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Wirtschaftsgeschichte : Johann Wolfgang von Goethe: Dichter, Denker, Ökonom

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Johann Wolfgang von Goethe verdiente seinen Lebensunterhalt viele Jahre als Finanzminister. Häufig verkannt, war der Dichterfürst auch ein versierter Ökonom und Geschäftsmann.

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          Zu den Zeiten von Johann Wolfgang von Goethe konnten selbst gefeierte und vielgelesene Dichter ihren Lebensunterhalt nicht von ihren Bucheinnahmen bestreiten. Der Grund: Anders als zum Beispiel in Frankreich und England gab es damals im Land der Dichter und Denker noch keinen Urheberschutz. Deshalb war es gang und gäbe, dass Raubkopierer erfolgreiche Werke in hoher Auflage nachdruckten. Das machte das Geschäft der Verleger sehr riskant: Auf den Ladenhütern blieben sie mit Verlust sitzen, und bei den wenigen Bestsellern schnappten ihnen die billiger produzierenden Kopierer das Geschäft weg. Die Verleger zahlten den Autoren deshalb nur niedrige Festpreis-Honorare; eine prozentuale Beteiligung des Autors am Umsatz - und damit an einer steigenden Auflage - war unüblich.

          Die meisten Poeten übten deshalb einen „Brotberuf“ aus: Friedrich Gottlieb Klopstock und Friedrich Hölderlin arbeiteten viele Jahre als Hauslehrer, Heinrich von Kleist war zeitweilig Beamter, Friedrich von Schiller war die meiste Zeit auf Gönner angewiesen. Goethe, 1749 in ein begütertes Haus geboren, war studierter Jurist. 1776 holte der junge Herzog Karl August den schon berühmten Verfasser des „Götz von Berlichingen“ und „Werther“ als Geheimen Legationsrat an seinen Hof. Heute oft verkannt, widmete sich Goethe dieser Aufgabe bis zur „Flucht nach Italien“ im Jahre 1786 mit vollem Einsatz.

          Mit Theorie und Praxis der Ökonomie vertraut

          Sein dichterisches Werk stellte er zurück, vielmehr fasste der Poet in diesen Jahren Tausende von Aktenvermerken zu Steuerfragen ab, eignete sich theoretische und praktische Kenntnisse der Ökonomie an. Er war verantwortlich für den Silberbergbau in Ilmenau - was sein Interesse an der Mineralogie und generell den Naturwissenschaften begründete und bestärkte. 1783 sanierte die von ihm konzipierte „Große Steuerreform“ den Etat des hochverschuldeten Kleinstaats. Nach seiner Rückkehr aus Italien wurde er wieder einer der höchsten Beamten des Landes. 1793 konzipierte er ein umfängliches Gutachten zur Münz- und Währungspolitik, das er zum Teil auch ausführte.

          Laut Adolf Hüttl, der „Goethes Wirken als Ökonom“ erforscht hat, war der dichtende Finanzminister mit den Wirtschaftstheorien seiner Zeit wohlvertraut. Am Ende seines Lebens zählte seine Bibliothek 38 Bücher zur Landwirtschaft, 46 zur Nationalökonomie, 59 zur Staatskunde. Goethe kannte die Schriften der Physiokraten und die Kritik der Frühsozialisten am Manchester-Liberalismus. Im „Faust“ verarbeitete er seine aus der Praxis gewonnenen Einsichten über Geldschöpfung, Inflation und das heraufziehende Zeitalter der Ökonomie.

          Mit seinen Verlegern im Dauerkonflikt

          Wirtschaftlich war Goethe gut gestellt. Sein Freund, der Herzog, der ihn bewunderte und verehrte, entlohnte ihn stattlich. Zu Beginn waren es 1200 Taler jährlich, im Alter von 66 Jahren sogar 3000 Taler. Als Schriftsteller handelte Goethe ungewöhnlich hohe Honorare aus. Er fühlte sich von den Verlegern aber oft übervorteilt und wechselte sie häufig. Um seinen „Marktwert“ zu erfahren, ersann er 1797 für den Verkauf des Manuskripts „Hermann und Dorothea“ eine Art Zweitpreisauktion. Für eine Gesamtausgabe verhandelte er 1824 mit mehreren Verlegern. Nach langem Gefeilsche erhielt Cotta den Zuschlag für 65 000 Taler; nach Reinhard Wittmann entsprach das 1991 einer Kaufkraft von schätzungsweise 3,25 Millionen D-Mark. Offenbar erstmals gelang es Goethe bei diesem Vertrag auch, eine Beteiligung an einer etwaigen Auflageerhöhung auszuhandeln - was für seinen Geschäftssinn und sein Durchsetzungsvermögen spricht.

          Goethe war ohne Frage der besthonorierte Autor seiner Zeit - und fürchtete sich dennoch stets vor Geldmangel. Schillers Schwägerin spottete 1831: „Er hat den Schlüssel des Holzstalls unter seinem Kopfkissen und lässt das Brot abwiegen.“

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