Wenn der amerikanische Präsident Donald Trump Iran in der kommenden Woche den Ölhahn zudrehen möchte, droht dem Ölmarkt ein heißer Herbst. Viele Investoren stellen sich auf Versorgungsengpässe und Preissprünge ein. Zwar stehen wichtige Förderländer wie Russland und Saudi-Arabien bereit, um möglicherweise mehr zur fördern. Doch wie groß die Ausfälle für den Weltmarkt sein werden, weiß keiner genau. Beobachter fürchten vielmehr, dass es künftig noch schwerer wird, den Iranern in die Karten zu schauen.

          Im Mai kündigte Trump das internationale Atom-Abkommen mit Iran auf und verhängte neue Sanktionen, die nun wirksam werden. Dadurch könnten Öl-Lieferungen im Volumen von mehreren Hunderttausend Barrel (159 Liter) pro Tag dem Markt entzogen werden. Auch wegen der weiter bestehenden Förderbremse der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und ihrer Partner wie Russland könnte das Angebot die Nachfrage dann nicht mehr decken.

          Aus Furcht davor deckten sich Anleger in den vergangenen Monaten bereits mit Rohöl ein. Anfang Oktober kostete die führende Nordseesorte Brent mit 86,74 Dollar je Fass so viel wie zuletzt 2014. Sorgen um eine schwächelnde Weltwirtschaft in Folge der ebenfalls von Trump angezettelten Handelskonflikte ließen den Preis allerdings wieder auf rund 75 Dollar sinken.

          Investoren fragen sich, wie es nach Inkrafttreten der neuen Sanktionen weitergeht. Keiner habe eine Ahnung, wie viel Öl dann aus dem Iran fließen werde, sagt Saudi-Arabiens Energieminister Chalid al-Falih. Ginge es nach Trump, kämen die iranischen Ölexporte völlig zum Erliegen. Das ist aus Sicht Irans undenkbar. „Irans Ölexporte können nicht gestoppt werden“, zitierte die Nachrichtenagentur Tasnim Ölminister Bidschan Sanganeh. Und Vizepräsident Eschak Dschahangiri sagte jüngst: „Trotz der Sanktionen wird der Iran nicht weniger als eine Million Barrel pro Tag exportieren.“

          Ausnahmen für Verbündete

          Aber auch die amerikanische Regierung weiß, dass es schwierig sein wird, die iranischen Öl-Exporte ganz auf null zu drücken – auch weil Verbündete in der Region noch von Lieferungen aus Iran abhängig sind. Daher wollen die Vereinigten Staaten nun einigen Ländern Ausnahmen gewähren, wie Außenminister Mike Pompeo am Freitag ankündigte. Dazu dürften nach eigenen Angaben die Türkei und der Irak gehören sowie Informationen von Insidern zufolge Indien und Südkorea. Iran wertete die Ausnahmeregelungen als Erfolg und Bestätigung seiner Position.

          Die Fachleute der Commerzbank schätzen, dass auf Tagesbasis zwischen eine und anderthalb Millionen Barrel iranischen Öls vom Markt genommen werden dürften. „Zwei Rohstoffhändler rechnen sogar mit einem Ausfall von bis zu zwei Millionen Barrel täglich und einem Preisanstieg auf 100 Dollar bis Anfang 2019“, sagt Rohstoffanalyst Eugen Weinberg. So ein Preissprung stelle aber ein Extremszenario dar. „Dafür müssten alle Länder bis auf China ihre Käufe von iranischem Öl vollständig einstellen, was wir für unwahrscheinlich halten.“

          Die anderen Mitglieder der Opec werden jedenfalls Mühe haben, den Erwartungen Trumps gerecht zu werden und den Ölpreis im Zaum zu halten. Denn schließlich ist Iran der drittgrößte Ölproduzenten unter ihnen. Schon jetzt sind seine Frachtzahlen nebulös. In den ersten drei Oktoberwochen exportierte Teheran Schätzungen zufolge mindestens eine Million Barrel pro Tag. Das reicht schon mal aus, um den gesamten Bedarf der Türkei zu decken. Die Schätzungen klaffen aber weit auseinander. Manche Experten gehen sogar von bis zu 2,2 Millionen Fässern pro Tag aus. Offizielle Zahlen gibt es aus Teheran nicht.

          Branchenkennern zufolge erschwert eine weitere Besonderheit die Prognosen: Viele Öl-Tanker des Landes schalten während der Fahrt ihre Ortungssysteme ab. An welchem Tag und zu welcher Stunde das Schiff seine Ladung aufgenommen habe, sei deswegen oft nicht mehr eindeutig nachvollziehbar.

          Zudem könnte iranisches Öl zunächst in Asien gebunkert, anstatt auf den Markt geliefert zu werden, was die Berechnungen noch komplizierter machen würde. Denn bei Marktanalysen wird gelagertes Öl nicht berücksichtigt. So könnte Iran großen Kunden wie Indien und China Öl zur Lagerung und nicht zum direkten Verbrauch liefern. Ein Insider aus dem Umfeld der Führung in Teheran sagte mit Blick auf Indien: „Wir werden ihnen Öl für unsere Lager dort liefern. Dasselbe werden wir auch mit China machen.“

          China bereitet sich schon auf die neue Zeit mit amerikanischen Liefersperren vor. Im September importierte die Volksrepublik im Vergleich zum Vorjahr mit 518.300 Barrel pro Tag rund 34 Prozent weniger aus dem Iran.

          Weitere Themen

          Wie Facebook für Libra werben will

          Geplante Digitalwährung : Wie Facebook für Libra werben will

          Facebook plant mit Libra eine Digitalwährung, die das Bezahlen revolutionieren soll. Die Kritik daran ist groß – besonders in Washington. Nun will der Konzern seinen Skeptikern entgegenkommen. Und zugleich eine Warnung aussprechen.

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.