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Wirtschafts-Nobelpreisträger Eugene Fama : „Der Markt ist rational, das glaube ich immer noch“

  • Aktualisiert am

Eugene Fama bekommt zusammen mit Robert Shiller und Lars Peter Hansen den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen Bild: Reuters

Der Ökonom Eugene Fama bekommt am Dienstag den Nobelpreis. Seine Vorstellung, dass Märkte effizient sind, halten Gegner für einen der größten Fehler der Ökonomie. Ein Interview.

          5 Min.

          Herr Fama, am Dienstag bekommen Sie den Nobelpreis, heute halten Sie Ihre Nobel-Vorlesung. Worauf freuen Sie sich mehr?

          Auf den Dienstag natürlich, das ist weniger Arbeit. Da gibt es den Preis, ein Bankett, das Treffen mit dem König und der Königin.

          Aber heute findet das intellektuelle Duell statt. Sie bekommen den Preis ja zusammen mit Robert Shiller, Ihrem intellektuellen Gegner. Wer darf als Erstes sprechen?

          Das geht glücklicherweise nach Alter, deshalb rede ich zuerst. Aber ich glaube nicht, dass es ein Duell wird. Robert Shiller und ich sind uns einig über die Fakten, wir interpretieren sie nur unterschiedlich. Das sagen wir übrigens beide.

          Shiller sagt, die von Ihnen entwickelte Vorstellung, dass Märkte effizient sind, sei einer der größten Irrtümer in der Geschichte des ökonomischen Denkens.

          Da hat er unrecht. Die Idee hat Berge von Forschung nach sich gezogen, die dafür gesorgt haben, dass wir die Märkte besser verstehen. Nach diesem Kriterium ist sie ein großer Erfolg, dagegen kann keiner etwas sagen.

          Das war sie zweifellos. Aber seit der Finanzkrise glauben viele nicht mehr daran. Sie bleiben dabei?

          Ja. Der Markt ist rational, das glaube ich noch immer. Preise an Finanzmärkten spiegeln stets die verfügbaren Informationen wider.

          Es gibt keine irrationalen Preisübertreibungen?

          Korrekt. Ich glaube nicht an Blasen. Hier sind die Fakten zum Thema Blasen: Blasen beinhalten, dass Preise hochgehen und dass man vorhersehen kann, wann sie wieder heruntergehen. Aber Leute haben versucht zu prognostizieren, wann die Preise wieder heruntergehen. Und es gibt keinen Beweis, dass sie es können. Sie alle können also über Blasen reden, aber es gibt keinen Beweis, dass sie existieren. Deshalb mag ich das Wort Blase nicht.

          Das ist, als würden Sie sagen, es gibt keine Erdbeben, weil Sie sie nicht vorhersehen können. Man erkennt ein Erdbeben doch, wenn es da ist.

          Wenn Sie es eine Blase nennen wollen, wenn Preise erst hochgehen und dann runtergehen, dann haben Sie recht. Doch die Leute, die das Konzept von Blasen verwenden, sagen, dass man sie vorhersehen und verhindern kann. Das ist etwas anderes. Daran glaube ich ganz und gar nicht.

          Wenn es keine Blasen gibt und keine irrationalen Übertreibungen: Wieso steigen und fallen Preise dann manchmal so extrem?

          Es geht um Angebot und Nachfrage. Sie bestimmen, wo die Preise sich hinbewegen. Die Finanzkrise beispielsweise wurde ausgelöst durch eine riesige Rezession. Deshalb haben die Leute ihre Häuser nicht mehr abbezahlt, deshalb sind die Banken in die Krise gekommen. Keiner hat diese Rezession vorhergesehen.

          Ich dachte, es sei andersherum: Die Rezession wurde durch die vielen faulen Kredite ausgelöst?

          Wieso sollten die Menschen aufhören, ihre Häuser abzubezahlen, wenn es ihnen doch gutgeht? Das ist unlogisch. Die Leute erzählen gerne Geschichten, aber man sollte ihnen nicht alles glauben.

          Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Wie erklären Sie sich, dass die Preise für Häuser in Deutschland derzeit so rasant steigen?

          Ich kenne mich am deutschen Immobilienmarkt nicht aus. Aber am Ende geht es, wie gesagt, immer um Angebot und Nachfrage. Die Preissteigerungen bedeuten, dass es eine sehr starke Nachfrage nach Häusern gibt, die viel schneller wächst als das Angebot. Es kann sein, dass aus institutionellen Gründen in Deutschland zu wenig gebaut wird, also das Angebot hinterherhinkt. Oder die Nachfrage ist schlicht explodiert.

          Wieso sollte sie? Ist es nicht irrational, wenn die Leute auf einmal mehr Häuser haben wollen?

          Wieso? Deutschland ist nicht so stark von der Finanzkrise getroffen worden wie etwa Amerika. Die Rezession war nicht so schlimm. Wenn die Wirtschaft wächst und die Leute Geld haben, steigt die Nachfrage. Das ist doch ganz normal, mit Irrationalität hat das nichts zu tun.

          Und was, wenn die Preise in zwei Jahren abrupt fallen. Ist dann die Nachfrage eingebrochen?

          Genau, zum Beispiel wenn die Wirtschaft einbricht.

          Was ist mit den Zentralbanken? Ist ihr billiges Geld nicht auch verantwortlich für Preisblasen?

          Nein, die Zentralbanken sind nicht so mächtig, wie die meisten Menschen denken. Das sieht man doch derzeit. Sie können so viel Geld ausgeben, wie sie wollen, und die Zinsen bleiben nahe null.

          Aber die Zentralbanken setzen doch den Zins.

          Wirklich? Ich würde sagen, sie reagieren auf den Markt. Ihr Einfluss auf das Zinsniveau ist gering, das habe ich kürzlich nachgewiesen. Die Zentralbanken können nicht verhindern, dass die Zinsen derzeit extrem niedrig sind.

          Also sind EZB und Fed überhaupt nicht wichtig?

          Es wird ihnen mehr Macht zugeschrieben, als sie tatsächlich haben. Sie liefern gute Geschichten für die Medien.

          Aber die Märkte reagieren doch auch auf alles, was die Fed macht. Nicht nur die Journalisten.

          Nicht so sehr. Wirklich nicht so sehr.

          Alles, was Sie erzählen, klingt so, als könnten wir nichts tun, um die nächste Krise zu verhindern oder vorherzusehen.

          Genau, niemand kann das. Alle versuchen es, aber es gibt keinen Beweis, dass es klappt. Natürlich, es gibt Menschen, die über Jahre hinweg gute Vorhersagen treffen. Aber wenn man sieht, wie wenige das sind, sollte man skeptisch sein und sich fragen, ob die nicht einfach Glück gehabt haben.

          Das ist aber deprimierend.

          Tja, aber so sieht es aus. Man kann es nicht ändern.

          Und eine Finanzkrise wie 2008 können wir auch nicht verhindern?

          Doch, das ist möglich. Wir müssen den Banken vorschreiben, viel mehr Kapital vorzuhalten. So viel, dass 2008 sich nicht wiederholen kann, und noch ein bisschen mehr als Sicherheit.

          Wie viel wäre das?

          Ich kenne die Antwort nicht, aber es gibt Leute, die so etwas errechnen können. Und dann müssen wir das schnell angehen. Kapital erhöhen kann man nur in guten Zeiten, in schlechten Zeiten geht das nicht. Da hauen wir die Banken heraus – auch das haben wir in der Finanzkrise gelernt.

          Hätten wir sie besser pleitegehen lassen?

          Das hätte womöglich fürchterliche Konsequenzen gehabt, das wagt kein Politiker, ob rechts oder links. Deshalb ist diese Frage irrelevant. Aber man hätte die Banken natürlich verstaatlichen können.

          Verstaatlichen? Das sagt ein Chicago-Ökonom?

          Ich bin kein Freund von Verstaatlichung, im Gegenteil. Aber die Banken haben in der Finanzkrise gelernt, dass sie jedes Risiko eingehen können, denn wenn die Dinge sich schlecht entwickeln, wird der Staat sie retten. Das ist eine fürchterliche Botschaft. Eine Verstaatlichung hätte ihnen gezeigt, dass sie eben manchmal auch verlieren. Dann wären die Anreize besser.

          Können wir den Banken noch vertrauen, wenn es darum geht, wie wir unser Geld anlegen?

          Wenn sie uns die besten Aktien herauspicken wollen, dann nicht. Niemand kann den Markt dauerhaft schlagen, auch keine Bank. Das ist vielfach untersucht.

          Wieso versuchen es dann so viele?

          Darauf habe ich keine Antwort, das verblüfft mich immer wieder. Viele lassen sich sicher blenden von den Geschichten über die wenigen, die dann doch gewinnen. Sie übersehen, dass das in den meisten Fällen einfach Glück ist. Sie verstehen zu wenig von Wahrscheinlichkeitsrechnung.

          Sind die Leute irrational?

          In dieser Hinsicht vielleicht.

          Wie legen Sie selbst Ihr Geld an, wenn man nicht gewinnen kann? Einfach per Zufall?

          Es gibt zwei Lehren aus meiner Forschung. Erstens: Gib nicht zu viel Geld aus für Leute, die glauben, sie könnten die besten Aktien oder Anlagen herauspicken. Sie können es nämlich nicht. Ich habe also einen billigen Geldmanager gewählt. Zweitens: Überlege genau, wie viel Risiko du eingehen willst. Es ist nämlich so, dass man für mehr Risiko langfristig besser entlohnt wird. Kurzfristig aber kann es gehörig schiefgehen. Da muss man selbst entscheiden, was einem lieber ist.

          Und Sie? Lieben Sie den Nervenkitzel des Risikos, oder schlafen Sie lieber ruhig?

          Ich lege selbst gerne riskant an. Das macht man etwa, indem man auf den Aktienmarkt wettet, also Aktien statt Anleihen kauft.

          Und welche Aktien, wenn eh keiner weiß, welche gut laufen?

          Man kauft sie alle. Und wenn man gerne besonders riskant anlegt wie ich, dann wählt man sich unter den Aktien noch diejenigen aus, die besonders schwankungsanfällig sind.

          Werden Sie Ihr Nobelpreisgeld genau so anlegen?

          Nein, das stifte ich der Universität Chicago, der ich alles verdanke.

          Das Gespräch führte Lisa Nienhaus.

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